„Empörung? Dieses Wort wünschte ich nicht von dir zu hören,“ sagte Iwan empfindsam mit tiefem Blick auf den Bruder. „Kann man denn in der Empörung leben? Ich aber will leben. Sage mir offen, ich rufe dich an, antworte: Nehmen wir an, du selbst solltest das Gebäude des Menschenschicksals errichten mit dem Ziel, zum Schluß alle Menschen zu beglücken, ihnen endlich Ruhe und Frieden zu geben, doch zu dem Zweck stünde dir unvermeidlich bevor, und wär’s auch nur ein einziges kleines Wesen zu Tode zu quälen, sagen wir, dasselbe kleine Kind, das sich mit der kleinen Faust an die kleine Brust schlug – auf dessen ungerächten Tränen solltest du dieses Gebäude errichten, – würdest du es übernehmen, unter dieser Bedingung der Baumeister des großen Gebäudes zu sein? Sage es mir und lüge nicht!“

„Nein, ich würde es nicht übernehmen,“ sagte Aljoscha leise.

„Und kannst du glauben, daß die Menschen, für die du baust, einwilligen werden, ihr Glück auf Grund des ungerecht vergossenen Blutes jenes zu Tode gehetzten Knaben zu empfangen? und daß sie dann ewig glücklich sein können?“

„Nein, das kann ich nicht glauben ... Ach, Iwan,“ sagte Aljoscha plötzlich mit aufleuchtenden Augen, „du fragtest vorhin: Gibt es in der ganzen großen Welt ein Wesen, das verzeihen könnte, das das Recht hätte, zu verzeihen? Aber dieses Wesen gibt es, und es kann alles vergeben, allen und für alles, denn es selbst hat sein unschuldiges Blut für alle und alles hingegeben. Du hast ihn vergessen, auf ihm aber wird sich das Gebäude errichten und ihm wird man zurufen: ‚Gerecht bist du, o Herr, denn deine Wege sind jetzt offenbar.‘“

„Ach, das ist es ja, der ‚Einzige Sündenlose‘ und ‚Sein Blut‘! Nein, ich habe ihn nicht vergessen, im Gegenteil, ich wunderte mich die ganze Zeit, warum du ihn noch nicht vorführtest, denn gewöhnlich ist Er das erste, was deinesgleichen in allen derartigen Diskussionen nennen ... Weißt du, Aljoscha, – du brauchst nicht zu lachen, die Sache ist ernst –: Ich habe einmal, so etwa vor einem Jahr, ein Poem verfaßt. Wenn du noch zehn Minuten mit mir verlieren wolltest, so könnte ich es dir vielleicht erzählen.“

„Wie, du hast ein Gedicht geschrieben?“

„O nein, ist mir nicht eingefallen,“ antwortete Iwan lachend. „Ich habe in meinem ganzen Leben bestimmt nicht einmal zwei Verse zusammengebracht. Dieses ‚Poem‘ habe ich mir ganz einfach ausgedacht, und, ohne es niederzuschreiben, behalten. Oh, ich habe es mir mit Begeisterung ausgedacht! Du wirst also mein erster Leser sein oder sagen wir Zuhörer. Nein, wirklich, warum soll sich der Autor einen Zuhörer entgehen lassen, und wenn es nun noch gar der einzige in Frage kommende ist,“ meinte Iwan lächelnd. „Soll ich also erzählen oder nicht?“

„Ich bin sehr gespannt,“ sagte Aljoscha.

„Nun, mein Poem heißt; ‚Der Großinquisitor‘, – ein unsinniges Ding, aber ich will es dir nun einmal erzählen.“

V.
„Der Großinquisitor“