„Krafft?“ stammelte ich und starrte die Achmakoff an. „Erschossen? Gestern? Bei Sonnenuntergang?“
„Wo warst du? Woher kommst du?“ kreischte Tatjana Pawlowna auf und krallte sich buchstäblich in meine Schulter. „Du hast spioniert? Du hast uns belauscht!“
„Was habe ich Ihnen gesagt! ...“ Katerina Nikolajewna erhob sich vom Sofa und wies auf mich.
Ich geriet außer mir.
„Blödsinn, Lüge!“ fiel ich ihr wütend ins Wort, „Sie haben mich soeben einen Spion genannt, o Gott! Lohnt es sich denn zu spionieren, ja lohnt es sich überhaupt, zu leben neben solchen wie Sie! Ein hochherziger Mensch endet durch Selbstmord, Krafft hat sich erschossen – wegen der Idee, wegen Hekuba ... Übrigens, was wissen Sie von Hekuba! ... Und hier – lebe nun einer mitten unter Ihren Intrigen und Lügen und bewege sich zwischen Ihren Minen und Fallgruben ... Ich habe genug davon!“
„Ohrfeigen Sie ihn! Ohrfeigen Sie ihn!“ schrie Tatjana Pawlowna, und da Katerina Nikolajewna mich zwar ansah, ohne einen Blick von mir zu wenden (ich erinnere mich noch jedes kleinsten Nebenumstandes), sich jedoch nicht von der Stelle rührte, so hätte Tatjana Pawlowna im nächsten Augenblick bestimmt selbst mir die Ohrfeige gegeben, weshalb ich unwillkürlich den Arm hob, um mein Gesicht zu schützen; aus dieser einen Bewegung aber schloß sie, daß ich selbst schlagen wollte.
„So, schlag nur, schlag nur!“ rief sie empört, „zeig’ nur, daß du von Geburt ein Knecht bist! Du bist ja stärker als Frauen, also genier’ dich nicht!“
„Jetzt hab’ ich aber genug von Ihren Verleumdungen, schweigen Sie!“ fuhr ich wütend auf. „Niemals habe ich meine Hand gegen eine Frau erhoben! Sie sind einfach schamlos, Tatjana Pawlowna! Ich weiß, Sie haben mich immer verachtet. Oh, mit den Menschen muß man umgehen, ohne sie zu achten! Sie lachen, Katerina Nikolajewna – wahrscheinlich über meine Gestalt. Ja, Gott hat mir keine solche Gestalt gegeben, wie Ihre Adjutanten sie haben. Und doch fühle ich mich vor Ihnen nicht erniedrigt, sondern im Gegenteil, erhoben ... oder gleichviel, wie man das ausdrücken muß. Ich weiß nur, daß es nicht meine Schuld war! Ich bin ganz ahnungslos hier eingetreten, Tatjana Pawlowna. An der ganzen Sache ist nur Ihre Köchin schuld, oder richtiger, Ihre Vorliebe für diese Person: warum hat sie mir auf meine Frage nichts geantwortet und mich hier eintreten lassen? Und nachher, das müssen Sie sich doch selbst sagen, so aus dem Schlafzimmer einer Frau herauszutreten, das – das erschien mir so monströs, daß ich mich entschloß, lieber Ihre Schmähungen hinzunehmen, als mich nun noch zu zeigen ... Sie lachen wieder, Katerina Nikolajewna?“
„Hinaus! Hinaus mit dir! pack’ dich von hier!“ schrie Tatjana Pawlowna, und sie wollte mich beinahe schon hinausstoßen. „Achten Sie nicht auf sein Geschwätz, Katerina Nikolajewna: ich sagte Ihnen ja, man hat uns doch schon von dort geschrieben, daß er verrückt ist!“
„Verrückt? Von dort geschrieben? Wer hätte das wohl tun können und woher? Gleichviel, es ist genug, Katerina Nikolajewna! Ich schwöre Ihnen bei allem, was mir heilig ist, daß dieses Gespräch und was ich hier gehört habe, unter uns bleiben wird ... Es war nicht meine Schuld, daß ich Ihre Geheimnisse erfahren habe; um so weniger, als ich morgen meine Stellung bei Ihrem Vater aufgebe, so daß Sie wegen des Dokuments, das Sie suchen, beruhigt sein können!“