„Merke dir,“ sagte er, „photographische Aufnahmen sind sehr selten ähnlich, und das ist leicht zu erklären: das Original, das heißt, ein jeder von uns, ist ja auch im Leben nur äußerst selten sich selber ähnlich. Das Gesicht eines Menschen zeigt seinen charakteristischsten Zug eben nur in seltenen Augenblicken. Ein Künstler studiert das Gesicht, das er malen soll, und erhascht diesen eigentlichen Ausdruck des Gesichts, er errät sozusagen den Hauptgedanken des Menschen und gibt ihn im Bilde wieder, auch wenn das Gesicht des Betreffenden diesen Ausdruck während des Modellsitzens zumeist gar nicht hat. Die Photographie aber gibt den Menschen genau so wieder, wie er in dem einen Augenblick aussieht, und da ist es nicht ausgeschlossen, daß zum Beispiel Napoleon, in einem zufälligen Augenblick photographiert, auf der Photographie dumm aussehen könnte, und Bismarck – weichlich. Hier aber, auf dieser Photographie, hat die Aufnahme Ssonjä zufällig gerade im Augenblick ihres eigensten Ausdrucks angetroffen: in ihrer schamhaften, demütigen Liebe und scheuen, schreckhaften Keuschheit. Und sie war ja damals auch so glücklich, als sie sich endlich überzeugt hatte, daß es mich wirklich so sehr nach einem Bilde von ihr verlangte. Diese Aufnahme ist eigentlich vor gar nicht so langer Zeit gemacht, aber sie sah damals doch noch viel jünger und besser aus; dabei hatte sie auch damals schon diese eingefallenen Wangen, diese feinen Runzeln auf der Stirn und diese scheue Schüchternheit im Blick, die bei ihr jetzt mit den Jahren zu wachsen scheint – je länger, desto mehr. Wirst du’s mir glauben, Lieber: jetzt kann ich sie mir mit einem anderen Gesicht gar nicht mehr vorstellen, und doch ist sie einmal jung und reizend gewesen! Die russischen Frauen altern schnell, ihre Schönheit ist flüchtig, und das hat seinen Grund wahrlich nicht nur in einer ethnographischen Besonderheit des Typs, sondern auch darin, daß sie mit rückhaltloser Hingabe zu lieben verstehen. Die russischen Frauen geben alles auf einmal hin, wenn sie lieben, – den Augenblick und ihr ganzes Leben, die Gegenwart und die Zukunft; sie verstehen nicht, ökonomisch zu sein, sie sparen und geizen nicht, um des Vorrats willen, und so geht ihre Schönheit bald für den dahin, den sie lieben. Diese eingefallenen Wangen – das ist gleichfalls Schönheit, die für mich hingegeben ist, für meine kurze Lust. Es freut dich, daß ich deine Mutter geliebt habe, und du hast vielleicht sogar nicht einmal geglaubt, daß ich sie habe lieben können? Ja, mein Freund, ich habe sie sehr geliebt, und doch habe ich ihr nichts als Böses zugefügt ... Hier ist noch ein anderes Bildnis – sieh dir auch dies einmal an.“
Er nahm es vom Tisch und reichte es mir. Das war auch eine Photographie, nur in bedeutend kleinerem Format und in einem schmalen, ovalen Holzrähmchen – das Bild eines jungen Mädchens: ein schmales, schwindsüchtiges, doch trotz alledem schönes Gesicht, versonnen, und dabei doch bis zur Sonderbarkeit gedankenleer. Es waren die regelmäßigen Züge eines durch Generationen ausgebildeten Typs; aber sie machten einen krankhaften Eindruck: man hatte die Empfindung, daß sich plötzlich ein starrer Gedanke dieses Wesens bemächtigt hatte, der eben dadurch qualvoll war, daß er über seine Kraft ging.
„Das ... das ist jenes junge Mädchen, mit dem Sie sich trauen lassen wollten, und das an der Schwindsucht starb ... ihre Stieftochter?“ sagte ich ein wenig befangen.
„Ja, mit dem ich mich trauen lassen wollte, das an der Schwindsucht starb, ihre Stieftochter. Ich wußte, daß du ... alle diese Klatschgeschichten kennst. Übrigens, außer diesen hättest du auch nichts erfahren können. Leg’ das Bild hin, mein Freund, das war nur eine arme Irrsinnige und nichts weiter.“
„Wirklich irrsinnig?“
„Oder eine Idiotin; übrigens glaube ich, auch eine Irrsinnige. Sie bekam ein Kind vom Fürsten Ssergei Petrowitsch (infolge ihres Irrsinns, nicht aus Liebe; das ist eine der schändlichsten Taten des Fürsten). Das Kind ist jetzt hier, in jenem Zimmer, ich habe es dir schon lange zeigen wollen. Fürst Ssergei Petrowitsch darf weder herkommen noch das Kind sehen – laut unserer Verabredung im Auslande. Ich habe das Kind mit Einwilligung deiner Mutter zu mir genommen. Und gleichfalls mit Einwilligung deiner Mutter wollte ich mich damals trauen lassen mit dieser ... Unglücklichen ...“
„Ist denn eine solche Einwilligung überhaupt möglich?“ fragte ich erregt.
„O ja! Sie erlaubte es mir: eine Frau ist nur auf eine Frau eifersüchtig, diese aber war doch keine Frau.“
„Wenn sie es auch für alle anderen nicht war, für Mama war sie es! Das werde ich mein Lebtag nicht glauben, daß Mama nicht eifersüchtig gewesen sei!“ rief ich.
„Du hast recht. Das erriet ich erst, als alles schon beschlossen war, das heißt, als sie mir ihre Einwilligung gab. Aber lassen wir das. Jedenfalls kam es nicht dazu, da Lydia starb, aber vielleicht wäre es auch so nicht dazu gekommen, wenn sie am Leben geblieben wäre; deine Mutter aber lasse ich auch jetzt noch nicht zu dem Kinde. Das – war nur eine Episode. Mein Lieber, ich habe dich hier schon lange erwartet. Schon lange habe ich davon geträumt, wie wir hier zusammenkommen würden; weißt du, wie lange schon? – Schon seit zwei Jahren.“