Jetzt fasse ich kurz zusammen:
An dem Tage und zu der Stunde, als ich nach meiner Krankheit zum erstenmal das Haus verließ, hatte Lambert bereits zwei Möglichkeiten ins Auge gefaßt (das weiß ich jetzt ganz genau): die erste Möglichkeit war, von Anna Andrejewna für das Dokument einen Wechsel über mindestens dreißigtausend Rubel zu fordern und ihr dann zu helfen, dem alten Fürsten vor seiner eigenen Tochter und seinem ganzen Anhang angst und bange zu machen, ihn darauf im richtigen Augenblick zu entführen und sie schleunigst mit ihm trauen zu lassen – kurz, etwas von dieser Art. Es war da schon ein ganzer Plan zusammengestellt; man wartete nur noch auf meine Hilfe, das heißt, auf das Dokument.
Lamberts zweiter Plan war: Anna Andrejewna zu verraten und den Brief nicht an sie, sondern an die Generalin Achmakoff zu verkaufen, wenn das vorteilhafter wäre. Für diesen Fall rechnete er auch auf Bjoring. Aber an die Generalin hatte sich Lambert doch noch nicht herangewagt. Er hatte erst nur spioniert. Auch wartete er noch auf mich.
Oh, er hatte mich sehr nötig, oder vielmehr nicht mich, sondern das Dokument. Was aber mich persönlich betrifft, so hatte er in bezug auf mich auch schon zwei Pläne entworfen. Der erste Plan bestand darin, wenn es nun einmal anders gar nicht ginge, Halbpart mit mir zu machen, doch das natürlich nur dann, wenn er meiner in jeder Beziehung sicher sein konnte. Der zweite Plan aber sagte ihm weit mehr zu und bestand darin, daß er mich wie einen dummen Jungen betrügen wollte, indem er mir das Dokument einfach stahl oder mit Gewalt entwendete. Dieser zweite Plan gefiel ihm ausnehmend, und in seinen Träumen malte er sich gern das Gelingen desselben aus. Ich bemerke hier nochmals: es gab da so einen Umstand, der ihn an dem Gelingen dieses zweiten Planes überhaupt nicht zweifeln ließ, doch, wie gesagt, mitteilen werde ich diesen Umstand erst später. Jedenfalls erwartete er mich mit krampfhafter Ungeduld: alles hing für ihn nur von mir und meinem Verhalten ab, jeder Schritt und jeder Entschluß.
Aber in einer Beziehung muß ich ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen: bis zu meiner Genesung hatte er sich doch im Zaum gehalten, trotz seiner ganzen Ungeduld und einer Veranlagung, die ihn sonst nur schwer eine Sache abwarten ließ. Er war während meiner Krankheit überhaupt nicht zu mir gekommen, ausgenommen das eine Mal, als er mit Werssiloff gesprochen hatte; mich persönlich aber hatte er wohlweislich ganz in Ruhe gelassen, und bis zu meinem Erscheinen bei ihm war von ihm aus nichts geschehen, was sein Interesse irgendwie verraten hätte. Über die Möglichkeit aber, daß ich das Dokument jemandem übergeben oder davon Mitteilung machen oder es vernichten könnte, war er ganz unbesorgt. Aus meinem Gerede damals bei ihm hatte er schon ersehen, wieviel mir selbst an der Geheimhaltung lag, und wie sehr ich fürchtete, daß jemand von diesem Dokument auf irgendeine Weise etwas erfahren könnte. Daß ich aber von allen anderen ihn ganz zuerst aufsuchen würde, daran zweifelte er keinen Augenblick: Darja Onissimowna war ja zum Teil auch auf seine Veranlassung zu mir gekommen, und er wußte, daß nunmehr schon Neugier und Angst in mir geweckt waren, und ich die Ungewißheit nicht lange ertragen würde ... Und außerdem hatte er bereits alle Vorkehrungen getroffen, ja, es war ihm sogar möglich, genau zu erfahren, an welchem Tage ich zum erstenmal das Haus verlassen würde, so daß ich ihm doch nicht entgangen wäre, selbst wenn ich’s gewollt hätte.
