Und er entfernte sich plötzlich, diesmal aber kehrte er nicht mehr zurück. Aljoscha ging zum Kloster.

„Wie, wie werde ich ihn denn nie mehr wiedersehen? was sagte er?“ fragte er sich, und es schien ihm undenkbar, daß er ihn nicht mehr wiedersehen werde. „Morgen noch muß ich ihn unbedingt zu sehen versuchen, ich werde ihn schon finden, werde ihn unbedingt aufsuchen! Was wollte er nur damit sagen? Was meinte er? ...“


Er ging von außen um das Kloster herum und dann durch den Kiefernwald geradeswegs zur Einsiedelei. Ihm wurde bald aufgemacht, obgleich man dort sonst zu so später Stunde niemanden mehr einzulassen pflegte. Sein Herz zitterte, als er in die Zelle des Staretz trat: – Warum, warum nur war er fortgegangen, warum hatte ihn jener ‚in die Welt‘ geschickt? Hier war Ruhe, hier war das Heil, dort aber – war Unruhe, dort war Finsternis, in der man sich sofort verirrte und verlor ... –

In der Zelle befanden sich der Novize Porfirij und der Priestermönch Paissij, der den ganzen Tag in jeder Stunde einmal kam, um sich nach dem Befinden des Staretz zu erkundigen, mit dem es, wie Aljoscha mit Schrecken hörte, immer schlechter wurde. Sogar die übliche allabendliche Unterweisung der Brüderschaft hatte diesmal nicht stattfinden können. Gewöhnlich versammelte sich des Abends nach dem Gottesdienst die Brüderschaft des Klosters noch vor dem Schlafengehen in der Zelle des Staretz, und ein jeder beichtete ihm dann laut seine Vergehen, seine sündigen Gedanken und Träume, die er am Tage gehabt, Versuchungen und sogar Streitigkeiten mit den anderen, falls solche vorgekommen waren. Viele beichteten kniend. Der Staretz erließ die Sünden, versöhnte, unterwies und belehrte, legte Bußen auf, segnete und entließ. Gegen diese „Beichte“ der Brüderschaft erhoben sich aber die Gegner der Startzen; sie sagten, das sei eine Profanation der Beichte als Sakrament, obgleich es in diesem Falle doch etwas ganz anderes war. Man machte die geistliche Obrigkeit sogar darauf aufmerksam, daß solch ein Beichten nicht nur zu nichts führe, sondern tatsächlich und mit Fleiß in Sünde und Versuchung bringe und Anstoß gäbe. Man sagte, vielen Brüdern sei dieses Beichten lästig, doch wollten sie sich nicht absondern und kämen nur zu dem Staretz, damit man sie nicht böser Gedanken verdächtige und für stolz hielte. Man erzählte sich sogar, daß einzelne aus der Brüderschaft auf dem Wege zum Staretz unter sich abmachten: „Ich werde sagen, daß ich mich heute morgen über dich geärgert habe, und du bestätige es,“ – damit man etwas zu beichten hätte und auf diese Weise loskäme. Aljoscha wußte, daß das wirklich zuweilen vorkam. Auch wußte er, daß es unter der Brüderschaft einige Mönche gab, die darüber sehr ungehalten waren, daß sogar die Briefe, die die Einsiedler von ihren Verwandten erhielten, zuerst zum Staretz gebracht wurden, der sie dann erbrach und noch vor dem betreffenden Adressaten las. Es wurde natürlich vorausgesetzt, daß alles freiwillig und aufrichtig geschah, von Herzen kam, aus freier Ergebung und um der Erlösung willen – doch in Wirklichkeit geschah es gar manches Mal sehr wenig von Herzen, im Gegenteil, sogar mit Falschheit und erheuchelter Demut. Doch die Älteren und Erfahreneren der Brüderschaft bestanden darauf, da sie der Meinung waren: „Wer aufrichtig in diese Mauern eingetreten ist, um hier seine Erlösung zu finden, für den wird das alles nur Heil bringen und von großem Nutzen sein; wem aber das lästig ist, und wer darüber murrt, der ist überhaupt kein Mönch und ganz umsonst ins Kloster gekommen – der gehört in die Welt. Vor der Sünde und dem Teufel kann man sich nicht nur in der Welt, sondern selbst im Gotteshause nicht schützen – folglich braucht man mit der Sünde nicht Nachsicht zu haben.“

„Er ist sehr erschöpft, jetzt ist er eingeschlafen,“ flüsterte Pater Paissij Aljoscha zu, nachdem er ihn gesegnet hatte. „Man kann ihn nur schwer aufwecken; aber man braucht ihn ja auch nicht zu wecken. Vor fünf Minuten erwachte er von selbst, bat, der Brüderschaft seinen Segen zu überbringen, und ließ sie bitten, für ihn Nachtgebete zu sprechen. Am Morgen will er noch einmal das heilige Abendmahl nehmen. Er gedachte deiner, Alexei, fragte, ob du fortgegangen seiest, und man sagte ihm, daß du in der Stadt wärest. ‚Dazu habe ich ihm meinen Segen gegeben: dort ist sein Platz vorläufig, nicht hier,‘ – also sprach er von dir. Liebend gedachte er deiner, mit sichtlicher Sorge; erkennst du auch, wessen du gewürdigt worden bist? Warum hat er dir das nur bestimmt, eine Zeitlang draußen in der Welt zu bleiben? Er sieht wohl etwas voraus in deinem Schicksal! Behalte aber, Alexei, wenn du nun auch in die Welt zurückkehrst, daß es doch nur eine von deinem Staretz dir auferlegte Buße ist, und daß du es nicht zu eitlem Leichtsinn und zu weltlicher Freude tun sollst ...“

