‚In mächtigen, grausigen Zügen
Die Ketzer zogen zum Autodafé.‘
Er kam natürlich nicht so zu den Menschen, wie Er nach Seiner Verheißung zu Ende der Zeiten in Seiner himmlischen Herrlichkeit erscheinen wird: plötzlich, wie ein Blitz von Morgenrot zu Abendrot. Nein, Er will nur auf einen Augenblick Seine Kinder wiedersehen, und zwar gerade dort, wo die Scheiterhaufen der Ketzer prasseln, wo Flammenzungen Menschenblut lecken. In Seiner unermeßlichen Barmherzigkeit wandelt Er noch einmal in derselben Menschengestalt, in der Er vor fünfzehn Jahrhunderten dreiunddreißig Jahre lang unter den Menschen erschienen war. Er erscheint auf den ‚heißen Plätzen‘ der südlichen Stadt, in der noch am Vorabend in Gegenwart des Königs, des ganzen Hofes, aller Granden, Kardinäle und der schönsten Hofdamen, in Gegenwart der zahlreichen Bevölkerung Sevillas, durch den greisen Kardinal, den Großinquisitor, auf einmal fast ein ganzes Hundert Ketzer ad majorem gloriam Dei verbrannt worden war. Unmerklich ist Er plötzlich erschienen, und siehe, – sonderbar – alle erkennen Ihn. Das könnte eine der besten Stellen des Poems sein, ich meine, warum Ihn alle erkennen. Eine unbezwingbare Macht zieht das Volk zu Ihm hin; es umringt Ihn und wächst mehr und mehr um Ihn an und folgt Ihm, wohin Er geht. Er aber wandelt stumm unter ihnen mit einem stillen Lächeln unermeßlichen Mitleids. Eine Sonne der Liebe brennt in Seinem Herzen. Strahlen der Erleuchtung und der Kraft fließen aus Seinen Augen, und jeden, über den sie sich ergießen, machen sie vor Gegenliebe erbeben. Er streckt ihnen Seine Hände entgegen, Er segnet sie, und von der Berührung Seiner Hände, ja auch nur von der Berührung Seines Gewandes geht heilende Kraft aus. Da ruft aus der Menge ein Greis, der von Geburt an blind ist, Ihn, der vorübergeht, laut an: ‚Herr, heile mich, auf daß auch ich dich schaue.‘ Und siehe, es fällt wie Schuppen von seinen Augen, und der Blinde sieht Ihn. Das Volk weint und küßt die Erde, auf der Er gestanden hat. Kinder streuen vor Ihm Blumen; sie singen und rufen: ‚Hosianna!‘ ‚Das ist Er, Er selbst!‘ raunt sich das Volk immer lauter und lauter zu, ‚das muß Er sein, das kann kein anderer sein als Er!‘ – Da bleibt Er vor dem Portal der Kathedrale von Sevilla stehen. Man trägt gerade unter Weinen und Wehklagen einen weißen offenen Kindersarg in den Dom: in ihm liegt das tote siebenjährige Töchterchen eines vornehmen Bürgers, sein einziges Kind. Es liegt in weißen Blumen gebettet. ‚Er wird dein Kind erwecken‘, ruft man aus der Menge der weinenden Mutter zu. Aus der Kathedrale tritt dem Sarge ein Pater entgegen: er bleibt verwundert stehen und runzelt die Brauen. Da aber wirft sich die Mutter des toten Kindes klagend Ihm zu Füßen und sagt: ‚Bist du es, so erwecke mein Kind!‘ und flehend hebt sie ihre Hände zu Ihm empor. Die Prozession bleibt stehen, der kleine Sarg wird vor dem Portal der Kathedrale Ihm zu Füßen gelegt. Voll Mitleid blickt er auf das tote Kind, und seine Lippen murmeln leise: ‚Talitha kumi‘ – ‚stehe auf, Mädchen‘. Und das Mädchen erhebt sich im Sarge, setzt sich und blickt lächelnd mit weit offenen verwunderten Augen um sich. Ihre Hände pressen die weißen Rosen, mit denen sie im Sarge gelegen hat, an die Brust. Im Volke Bestürzung, Schreien, Schluchzen und – siehe da, da geht ... im selben Augenblick geht an der Kathedrale der greise