„Mais vous n’avez pas dormi du tout, Maurice!“[65] rief Alphonsine pathetisch.

„Taisez-vous, je dormirai après.“[66]

Damit ging er hinaus.

„Sauvée!“[67] flüsterte sie mir zu und deutete mit pathetisch ausgestrecktem Arm ihm nach.

„Monsieur, Monsieur!“ fuhr sie gleich darauf fort, zu deklamieren und stellte sich großartig mitten im Zimmer vor mir auf, „jamais homme ne fut si cruel, si Bismarck que cet être, qui regarde une femme comme une saleté de hasard. Une femme, qu’est-ce que c’est que ça dans notre époque? ‚Tue la!‘ voilà le dernier mot de l’Académie française!“[68]

Ich sah sie erstaunt an; vor meinen Augen verdoppelte sich alles, ich glaubte schon zwei Alphonsinen vor mir zu sehen ... Plötzlich bemerkte ich, daß sie weinte: ich fuhr zusammen und wurde mir bewußt, daß sie ja schon sehr lange zu mir sprach, und ich folglich geschlafen haben mußte, wenn ich nicht bewußtlos gewesen war.

„... Hélas! de quoi m’aurait-il servi de le découvrir plus tôt,“ rief sie, „et n’aurais-je pas autant gagné à tenir ma honte cachée toute ma vie? Peut-être, n’est-il pas honnête à une demoiselle de s’expliquer si librement devant monsieur, mais enfin je vous avoue que s’il m’était permis de vouloir quelque chose, oh, ce serait de lui plonger au cœur mon couteau, mais en détournant les yeux, de peur que son regard exécrable ne fît trembler mon bras et ne glaçât mon courage! Il a assassiné ce pope russe, monsieur, il lui arracha sa barbe rousse pour la vendre à un artiste en cheveux au pont des Maréchaux, tout près de la Maison de monsieur Andrieux – hautes nouveautés, articles de Paris, linge, chemises, vous savez, n’est-ce pas? ... Oh, monsieur, quand l’amitié rassemble à table épouse, enfants, sœurs, amis, quand une vive allégresse enflamme mon cœur, je vous demande, monsieur: est-il bonheur préférable à celui dont tout jouit? Mais il rit, monsieur, ce monstre exécrable et inconcevable et si ce n’était pas par l’entremise de monsieur Andrieux, jamais, oh, jamais je ne serais ... Mais quoi, monsieur, qu’avez vous, monsieur?“[69]

Sie eilte auf mich zu: ich werde wohl vor Fieber oder Frost gezittert haben, oder vielleicht war es ein Ohnmachtsanfall. Ich kann gar nicht sagen, was für einen bedrückenden, krankhaften Eindruck dieses halbverrückte Geschöpf auf mich machte. Vielleicht glaubte sie, sie müsse mich zerstreuen – wenn Lambert ihr das nicht ausdrücklich befohlen hatte; wenigstens verließ sie mich keinen Augenblick. Vielleicht war sie einmal beim Theater gewesen; sie deklamierte entsetzlich, drehte und bewegte sich ohne Unterlaß, und das Sprechen nahm bei ihr überhaupt kein Ende, während ich schon lange verstummt war. Soweit ich ihr Geschwätz verstanden habe, war sie auf irgendeine Weise mit der Maison de monsieur Andrieux – hautes nouveautés, articles de Paris, etc. eng verknüpft, ja vielleicht war sie sogar aus dieser Maison de monsieur Andrieux hervorgegangen; nun aber war sie auf ewig von diesem monsieur Andrieux getrennt worden, und zwar durch dieses monstre furieux et inconcevable,[70] und darin bestand nun die Tragödie ... Sie weinte fürchterlich, aber mir schien, daß sie sich nur verstellte und eigentlich gar nicht daran dachte, wirklich zu weinen; manchmal schien es mir, daß sie gleich auseinanderfallen werde wie ein Skelett. Sie sprach mit einer seltsam gequetschten, tremolierenden Stimme; das Wort préférable sprach sie zum Beispiel „préfér–a–able“ aus, und das a blökte sie wie ein Schaf. Einmal sah ich, als ich gerade zu mir kam und wieder die Augen aufschlug, daß sie mitten im Zimmer eine Pirouette machte, aber sie tanzte dabei nicht etwa, sondern diese Pirouette gehörte auch auf irgendeine Weise zu der Erzählung und sollte die Sache wohl nur anschaulicher machen. Plötzlich eilte sie zu dem alten, kleinen, ganz verstimmten Pianino, das an einer Wand stand, klimperte und begann zu singen. Wahrscheinlich bin ich dann wieder eingeschlafen oder eine Zeitlang bewußtlos gewesen, aber da bellte das Bologneserhündchen, und ich erwachte: das Bewußtsein kehrte mir für kurze Zeit mit voller Klarheit zurück und ließ mich alles deutlich in hellem, klarem Licht erkennen; ich erschrak und sprang auf.

„Lambert, ich bin bei Lambert!“ dachte ich, griff schnell nach meiner Mütze und stürzte zu meinem Pelz.

„Où allez-vous, monsieur?“[71] rief Alphonsina erschrocken und eilte zu mir, um mich festzuhalten.