„Allem Anschein nach ein boshaftes und kleinlich-anmaßendes Männchen,“ zuckte es Miussoff durch den Kopf. Er war sehr unzufrieden mit sich.

Da schlug die Uhr und half somit, ein Gespräch zu beginnen. Es schlug von einer billigen Wanduhr mit Gewichten in schnellen Schlägen gerade zwölf.

„Genau die festgesetzte Stunde!“ rief Fedor Pawlowitsch, „mein Sohn Dmitrij Fedorowitsch ist aber noch immer nicht erschienen. Ich bitte für ihn um Entschuldigung, heiliger Staretz!“ (Aljoscha fuhr zusammen, als er das „heiliger Staretz“ hörte.) „Ich selbst dagegen bin immer pünktlich auf die Minute, da ich weiß, daß Pünktlichkeit die Höflichkeit der Könige ist.“

„Soviel ich weiß, sind Sie nichts weniger als ein König,“ brummte Miussoff, der sich schon nicht mehr recht in der Gewalt hatte.

„Stimmt! Nichts weniger als ’n König. Und denken Sie nur, Pjotr Alexandrowitsch, das wußte ich ja selbst, bei Gott! Und sehen Sie, immer muß ich alles so mal à propos sagen! Ehrwürden!“ rief er darauf mit einem ganz plötzlichen, unerwarteten Pathos aus: „Sie sehen vor sich einen leibhaftigen Narren! Habe die Ehre, mich Ihnen als solchen vorzustellen. Alte Angewohnheit – leider! Daß ich aber am unrechten Ort und zur unrechten Zeit zuweilen etwas lüge, o, das geschieht sogar mit Absicht von mir, um andere zu erheitern und ihnen angenehm zu sein. Denn das muß man doch, nicht wahr? Wissen Sie, einmal, so vor etwa sieben Jahren, kam ich in ein Städtchen, es gab Geschäftchen abzuwickeln, wollte dort mit ein paar Kaufleuten eine Kompanie gründen. Kurz, wir gehen zum Kreispolizeichef – man mußte ihn doch um dies und jenes bitten –, um ihn zu einem Schmaus einzuladen. Er kommt heraus, groß, dick, blond und mürrisch, – eines der gefährlichsten Subjekte in solchen Fällen: ‚Herr Isprawnik,‘[7] sage ich zu ihm, ‚seien Sie unser Naprawnik!‘ – ‚Was soll ich sein?‘ fragte er. Ich sehe schon in der ersten Viertelsekunde, daß die Sache schief gegangen ist, er steht steif, fixiert mich: ‚Ich erlaubte mir, nur zu scherzen,‘ sage ich, ‚bloß so zur allgemeinen Heiterkeit, da Herr Naprawnik unser bekannter russischer Dirigent und Kapellmeister der kaiserlichen Oper ist, wir aber zur Harmonie unseres Unternehmens gleichfalls so etwas wie einen Kapellmeister brauchen‘ ... Kurz und gut, ich erkläre ihm vernünftig den ganzen Vergleich, nicht wahr, er aber sagt: ‚Ich bin der Isprawnik und verbitte mir unpassende Witzchen mit meinem Titel,‘ – kehrt sich um und geht! Ich ihm nach, rufe: ‚Ah, selbstverständlich sind Sie nur Isprawnik und kein Naprawnik!‘ – Er aber sagt nichts darauf und geht, geht wahrhaftig! Und was glauben Sie wohl: unsere ganze Geschichte ging aus dem Leim! Und immer bin ich so, immer verpfusche ich mir alles selbst mit meiner Liebenswürdigkeit! – Einmal, das ist jetzt schon viele Jahre her, sagte ich zu einer angesehenen, sogar einflußreichen Persönlichkeit: ‚Ihre Frau Gemahlin ist etwas sehr kitzlich,‘ – in dem Sinne, meine ich, was die Ehre anbetrifft, ich meine – in moralischer Hinsicht; er aber fragt mich: ‚Haben Sie sie denn gekitzelt?‘ Wart, denke ich, werde mir ein Witzchen erlauben: ‚Versteht sich,‘ sage ich. Nun, darauf hat er mich aber etwas anders gekitzelt ... Doch das ist schon so lange her, daß man sich weiter nicht mehr schämt, es zu erzählen. Und immer schade ich mir selbst auf diese Weise.“

„Das tun Sie ja auch jetzt wieder,“ brummte Miussoff mit Verachtung.

