Ich lag neun Tage lang bewußtlos.
Dritter Teil
Erstes Kapitel.
I.
Jetzt – von etwas ganz anderem.
Ich kündige zwar immer an: „von etwas anderem, etwas anderem“, und doch rede ich nach wie vor immer nur von mir. Dabei habe ich schon tausendmal erklärt, daß ich keineswegs mich selbst schildern will: das wollte ich sogar unbedingt vermeiden, als ich diese Aufzeichnungen begann. Ich verstehe doch, daß ich dem Leser völlig gleichgültig bin. Ich schildere andere und wollte ja von Anfang an nur andere schildern, nicht mich, und wenn nun meine Person doch immer wieder dazwischen kommt – so ist das nur ein bedauerliches Mißlingen meiner Absicht, da ich es eben auf keine Weise vermeiden kann, wie sehr ich es auch möchte. Vor allem ärgert mich, daß ich, wenn ich meine eigenen Erlebnisse mit solchem Eifer beschreibe, damit selbst den Anlaß gebe, von mir zu denken, ich wäre jetzt noch ganz derselbe, der ich damals war. Aber der Leser dürfte sich erinnern, daß ich schon mehr als einmal ausgerufen habe: „Oh, wenn ich das Geschehene doch umändern und ganz von neuem anfangen könnte!“ So etwas hätte ich doch nicht ausgerufen, wenn ich inzwischen nicht ein vollständig anderer Mensch geworden wäre. Das leuchtet wohl ein; und wenn sich einer nur vorstellen könnte, wie zuwider mir schon alle diese Entschuldigungen und Vorreden sind, die ich gezwungen bin, alle Augenblicke einzuflechten, sogar jetzt noch, mitten in meine Aufzeichnungen hinein!
Zur Sache!
Nachdem ich neun Tage lang bewußtlos dagelegen hatte, erwachte ich als ein Wiedergeborener, doch nicht als ein Gebesserter; übrigens war meine Wiedergeburt ziemlich dumm und natürlich nicht das, was man im weiteren Sinne darunter versteht; wenn sie jetzt geschähe, würde sie vielleicht ganz etwas anderes sein. Meine Idee, das heißt, mein Gefühl, bestand wiederum (wie ja schon tausendmal vorher) nur darin, daß ich von allen diesen Menschen fort wollte, diesmal aber unbedingt, und nicht mehr so, wie früher, da ich mich tausendmal vor die Entscheidung gestellt und mich doch immer nicht endgültig hatte entscheiden können! Rächen wollte ich mich an keinem, darauf gebe ich mein Ehrenwort, – obschon ich von ihnen allen beleidigt worden war. Ich wollte einfach weggehen von ihnen, ohne Haß, ohne Verwünschungen; ich wollte eigene Kraft zeigen, wirklich eigene Kraft, die von keinem von ihnen und niemand in der ganzen Welt abhing; hatte ich mich doch mit allem in der Welt beinahe schon ausgesöhnt! Dieser Zukunftstraum war damals nicht ein Gedanke, den ich erwog, sondern nur eine Empfindung, der ich einfach ausgeliefert war. Solange ich im Bette lag, wollte ich diese Empfindung nicht einmal zu formulieren versuchen. Ich lag in Werssiloffs Zimmer, das man zu meiner Krankenstube gemacht hatte, und erkannte mit Schmerz, wie kraftlos ich war: da lag ja nur noch ein Strohhälmchen, aber nicht ein Mensch, ein Strohhälmchen auch dann, wenn ich nicht krank gewesen wäre, – und oh, wie mich das kränkte! Doch siehe da, aus der tiefsten Tiefe meines Wesens erhob sich ein Protest dagegen, und mir verging der Atem vor einem eigenen Gefühl unendlich gesteigerten Hochmuts und maßloser Überhebung. Ich kann mich in meinem ganzen Leben keiner Zeit erinnern, wo ich von so anmaßenden Gefühlen erfüllt gewesen wäre, wie in jenen ersten Tagen meiner Genesung, d. h. wie gerade damals, als ich wie ein Strohhälmchen im Bett lag.
Aber fürs erste schwieg ich und nahm mir sogar vor, vorläufig noch über nichts nachzudenken. Ich sah ihnen immer nur in die Gesichter und bemühte mich, aus ihren Gesichtern alles zu erraten, was ich wissen wollte. Ich sah es ihnen an, daß auch sie mich nicht ausfragen und nicht neugierig sein wollten, und nach Möglichkeit nur von Nebensächlichem sprachen. Das gefiel mir, und zu gleicher Zeit erbitterte es mich wieder; diesen Widerspruch will ich nicht weiter erklären. Lisa sah ich seltener als Mama, wenn sie auch täglich zu mir hereinkam, gewöhnlich sogar zweimal am Tage. Aus einzelnen Bruchstücken ihrer Unterhaltung, die ich dann und wann auffing, und auch aus ihrem ganzen Gebaren schloß ich, daß Lisa wohl sehr viel zu tun hatte und wegen ihrer eigenen Angelegenheiten sogar sehr oft und stundenlang nicht zu Hause war: aber schon in dieser Möglichkeit, daß sie „eigene Angelegenheiten“ hatte, lag für mich gleichsam etwas Kränkendes. Übrigens waren das alles nur krankhafte, rein physiologische Empfindungen, die zu beschreiben sich nicht lohnt. Auch Tatjana Pawlowna kam fast täglich zu mir, und obgleich sie durchaus nicht zärtlich zu mir war und noch nicht einmal besonders rücksichtsvoll, so schimpfte sie doch nicht wie früher. Gerade das aber ärgerte mich fürchterlich, weshalb ich ihr schließlich ins Gesicht sagte: „Sie, Tatjana Pawlowna, Sie sind wahrhaftig, wenn Sie nicht schimpfen, geradezu sträflich langweilig!“ – „So, dann komme ich überhaupt nicht mehr zu dir,“ versetzte sie kurz und ging. Ich aber war froh, daß ich wenigstens eine hinausgejagt hatte.