„Glaubst du?“ erwiderte er sanft. „Du bist sehr mißtrauisch; übrigens, wenn ich auch spotte, so doch nicht über dich oder wenigstens nicht über dich allein, also beruhige dich. Aber jetzt spotte ich nicht, und damals – kurz, ich tat damals alles, was ich konnte, und glaube mir, nicht zu meinem Vorteil. Wir, das heißt, wir alle von damals, verstanden nicht im geringsten, im Gegensatz zum Volk, zu unserem Vorteil zu handeln: im Gegenteil, wir schadeten uns immer selbst soviel wie möglich, und ich vermute, eben das wurde von uns damals für eine Art von ‚größerem eigenem Vorteil‘ gehalten, versteht sich, im höheren Sinne des Wortes. Die jetzige Generation der Pioniere ist unvergleichlich mehr, als wir es waren, auf ihren Vorteil bedacht. Ich hatte damals, noch vor der Sünde, Makar Iwanowitsch alles mit großer Offenheit erklärt. Jetzt gebe ich zu, daß vieles von dem gar nicht zu erklären nötig gewesen wäre, und noch weniger mit solcher Offenheit: das wäre, ganz abgesehen von der Humanität, sogar rücksichtsvoller gewesen; aber versuch einmal, wenn du gerade so recht ins Tanzen gekommen bist, dich plötzlich zu bezwingen und nicht noch einen Tanzschritt zu machen! Doch, wer weiß, vielleicht sind die Forderungen des Schönen und Erhabenen in der Wirklichkeit gerade von dieser Art, darüber bin ich mir in meinem ganzen Leben nicht klar geworden. Übrigens ist das ein zu tiefes Thema für unsere oberflächliche Unterhaltung, aber du kannst mir glauben, daß ich noch jetzt manchmal vor Scham vergehe, wenn ich daran zurückdenke. Ich bot ihm damals dreitausend Rubel an, und ich weiß noch, er schwieg die ganze Zeit, und nur ich allein sprach. Kannst du dir denken, es schien mir damals, daß er mich fürchtete, das heißt, als Leibeigener mein Herrenrecht, und ich weiß noch, daß ich mich aus allen Kräften bemühte, sein Mißtrauen zu verscheuchen; ich redete ihm zu, er solle doch frank und frei alle seine Wünsche aussprechen, und sogar Kritik üben soviel er wolle, er hätte nichts zu befürchten. Ich gab ihm mein Wort darauf, daß ich, wenn er auf meinen Vorschlag eingehen wollte – d. h. dreitausend Rubel als Entschädigung, dazu den Freibrief (für ihn und seine Frau, versteht sich), und die Reise wohin er wollte (ohne Frau, versteht sich) –, wenn er also darauf eingehen wollte, daß ich ihm dann sofort den Freibrief geben, ja womöglich seine Frau zu ihm zurückschicken und sie beide noch beschenken würde. Und sie brauchten nicht von mir fortzuziehen, sondern ich selbst würde von ihnen ganz allein fortziehen, gleich auf drei Jahre und nach Italien. Mon ami,[26] sei versichert, ich hätte damals nicht die Mademoiselle Ssaposhkoff mitgenommen: ich war sehr aufrichtig, als ich ihm das sagte. Aber was geschah? – Dieser Makar begriff natürlich nur zu gut, daß ich das Versprochene auch ausführen würde, aber er fuhr fort, zu schweigen, und nur, als ich schon zum drittenmal wieder damit anfangen wollte, wich er zurück, drehte sich um und verließ das Zimmer – sogar in einer so unzeremoniellen Weise, daß ich selbst damals, ich versichere dich, geradezu verwundert war. Ich sah mich darauf zufällig im Spiegel, nur mit einem Blick, und kann nicht vergessen, wie ich aussah. Überhaupt, wenn solche Leute nichts sagen – das ist das schlimmste, er aber war ein finsterer Charakter, und ich muß gestehen, als ich ihn zu mir ins Kabinett rufen ließ, da hatte ich nicht nur kein Zutrauen zu ihm, sondern fürchtete ihn sogar heftig: in diesem Milieu gibt es Charaktere, und sogar sehr viele, die sozusagen die Personifizierung der unglaublichsten Unberechenbarkeit sind, und vor so was fürchtet man sich mehr als vor Schlägen. Sic! Und wieviel ich riskierte, wieviel ich riskierte! Nun wie, wenn er auf dem Gut, im ganzen Bezirk, zu schreien und zu heulen angefangen hätte, dieser ländliche Uria, – was wäre dann wohl aus mir geworden, aus dem jungen König David, was hätte ich da tun können? Deshalb schob ich denn auch zuerst die Dreitausend vor, das geschah instinktiv, aber ich hatte mich zum Glück getäuscht: dieser Makar Iwanowitsch war etwas ganz anderes ...“
„Sagen Sie, war die Sünde schon geschehen? Sie sagten soeben, Sie hätten ihn noch vor der Sünde rufen lassen.“
„Das heißt, sieh mal, das ist so zu verstehen ...“
„Also, sie war geschehen. Sie sagten, Sie hätten sich in ihm getäuscht, er wäre etwas ganz anderes gewesen; was war er denn anderes?“
„Ja, was er eigentlich war, das weiß ich bis zum heutigen Tage noch nicht. Jedenfalls etwas anderes, und weißt du, sogar etwas sehr Anständiges; das schließe ich daraus, daß ich mich zu guter Letzt noch dreimal mehr vor ihm schämte. Schon am nächsten Tage willigte er ein, das Gut zu verlassen, natürlich ohne viel Worte, und ohne auch nur eine einzige der von mir versprochenen Belohnungen zu vergessen.“