Pater Paissij ging hinaus. Aljoscha wußte jetzt, daß die Todesstunde des Staretz nicht mehr fern war, wenn er auch noch einen oder zwei Tage leben konnte. Und so beschloß er sofort, am nächsten Tage, trotz der Versprechen, die er seinem Vater, Chochlakoffs, seinem Bruder Iwan und Katerina Iwanowna gegeben hatte, überhaupt nicht aus dem Kloster zu gehen, um bei seinem Staretz bis zu dessen Tode bleiben zu können. Sein Herz erglühte in Liebe zu ihm, und er machte sich bittere Vorwürfe, daß er in der Stadt einen Augenblick ganz hatte vergessen können, wer hier im Kloster auf dem Sterbebett lag – der Mensch, den er vor allen am meisten verehrte und am höchsten achtete. Er ging leise in die kleine Schlafzelle des Staretz, kniete dort nieder und verneigte sich vor dem Schlafenden bis zur Erde. Der schlief still und ruhig; gleichmäßig und fast unmerklich atmete er; sein Antlitz war gleichfalls ruhig.

Aljoscha kehrte in das vordere Zimmer zurück – in dasselbe, in dem der Staretz am Morgen den Besuch empfangen hatte –, zog seine Stiefel aus und legte sich fast ganz angekleidet auf das kleine, schmale Ledersofa, auf dem er schon seit langer Zeit in jeder Nacht schlief, nur legte er sich noch sein Kopfkissen unter. Das Federbett aber, das sein Vater ihm befohlen hatte, nach Haus mitzunehmen, brauchte er schon seit langer Zeit nicht mehr. Er nahm nur seine Kutte ab und bedeckte sich mit ihr an Stelle einer Bettdecke. Doch vorher kniete er jedesmal nieder und betete lange. In seinem heißen Gebet bat er Gott nicht etwa, ihm seine Verwirrung zu erklären, nein, er sehnte sich nur nach der freudigen Rührung, der früheren Rührung, die immer seine Seele so erfreut hatte, nach der Preisung Gottes, aus der gewöhnlich sein ganzes Abendgebet bestand. Diese Freude, die ihn dann überkam, brachte ihm einen leichten und ruhigen Schlaf. Als er jetzt wieder betete, berührte er plötzlich ganz aus Versehen den kleinen, harten Brief in seiner Tasche, den ihm Katerina Iwanownas Stubenmädchen auf der Straße übergeben hatte. Es verwirrte ihn zwar ein wenig, doch betete er ruhig zu Ende; darauf – nach einigem Schwanken – erbrach er das Kuvert: in ihm lag ein Brief an ihn, unterschrieben „Lise“. Es war dieselbe junge Tochter der Frau Chochlakoff, die am Morgen beim Staretz so sehr über Aljoscha gelacht hatte.

„Alexei Fedorowitsch,“ schrieb sie, „ich schreibe Ihnen ganz heimlich, niemand weiß es, auch Mama nicht, und ich weiß selbst, daß es nicht gut ist. Aber ich kann nicht mehr leben, wenn ich Ihnen nicht das sage, was in meinem Herzen aufgestiegen ist, das aber darf niemand außer uns beiden bis zur rechten Zeit erfahren. Doch wie soll ich Ihnen nur das sagen, was ich Ihnen so gern sagen will? Das Papier, sagt man, nicht, und ich weiß selbst, daß es nicht richtig ist. Aber und daß es ganz ebenso errötet, wie ich jetzt über und über erröte. Lieber Aljoscha, ich liebe Sie, liebe Sie schon von Kindheit an, schon seit Moskau, als Sie noch gar nicht so waren wie jetzt, und ich liebe Sie fürs ganze Leben. Natürlich mit der Bedingung, daß Sie das Kloster verlassen. Was unser Alter anbetrifft, so werden wir so lange warten, wie es das Gesetz verlangt; bis dahin werde ich bestimmt, unbedingt gesund sein, werde gehen und tanzen können. Darüber lohnt sich kein Wort zu verlieren.

Sehen Sie, wie ich alles bedacht habe; nur eines kann ich mir nicht vorstellen: was Sie von mir denken werden, wenn Sie das lesen? Ich lache immer und bin unartig, und heute noch habe ich Sie geärgert; aber ich versichere Ihnen, ich habe, bevor ich zu schreiben begann, vor der Mutter Gottes gebetet, und auch jetzt bete ich und weine beinahe.