„Lambert,“ unterbrach ich ihn hastig und außer Atem und kam unwillkürlich ein wenig ins Deklamieren – „wenn ich hier mit dir stehen geblieben bin, so tue ich es nur, weil ich dir sagen will, daß ich meinen Verkehr mit dir jetzt für immer abbreche. Ich habe dir das schon gestern gesagt, aber du scheinst es nicht verstehen zu wollen. Du bist kindisch und dumm, bist albern, wie nur ein Franzose albern sein kann. Du scheinst zu glauben, daß wir immer noch bei Touchard sind, und daß ich noch ebenso unerfahren sei wie damals ... Aber ich bin nicht mehr so dumm ... Ich war gestern betrunken, aber nicht etwa vom Wein, sondern weil ich sowieso schon aufgeregt war; und wenn ich deinem Geschwätz zustimmte, so habe ich das nur aus Schlauheit getan, um deine geheimen Gedanken aus dir herauszulocken. Ich habe dir eine Grube gegraben, und du hast dich gefreut und mich für den Dummen gehalten und alles ausgeplaudert. Weißt du, ich und – sie heiraten, das ist schon als Idee ein Blödsinn, den dir kein Sextaner glaubt! Und du bildest dir ein, ich hätte so etwas ernst nehmen können? Und du hast das im Ernst für möglich gehalten! Das hast du ja nur tun können, weil du die höhere Gesellschaft nicht kennst und nicht weißt, welche Anschauungen in diesen Kreisen herrschen. In der vornehmen Gesellschaft ist das ganz unmöglich, daß eine Dame einfach hingeht und heiratet ... Und jetzt werde ich dir klar und deutlich sagen, was du eigentlich willst: du willst mich einfach zu dir locken, um mich betrunken zu machen, damit ich dir das Dokument herausgebe und mit dir zusammen eine Gemeinheit gegen Katerina Nikolajewna begehe. Du irrst dich aber gewaltig! Ich werde niemals zu dir kommen, und wisse, das Dokument wird sich, wenn nicht morgen, so doch übermorgen in ihren Händen befinden, denn das Dokument gehört ihr und ist von ihr geschrieben worden, und ich selbst werde es ihr, ihr persönlich übergeben, und wenn du noch mehr wissen willst, so kann ich dir sagen, daß es bei Tatjana Pawlowna, die mit ihr gut bekannt ist, geschehen wird, in Tatjana Pawlownas Wohnung; und in Gegenwart von Tatjana Pawlowna werde ich ihr das Dokument übergeben und nichts von ihr verlangen. Und jetzt pack dich, verschwinde für mich auf ewig, denn sonst ... sonst, Lambert, könnte ich weniger höflich mit dir umgehen ...“
Ich zitterte am ganzen Körper. Es ist eine der schändlichsten Angewohnheiten, die ein Mensch im Leben haben kann, und zwar eine, die immer nur schädlich wirkt, wenn man sich in Szene setzen will. Welcher Teufel hatte mich geritten, mich so vor ihm zu ereifern, daß ich, der ich immer heftiger auf ihn einredete und die Stimme immer mehr erhob, plötzlich so in Eifer geriet, daß ich ihm die durchaus unnötige Einzelheit unter die Nase hielt, ich würde ihr das Dokument in Tatjana Pawlownas Gegenwart und in deren Wohnung ausliefern! Aber mich überkam damals die Lust, ihn zu verblüffen! Als ich so offen von dem Dokument gesprochen und plötzlich seinen dummen Schreck gesehen hatte, überkam mich der Wunsch, ihn mit der genauen Angabe von Einzelheiten vollends zu zerschmettern. Und eben dieses weibische prahlerische Geschwätz wurde später zur Ursache schrecklichen Unglücks, denn mein Hinweis auf Tatjana Pawlowna und ihre Wohnung setzte sich sofort in seinem Kopf fest, wie es bei Spitzbuben und bei in kleinen Dingen gerissenen Menschen zu geschehen pflegt; zu höheren und wichtigeren Dingen ist er unfähig und begreift von ihnen nichts, aber für Kleinigkeiten hat er einen feinen Instinkt. Ja, hätte ich von Tatjana Pawlowna geschwiegen, so wäre großes Unglück vermieden worden. Im ersten Augenblick verlor er gänzlich die Fassung.
„Hör nur,“ murmelte er, „Alphonsina ... Alphonsina wird dir vorsingen ... Alphonsina war bei ihr: ich besitze einen Brief ... ein Papier ... so gut wie ein Brief, worin die Achmakowa über dich spricht ... der Pockennarbige hat ihn mir verschafft, du weißt doch: der Pockennarbige – und du wirst schon sehen, du wirst schon sehen, komm nur mit!“
„Du lügst, zeig mir den Brief!“
„Er ist zu Haus, Alphonsina hat ihn, komm!“
Selbstverständlich log er und fabelte mir etwas vor, aus Angst, daß ich ihm davon laufen könnte. Ich ließ ihn denn auch mitten auf der Straße stehen, und als er mir nachfolgen wollte, machte ich halt und drohte ihm mit der Faust. Er hatte sich’s aber schon anders überlegt und – ließ mich gehen: in seinem Kopf war vielleicht schon ein neuer Plan aufgetaucht.
Für mich war der Überraschungen und Begegnungen noch kein Ende ... Und wenn ich mich heute dieses ganzen unglücklichen Tages erinnere, so scheint es mir, daß alle diese Zufälle sich gegenseitig verschworen hatten und sich nun aus irgendeinem verfluchten Füllhorn über meinem Haupte ausschütteten. Kaum hatte ich die Tür zu meiner Wohnung geöffnet, als ich schon im Vorzimmer mit einem jungen Manne zusammenstieß: er hatte ein längliches, blasses Gesicht, war von hohem Wuchs, von hochmütigem und „elegantem“ Äußeren und in einen kostbaren Pelz gekleidet. Auf seiner Nase saß ein Kneifer, den er aber sofort fallen ließ, als er mich erblickte, wie es schien, aus Höflichkeit; während er mit der Hand den Zylinder lüftete, sagte er, ohne übrigens stehen zu bleiben, mit einem weltmännischen und liebenswürdigen Lächeln: „Ah, bonsoir,“ zu mir und ging an mir vorüber, die Treppe hinunter. Wir beide erkannten einander sofort, obgleich ich ihn nur flüchtig ein einziges Mal gesehen hatte: in Moskau. Es war Anna Andrejewnas Bruder, der Kammerjunker, Werssiloffs Sohn, der junge Werssiloff, also ein Bruder von mir. Ihn geleitete meine Wirtin (der Wirt war noch nicht aus dem Büro zurückgekehrt). Als er draußen war, stürzte ich mich auf sie:
„Was hat er hier zu suchen? Ist er in meinem Zimmer gewesen?“
„Er ist durchaus nicht in Ihrem Zimmer gewesen. Er war bei mir ...“ sagte sie kurz und trocken und kehrte mir den Rücken.
„Nein, so geht das nicht!“ schrie ich. „Antworten Sie gefälligst: was hat er hier gewollt?“