Da kam plötzlich Mama herein, – zum Glück; denn ich weiß nicht, womit es noch geendet hätte. Sie kam, soeben aus dem Schlaf geschreckt, mit aufgeregtem Gesicht; in der Hand hatte sie ein Fläschchen und einen Eßlöffel; als sie uns erblickte, rief sie besorgt aus:
„Wußt’ ich’s doch! Da hab’ ich ihm die Chinintropfen nicht zur rechten Zeit gegeben, und nun fiebert er! Ich hab’ mich verschlafen, Makar Iwanowitsch, Liebster!“
Ich erhob mich und ging hinaus. Sie gab ihm die Tropfen und brachte ihn ins Bett. Auch ich legte mich wieder in mein Bett, aber ich war sehr erregt. Eine große Neugier war in mir erwacht, und ich dachte mit allen Gedanken an diese Begegnung. Was ich damals von ihr erwartete – ich weiß es nicht. Natürlich waren meine Gedanken ohne Zusammenhang, und eigentlich waren es gar keine Gedanken, sondern nur Bruchstücke von Gedanken. Ich lag mit dem Gesicht zur Wand und plötzlich erblickte ich in der Ecke den grellen Lichtfleck von der Sonne, an den ich vorher mit einer solchen Verwünschung gedacht hatte, und ich weiß noch, wie meine ganze Seele erklang und wie gleichsam ein ganz neues Licht mein Herz erfüllte. Ich erinnere mich noch gut dieses süßen Augenblicks und will ihn nie vergessen. Es war ein Augenblick neuer Hoffnung und neuer Kraft ... Ich war ja damals ein Genesender; da kann wohl diese plötzliche Stimmung eine unvermeidliche Folge meines Nervenzustandes gewesen sein. Aber an diese selbe lichte Hoffnung glaube ich auch jetzt, – das ist es, was ich jetzt hier niederschreiben und mir zu Bewußtsein bringen wollte. Selbstverständlich wußte ich auch damals schon ganz genau, daß ich nicht mit Makar Iwanowitsch gehen würde, und daß mir selbst nicht klar war, worin dieser neue Drang, der mich erfaßt hatte, bestand, aber ein Wort hatte ich, wenn auch im Fieberdelirium, doch schon ausgesprochen: „Sie haben keine Vornehmheit!“[14] „Das ist es,“ dachte ich von diesem Augenblick an in meiner Verzückung, „ich suche Vornehmheit, die aber haben sie nicht, und deshalb verlasse ich sie.“
Hinter mir hörte ich ein leises Geräusch, ich drehte mich um: an meinem Bett stand Mama, und sie beugte sich über mich und sah mir mit scheuer Neugier in die Augen. Auf einmal ergriff ich ihre Hand.
„Mama, warum haben Sie mir nichts von unserem teuren Gast gesagt?“ fragte ich plötzlich, und fast überraschte es mich selbst, daß ich so sagte.
Die ganze Unruhe verschwand im Nu aus ihrem Gesicht und Freude leuchtete gleichsam in ihm auf, aber sie antwortete mir nichts und sagte nur:
„Vergiß auch Lisa nicht; du hast Lisa vergessen.“
Sie sagte das hastig, errötete und wollte schnell weggehen; denn auch sie hatte eine furchtbare Scheu davor, Gefühle zur Schau zu stellen, – in der Beziehung war sie ganz wie ich: scheu und keusch. Und außerdem wollte sie mit mir natürlich nicht von dem Thema Makar Iwanowitsch anfangen; es genügte auch das, was wir uns mit den Augen sagen konnten. Aber gerade ich, der jedes Zurschaustellen von Gefühlen so haßt, gerade ich hielt sie mit Gewalt an der Hand zurück: ich sah ihr innig in die Augen, lachte still und zärtlich und streichelte mit der anderen Hand ihr liebes Gesicht, ihre eingefallenen Wangen. Sie beugte sich zu mir herab und preßte ihre Stirn auf die meine.
„Nun, Christus sei mit dir,“ sagte sie, plötzlich den Kopf erhebend, und ihr Gesicht strahlte, „werde gesund! Das vergesse ich dir nicht. Er ist krank, sehr krank. Sein Leben ist in Gottes Hand ... Ach, was sage ich da, das kann ja doch nicht sein!“
Sie ging hinaus. Ihr Leben lang hat sie in Angst und Bangen und in unermeßlicher Ehrfurcht ihren angetrauten Mann, den Pilger Makar Iwanowitsch, verehrt, ihn, der ihr großmütig und ein für allemal verziehen hatte.