„Nahm er das Geld?“
„Und wie! Und kannst du dir denken, mein Freund, in diesem Punkt hat er mich sogar sehr in Erstaunen gesetzt. Die dreitausend Rubel hatte ich damals selbstverständlich nicht in der Tasche, aber ich verschaffte mir siebenhundert und gab ihm diese so fürs erste; und er? – Er verlangte von mir, um der übrigen zweitausenddreihundert Rubel sicher zu sein, eine Schuldverschreibung in dieser Höhe mit der Bürgschaft eines Kaufmanns. Und nach Verlauf von zwei Jahren ließ er dieses Geld auf Grund der Schuldverschreibung bereits gerichtlich eintreiben, und sogar mit den Prozenten, was mich wieder sehr wunderte, um so mehr, als er damals buchstäblich für ein Gotteshaus als Pilger Gaben sammelte. Und seit der Zeit, nun sind es schon zwanzig Jahre, pilgert er immer noch. Ich begreife nicht, wozu ein Pilger soviel eigenes Geld braucht ... Geld ist eine so weltliche Sache ... Ich hatte es ihm in dem Augenblick natürlich aufrichtig angeboten und, sagen wir, in der ersten Hitze, dann aber, nachdem schon soviel Augenblicke darüber vergangen waren, konnte ich mich doch besinnen ... und ich rechnete eigentlich darauf, daß er wenigstens Nachsicht mit mir haben würde ... oder sozusagen mit uns, mit mir und ihr, daß er wenigstens warten würde. Indessen, nicht einmal gewartet hat er.“
(Ich muß hier ein notwendiges Notabene einfügen: wenn Herr Werssiloff inzwischen gestorben wäre und meine Mutter ihn überlebt hätte, so wäre sie im Alter buchstäblich ohne eine Kopeke zurückgeblieben, falls Makar Iwanowitsch damals nicht diese dreitausend Rubel gesichert hätte, die sich durch die Zinsen nun schon längst verdoppelt haben, und die er ihr nach seinem Tode im vorigen Jahr unangetastet hinterlassen hat. Also hatte er sogar schon damals Werssiloff durchschaut.)
„Sie sagten einmal, Makar Iwanowitsch hätte Sie mehrmals besucht und wäre dann immer in der Wohnung bei Mama abgestiegen?“
„Ja, mein Freund; und ich muß sagen, ich habe anfangs große Angst gehabt vor diesen Besuchen. In diesen zwanzig Jahren ist er im ganzen sechs- oder siebenmal bei uns gewesen, und die ersten Male habe ich mich, wenn ich zu Hause war, ihm nicht gezeigt. Ich konnte zunächst nicht verstehen, was diese Besuche zu bedeuten hatten, und warum er überhaupt kam. Dann aber, nach einigen Erwägungen, erschien mir das durchaus nicht so dumm von ihm. Und später einmal, da wurde ich zufällig neugierig und ging zu ihm, um ihn mir anzusehen, und ich muß sagen, ich gewann einen überaus eigenartigen Eindruck. Das war bei seinem dritten oder vierten Besuch, eben damals, als ich Friedensvermittler war und mich, versteht sich, mit Eifer daranmachte, Rußland kennen zu lernen. Und ich habe von ihm sogar außerordentlich viel Neues gehört. Außerdem fand ich in ihm gerade das, was ich unter keinen Umständen in ihm zu finden erwartet hätte: eine gewisse Seelengröße, eine Ausgeglichenheit des Charakters, und was am erstaunlichsten war, eine fast heitere Stimmung. Nicht die geringste Anspielung auf jenes (tu comprends?[27]). Dazu besaß er im höchsten Grade die Fähigkeit, sachlich und gut und sogar schön zu sprechen, ich meine, ohne diese ihre dumme bäuerische Tiefsinnigkeit, – die ich, unter uns gesagt, trotz meiner ganzen demokratischen Denkart, nicht ausstehen kann, – und ohne alle diese gezwungenen Russizismen, mit denen bei uns in Romanen und auf der Bühne alle ‚echten Russen‘ ihre Rede durchsetzen zu müssen glauben. Dabei sprach er sehr wenig von Religion, wenn man nicht selbst darauf zu sprechen kam, aber er erzählte in ihrer Art entzückende Geschichten von den Klöstern und aus dem Klosterleben, wenn man sich dafür interessierte. Aber das Hervortretendste war – seine Ehrerbietung, diese bescheidene Ehrerbietung, eben diese Ehrerbietung, die zur höheren Gleichheit notwendig ist, ja, ohne die man, meiner Meinung nach, auch gar keine Überlegenheit im Verkehr mit anderen Menschen erlangen kann. Gerade durch das Fehlen selbst der geringsten Überhebung wird der höchste Anstand erreicht, und man sieht einen Menschen vor sich, der sich selbst ohne jeden Zweifel achtet, und zwar gerade so, wie er ist, in seiner Stellung, gleichviel, welch eine Stellung das ist, und welch ein Schicksal er hat. Diese Fähigkeit, sich selbst gerade in seiner Stellung zu achten, findet man äußerst selten auf Erden, mindestens ebenso selten wie wirkliche persönliche Würde ... Das wirst du selbst sehen, wenn du älter bist. Aber am meisten hat mich an ihm doch das überrascht, und nicht zu Anfang, sondern erst später,“ fügte Werssiloff hinzu, „daß dieser Makar so auffallend wohlgestaltet und, glaube mir, außergewöhnlich hübsch ist. Wenn er auch alt ist, so ist er doch