Aber wenn schon Lambert ungeduldig auf mich wartete, so wartete Anna Andrejewna vielleicht noch viel ungeduldiger auf mich. Ich sage ganz offen: Lambert war teilweise vielleicht im Recht, wenn er sich mehr an seinen zweiten Plan hielt und sie im Stich zu lassen beabsichtigte, da sie schließlich selbst die Veranlassung dazu gab. Denn trotz ihres fraglosen Einverständnisses (ich weiß zwar nicht, in welcher Form sie übereingekommen waren, aber daß sie es waren, daran zweifle ich keinen Augenblick) war Anna Andrejewna doch bis zuletzt nicht ganz aufrichtig gegen ihn. So hatte sie ihm von sich nichts mitgeteilt. Sie hatte ihm nur andeutungsweise zu verstehen gegeben, daß sie mit seinem Plan und allen seinen Bedingungen einverstanden war, – aber eben auch nur andeutungsweise; sie hatte seinen ganzen Vorschlag sicherlich bis in alle Einzelheiten angehört und ihr Einverständnis wohl nur durch ihr Schweigen ausgedrückt. Ich habe die sichersten Beweise für die Richtigkeit dieser Annahme; und der Grund, weshalb sie sich so verhielt, war wohl, daß sie auf mich wartete. Sie wollte es lieber mit mir zu tun haben, als mit dem Spitzbuben Lambert – das steht für mich fest! Und das kann ich auch verstehen; ihre Rechnung stimmte nur deshalb nicht, weil Lambert sie schließlich durchschaute. Für ihn aber wäre es doch gar zu unvorteilhaft gewesen, wenn sie mir hinter seinem Rücken das Dokument abgenommen und sich mit mir verbündet hätte. Hinzu kam, daß er damals von dem Gelingen seines zweiten Planes schon mit aller Sicherheit überzeugt war. Ein anderer hätte an seiner Stelle immer noch ein wenig gezweifelt und sich gefürchtet, Lambert aber war jung, frech, beseelt von der ungeduldigsten Erwerbsgier, kannte die Menschen wenig und hielt sie alle für seinesgleichen; deshalb kam ihm denn auch nicht der geringste Zweifel, um so weniger als er durch Anna Andrejewnas Verhalten seine wichtigsten Mutmaßungen bestätigt sah.
Nun noch eine letzte und wichtigste Frage: Wußte auch Werssiloff schon irgend etwas, und war er schon damals an irgendwelchen, wenn auch noch so fernen Plänen Lamberts beteiligt? Nein, nein, nein, damals gewiß noch nicht, wenn auch das verhängnisvolle Wort vielleicht schon gefallen war ... Doch genug, genug davon, ich greife zu weit vor.
Nun, und wie verhielt es sich denn mit mir? Wußte ich damals schon etwas, und was war es denn, das ich wußte, als ich zum erstenmal das Haus verließ? Ich ging von der Behauptung aus, daß ich damals noch nichts gewußt hätte, ich hätte alles dies erst viel später erfahren, sogar erst dann, als alles schon zu Ende war. Das ist richtig, aber verhielt es sich denn auch wirklich so? Nein, im Grunde doch wohl nicht; ich wußte zweifellos schon recht viel; aber woher wußte ich es? Ich erinnere den Leser an meinen Traum! Wenn ich schon so einen Traum haben konnte, wenn so etwas schon meinem Herzen entspringen und sich gestalten konnte, so ist das ein Beweis dafür, daß ich schon ungeheuer viel – nicht gerade gewußt, aber doch geahnt habe von dem, was ich weiter oben vorausgreifend bereits erzählt habe, und was ich dann allerdings erst später, „nachdem alles zu Ende war,“ erfuhr. Also von einem „Wissen“ konnte damals noch nicht die Rede sein, aber mein Herz klopfte vor lauter Ahnungen und böse Geister hatten sich schon meiner Träume bemächtigt. Und zu einem Menschen wie Lambert zog es mich hin, obgleich ich genau wußte, was für ein Mensch er war, und obgleich ich sogar alle seine Absichten vorausahnte! Und weshalb zog es mich denn so zu ihm hin? Sonderbar: gerade jetzt, in diesem Augenblick, da ich dies niederschreibe, scheint es mir, als hätte ich schon damals ganz genau und sogar alle einzelnen Gründe gewußt, weshalb es mich zu ihm zog, während ich doch gleichzeitig gar nichts wußte. Vielleicht wird der Leser das verstehen. Jetzt aber – zur Sache und zu den Ereignissen in ihrer Reihenfolge.
II.
Es begann damit, daß zwei Tage vor meinem ersten Ausgang Lisa gegen Abend in großer Erregung nach Hause kam. Sie war aufs tiefste gekränkt worden; und in der Tat war ihr etwas Unglaubliches widerfahren.