Der Staretz betrachtete sie beide stumm.

„Und ob! Stellen Sie es sich nur vor, Pjotr Alexandrowitsch, ich wußte das ja selbst, ich ahnte es bereits, als ich den Mund auftat und, wissen Sie, ich wußte sogar, daß Sie zu mir als erster diese Bemerkung machen würden. In diesen Sekunden, Ehrwürden, wenn ich sehe, daß der Spaß mir nicht gelingt, trocknen mir allmählich beide Wangen an das Zahnfleisch der unteren Kinnbacken an, und es kommt so etwas wie ein Krampf über mich: Das habe ich von Jugend auf, als ich noch bei den Edelleuten aus Gnade und Barmherzigkeit aufgenommen wurde und mir auf diese Weise, also dafür, daß ich bei ihnen lustiger Gast war, mein Brot verdiente. Ich bin ein eingefleischter Narr, bin’s von Kindesbeinen an, bin so geboren, Ehrwürden, ’s ist angeborene Blödsinnigkeit, wie gesagt! Oder möglich, daß sich ein unreiner Geist in mir verbirgt, will’s nicht verreden, übrigens, keines großen Kalibers, denn ein bedeutenderer würde sich ein anderes Quartier mieten, nur ist damit nicht gesagt, daß er dabei das Ihrige, Pjotr Alexandrowitsch, wählen würde, denn, nicht wahr, auch Sie sind ja kein bedeutendes Quartier. Dafür aber bin ich gläubig, glaube an Gott! Nur in der letzten Zeit habe ich so einige Bedenken gekriegt, dafür aber sitze ich jetzt hier in Erwartung heiliger Worte. Ich, Ehrwürden, bin wie Diderot. Kennen Sie die Geschichte, wie der Philosoph Diderot zum Metropoliten Platon kam? – zur Zeit der Kaiserin Katharina? Er kommt herein und sagt direkt, ganz ohne jegliche Einleitung: ‚Es gibt keinen Gott.‘ Worauf der große Kirchenvater seine Hand erhebt und sagt: ‚Rede nur, Sinnloser, in deinem Herzen trägst du Gott!‘ Diderot ihm sofort zu Füßen: ‚Ich glaube,‘ ruft er aus, ‚und empfange die Taufe.‘ Und so wurde er denn auch sofort getauft. Fürstin Daschkowa hob ihn aus der Taufe, und Potemkin war sein Pate ...“

„Fedor Pawlowitsch, das ist unerträglich! Sie wissen es ja selbst, daß Sie lügen, daß diese dumme Anekdote nichts weniger als wahr ist, wozu machen Sie denn diese Faxen?“ unterbrach ihn mit zitternder Stimme Miussoff, der sich nicht länger beherrschen konnte.

„Mein ganzes Leben lang habe ich’s ja geahnt, daß sie nicht wahr ist!“ bestätigte sofort und gleichsam in heller Begeisterung Fedor Pawlowitsch. „Meine Herren, ich werde Ihnen dafür die ganze Wahrheit sagen! Großer Staretz! Verzeihen Sie mir: das letzte, dieses von der Taufe Diderots, habe ich mir selbst soeben ausgedacht, erst jetzt, genau, als ich es erzählte, früher ist es mir nie in den Kopf gekommen. Hab’s mir nur so zur Pikanterie ausgedacht. Darum mache ich ja nur diese Faxen, Pjotr Alexandrowitsch, um sympathischer zu sein. Zuweilen weiß ich übrigens selbst nicht, warum. Und was den Diderot betrifft, so habe ich dieses: ‚rede nur, Sinnloser,‘ etwa zwanzigmal von den hiesigen Gutsbesitzern erzählen gehört, hab’s bereits als halbes Kind gehört, als ich bei ihnen lebte; auch von Ihrer lieben Tante, Pjotr Alexandrowitsch, von Mawra Fominitschna, habe ich’s gehört. Alle sind sie durch die Bank, bis auf den heutigen Tag, noch überzeugt, daß der gottlose Diderot zum Metropoliten Platon über Gott disputieren gegangen ist ...“