„Nein, durchaus nicht,“ erwiderte ich. „Besonders gut ist der Ausspruch ‚die Frau ist eine große Macht‘. Doch ich verstehe nicht, warum Sie das mit der Arbeit in Verbindung bringen? Daß man nicht anders kann und arbeiten muß, wenn man kein Geld hat, wissen Sie selbst.“

„Aber jetzt ist genug gearbeitet worden,“ wandte er sich an meine Mutter, die nur so strahlte (als er mich anredete, war sie zusammengezuckt); „wenigstens in der nächsten Zeit will ich keine Handarbeiten sehen, ich bitte um meinetwillen. Du, Arkadi, du bist doch als Jüngling unserer Zeit sicherlich ein wenig Sozialist; nun, dann wirst du’s mir glauben, mein Freund, daß der Müßiggang von keinem so geliebt wird, wie von dem ewig arbeitenden Volk!“

„Das Ausruhen vielleicht, aber nicht der Müßiggang.“

„Nein, gerade der Müßiggang, das vollkommene Nichtstun; das ist das Ideal. Ich habe einen ewigen Arbeiter gekannt, allerdings war er kein Mann aus dem Volk ... Er war sogar ein ziemlich entwickelter Mensch und konnte manches begreifen. Nun, und dieser Mensch träumte in seinem ganzen Leben, vielleicht sogar jeden Tag, mit Wonne und Rührung von nichts anderem, als von vollständigem Müßiggang; er erhob sozusagen sein Ideal zum Absolutum – und das war: in schrankenlosester Unabhängigkeit, in ewiger Freiheit und in müßiger Beschaulichkeit zu leben. Und davon träumte er, bis er unter der Arbeit zusammenbrach; zu helfen war ihm nicht mehr – er starb im Krankenhaus. Ich bin wirklich mitunter zu der Annahme geneigt, daß die Vorstellung vom Genuß der Arbeit von Müßiggängern erfunden worden ist, versteht sich, von den tugendhaften unter ihnen. Das ist so eine von den ‚Genfer Ideen‘ aus dem letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts. Tatjana Pawlowna, vor drei Tagen schnitt ich aus der Zeitung eine Anzeige aus, hier ist sie“ (er zog ein Stückchen Papier aus der Westentasche), „eine von den unzähligen Anzeigen der studierenden Jugend, die die alten Sprachen beherrscht und in der Mathematik unterrichtet und zu allem bereit ist, zu jedem Unterricht ‚auswärts‘, zum Leben in Dachkammern und – kurz, zu allem. Also hören Sie: ‚Lehrerin übernimmt Vorbereitung für alle Lehranstalten‘ – wohlgemerkt: für alle – ‚und gibt Arithmetikstunden‘ – nur eine Zeile, aber sie ist klassisch! Man sollte meinen, wenn sie ‚für alle Lehranstalten vorbereitet‘, so muß sie doch auch in der Arithmetik unterrichten. Nein, sie erwähnt die Arithmetik noch ausdrücklich. Das – das ist schon der richtiger Hunger, das ist schon die höchste Not. Rührend ist hier gerade diese Unkenntnis: offenbar hat sie sich niemals zur Lehrerin ausgebildet, und es ist kaum anzunehmen, daß sie wirklich in einem Fach gut zu unterrichten versteht. Aber das ist doch der letzte Strohhalm, und so opfert sie ihren letzten Rubel für die Anzeige in der Zeitung und macht bekannt, daß sie in allen Fächern vorbereitet und außerdem noch Unterricht in der Arithmetik erteilt. Per tutto mondo e in altri siti.“

„Ach, Andrei Petrowitsch, der müßte man helfen!“ rief Tatjana Pawlowna aus. „Wo wohnt sie denn?“

„Ach, solcher gibt es viele!“ Er steckte die Anzeige wieder in die Tasche. „Dieses Paket dort auf dem Tisch, – da habe ich euch verschiedenes mitgebracht, – für dich, Lisa, und für Sie, Tatjana Pawlowna; Ssofja und ich, wir lieben keine Süßigkeiten. Und vielleicht auch für dich, junger Mann. Ich habe selbst alles bei Jelissejeff und Ballet[9] eingekauft. Wir haben schon gar zu lange ‚am Hungertuch genagt‘, wie Lukerja sagt.“ (NB. Niemand von uns hat jemals gehungert.) „Dort sind Weintrauben, Konfekt, Duchessebirnen und eine Erdbeertorte, und sogar einen vorzüglichen Likör habe ich genommen; auch Nüsse. Sonderbar, daß ich auch jetzt noch, ganz wie als Kind, Nüsse liebe, und wissen Sie, Tatjana Pawlowna, gerade die einfachste Sorte liebe ich am meisten. Lisa hat dieselbe Vorliebe; sie kann wie ein Eichhörnchen Nüsse knacken. Es gibt aber auch nichts Schöneres, Tatjana Pawlowna, als sich manchmal, ganz unversehens, so unter anderen Kindheitserinnerungen, auf Augenblicke im Walde zu denken, unter Knick und Busch, und an einem Zweig sieht man Nüsse sitzen, und die holt man sich ... Die Tage sind fast schon herbstlich, aber klar, manchmal ist es schon ziemlich frisch, und man versteckt sich im Dickicht, streift durch den Wald, es riecht nach Blättern ... Ich sehe etwas Sympathisches in Ihrem Blick, Arkadi Makarowitsch?“

„Die ersten Jahre meiner Kindheit habe auch ich auf dem Lande verlebt.“

„Wie, du hast doch, glaube ich, in Moskau gelebt ... wenn ich mich nicht irre?“

„Er war nur damals bei Andronikoffs in Moskau, als Sie hinkamen, bis dahin aber hatte er bei Ihrer verstorbenen Tante Warwara Stepanowna auf dem Lande gelebt,“ sagte Tatjana Pawlowna schnell.

„Ssofja, hier ist Geld, lege es weg. In den nächsten Tagen versprach man mir, fünftausend auszuzahlen.“