„Aber wenn man Ihnen doch logisch und mathematisch beweist, daß Ihr Vernunftschluß falsch ist, daß der ganze Gedanke falsch ist, daß Sie nicht das geringste Recht haben, sich von der allgemeinen nutzbringenden Tätigkeit auszuschließen, nur weil Rußland vorherbestimmtermaßen zweitrangig ist! Wenn man Sie darauf hinweist, daß an Stelle des alten engen Horizonts die Unendlichkeit sich vor Ihnen auftut, daß an Stelle der engen Idee des Patriotismus ...“
„Ach!“ fiel ihm Krafft mit einer müden Handbewegung ins Wort, „ich sagte Ihnen doch schon, daß Patriotismus hiermit nichts zu tun hat.“
„Hier liegt augenscheinlich ein Mißverständnis vor,“ mischte sich plötzlich Wassin ein. „Der Irrtum besteht darin, daß Krafft nicht nur einen logischen Schluß verficht, sondern einen Schluß, der für ihn sozusagen zu einem Gefühl geworden ist. Nicht alle Naturen sind von gleicher Art; bei vielen verwandelt sich ein logischer Schluß tatsächlich in das stärkste Gefühl, das ihr ganzes Wesen ergreift und beherrscht, und dies Gefühl zu bannen oder zu verändern, ist nicht leicht. Um einen solchen Menschen zu heilen, müßte man eben dieses Gefühl ändern, was nur möglich ist, wenn man es durch ein gleichstarkes anderes Gefühl ersetzen kann. Das ist unter allen Umständen schwer, in vielen Fällen aber einfach unmöglich.“
„Falsch!“ rief wieder der Lehrer, „der logische Schluß hebt schon an und für sich alle Vorurteile auf. Eine vernünftige Überzeugung gebiert dasselbe Gefühl, das heißt, nicht gerade dasselbe, sondern ein gleichwertiges, gleichstarkes. Der Gedanke geht aus dem Gefühl hervor, und sobald er vom Menschen Besitz ergriffen hat, erzeugt er seinerseits ein neues Gefühl!“
„Die Menschen sind sehr verschieden: einige ändern ihre Gefühle leicht, andere schwer,“ entgegnete Wassin ablenkend, als wolle er den Streit nicht fortsetzen; mich aber hatte seine Auffassung schon förmlich begeistert.
„So ist’s, geradeso wie Sie es sagen!“ wandte ich mich plötzlich an ihn, indem ich mit einemmal das Schweigen brach und zu sprechen begann, als hätte ich nie einen Vorsatz gefaßt. „Sie haben recht, man muß das eine Gefühl durch ein anderes ersetzen, um das erste überwinden zu können. In Moskau lebte, es sind jetzt vier Jahre her, ein General ... Sehen Sie, meine Herren, ich habe ihn zwar nicht gekannt, aber ... Vielleicht hat er auch so als Mensch gar keine besondere Beachtung verdient ... Und außerdem kann einem der ganze Vorfall, genau genommen, als ein Beispiel von Unverstand erscheinen, aber ... Übrigens, sehen Sie, er verlor ein Kind oder vielmehr zwei, zwei kleine Mädchen, beide starben kurz nacheinander, beide am Scharlach ... Und was glauben Sie, das hat ihn so erschüttert, daß er sich nicht mehr aufzuraffen vermochte, er grämte sich und grämte sich, und sah bald so aus, daß man ihn nicht ansehen konnte, – und es endete damit, daß er starb, nach Verlauf kaum eines halben Jahres. Daß er wirklich nur deshalb gestorben ist, das ist Tatsache! Wodurch, fragt es sich nun, hätte man ihn wieder aufrichten können? Antwort: durch ein gleichstarkes Gefühl! Man hätte also diese beiden kleinen Mädchen herausgraben und ihm lebendig wiedergeben müssen – das war’s, das heißt, nur bildlich gesprochen. Und da das nicht anging, starb er eben. Indessen aber – was hätte man ihm da nicht alles für wunderschöne Schlüsse vorhalten können: daß das Leben vergänglich ist, und daß wir alle einmal sterben müssen, ja man hätte ihm sogar aus dem Kalender die Statistik vorlesen können, wieviel Kinder jährlich am Scharlach sterben, und so weiter ... Er war General außer Dienst ...“
Ich stockte, fast außer Atem, und sah mich im Kreise um.
„Aber das ist doch etwas ganz anderes,“ sagte irgend jemand.
„Die von Ihnen angeführte Tatsache entspricht zwar nicht ganz dem in Frage stehenden Fall, aber sie hat doch Ähnlichkeit mit ihm und erklärt die Sache anschaulicher,“ sagte Wassin, sich zu mir wendend.