„Ja, ich; und das weiß er. Oh, ich bin nicht leidenschaftlich, ich bin ruhig: aber auch ich möchte, ganz wie er, daß alle Menschen gut wären ... Wegen irgend etwas hat er mich doch geliebt.“
„Wie hat er dann sagen können, in Ihnen wären alle Laster?“
„Das hat er nur so gesagt; für sich, im geheimen, weiß er etwas ganz anderes. Aber nicht wahr, sein Brief war doch unsagbar lächerlich?“
„Lächerlich?“
Ich hörte mit gespanntester Aufmerksamkeit zu; sie schien tatsächlich sehr erregt zu sein und ... sprach vielleicht Dinge aus, die keineswegs für meine Ohren bestimmt waren; aber ich konnte mich trotz der peinlichen Situation nicht enthalten, sie auszufragen.
„O ja, gewiß lächerlich, und wie hätte ich gelacht, wenn ... wenn ich mich nicht so gefürchtet hätte. Übrigens bin ich durchaus nicht so furchtsam, glauben Sie das nicht. Aber nach jenem Brief habe ich doch die ganze Nacht nicht geschlafen; er ist wie mit krankem Blut geschrieben ... und worauf kann ich mich nach einem solchen Brief noch verlassen? Ich liebe das Leben, ich fürchte entsetzlich für mein Leben, darin bin ich wirklich schrecklich kleinmütig ... Ach, hören Sie!“ rief sie auf einmal und wandte sich erregt mir zu, „gehen Sie schnell zu ihm! Er ist jetzt allein, er kann nicht die ganze Zeit dort bleiben, bestimmt ist er allein aus dem Hause gegangen: suchen Sie ihn schnell auf, unbedingt so schnell wie möglich, laufen Sie zu ihm, zeigen Sie ihm, beweisen Sie ihm, daß Sie sein liebender Sohn, daß Sie der liebe, gute Junge sind, mein Student, den ich ... Oh, gebe Gott Ihnen Glück! Ich liebe niemanden, und so ist es auch am besten; aber ich wünsche allen Glück, allen, und vor allen wünsche ich es ihm, und das soll er wissen ... womöglich jetzt gleich, das wäre mir sogar sehr lieb ...“
Sie stand auf, in ihren Augen blitzten Tränen, und plötzlich verschwand sie hinter der Portiere (es waren wohl hysterische Tränen nach dem Lachen). Ich stand allein da und war erregt und verwirrt. Ich wußte wirklich nicht, was sie denn in eine solche Erregung versetzt haben konnte, in eine Erregung, die ich bei ihr gar nicht für möglich gehalten hätte. Irgend etwas in meinem Herzen krampfte sich gleichsam zusammen.
Ich wartete fünf Minuten, schließlich zehn Minuten; die tiefe Stille schreckte mich plötzlich auf, und ich entschloß mich, zur Tür hinauszuschauen und zu rufen. Auf meinen Ruf erschien die Köchin Marja und sagte mir im gleichgültigsten Ton, die gnädige Frau hätte sich längst angezogen und die Wohnung durch die Hintertür verlassen.