Kardinal, der grausame Großinquisitor vorüber. Es ist ein fast neunzigjähriger Greis, hoch und aufrecht noch schreitet er, sein Gesicht ist vertrocknet und runzlig, die Augen sind eingefallen, sie liegen tief, doch noch glimmt in ihnen ein unheimliches Feuer, das unerwartete Funken sprühen kann. Nicht in seinen prächtigen Kardinalsgewändern geht er vorüber, in den leuchtenden Farben, in denen er gestern vor dem Volke erschienen war, als er die Feinde des römischen Glaubens den Flammen übergab. – Nein, in diesem Augenblick trägt er nur seine alte, grobe Mönchskutte. Ihm folgen in angemessener Entfernung seine dunklen Gehilfen und Sklaven und die ‚heilige‘ Wache. Nun bleibt er stehen vor dem Volk und beobachtet aus der Ferne. Er sieht alles, er sieht, wie der Sarg vor Seine Füße gestellt wird, er sieht, wie das Mädchen aufersteht, und sein Gesicht verfinstert sich. Er runzelt die grauen, buschigen Brauen, und sein Blick erglüht unheilverkündend. Er streckt seine Hand aus und befiehlt den Wachen, Ihn zu ergreifen. Und siehe, so groß ist seine Macht, und dermaßen unterwürfig und zitternd gehorsam ist ihm das Volk, daß es vor den Wachen wortlos zurückweicht und diese, inmitten der Grabesstille, Hand an Ihn legen und Ihn fortführen läßt. Und jäh beugt sich die ganze Menge, wie ein Mann, bis zur Erde vor dem greisen Großinquisitor. Der aber segnet schweigend das kniende Volk und geht stumm vorüber. Die Wache jedoch führt den Gefangenen in ein enges, dunkles, gewölbtes Verlies im alten Palaste des Heiligen Tribunals und schließt ihn dort ein. Der Tag vergeht, es wird Nacht: ‚dunkle, dumpfe, atemanhaltende, lautlose, sevillanische Nacht‘. Die Luft ist schwül von Lorbeer- und Orangenduft. Und da, inmitten der tiefen, lautlosen Nacht öffnet sich die eiserne Tür des Verlieses, und er, der Greis, der Großinquisitor tritt langsam mit der Leuchte in der Hand über die Schwelle. Er ist allein, hinter ihm schließt sich die Tür. Er steht und blickt lange schweigend in Sein Gesicht. Endlich tritt er unhörbar näher, stellt die Leuchte auf den Tisch und fragt Ihn:
„‚Bist Du es? Du?‘ Und da er keine Antwort erhält, fügte er schnell hinzu: ‚Antworte nicht, schweige. Was könntest du auch sagen? Ich weiß nur zu gut, was Du sagen würdest. Aber Du hast nicht einmal das Recht, zu dem noch etwas hinzuzufügen, was von Dir schon früher gesagt worden ist. Warum also bist Du gekommen, uns zu stören? Denn du bist gekommen, uns zu stören! Das weißt Du selbst. Aber weißt Du auch, was morgen sein wird? Ich weiß nicht, wer Du bist und will es auch nicht wissen: Bist Du Er, oder bist Du nur Sein Ebenbild? Doch morgen noch werde ich Dich richten und Dich als den ärgsten aller Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrennen, und dasselbe Volk, das heute noch Deine Füße geküßt hat, wird morgen auf einen einzigen Wink meiner Hand zu Deinem Scheiterhaufen hinstürzen, um gierig die glühenden Kohlen zu schüren, – weißt Du das? Ja, vielleicht weißt Du es,‘ fügt er in Nachdenken versunken hinzu, ohne aber auch nur auf eine Sekunde den durchdringenden Blick von seinem Gefangenen abzuwenden.“
„Ich verstehe nicht ganz, Iwan, – was soll das?“ fragte lächelnd Aljoscha, der die ganze Zeit schweigend zugehört hatte. „Ist das einfach uferlose Phantasie, oder ist es irgendein Irrtum des Alten, ein unmögliches qui pro quo?“
„Nimm meinetwegen das letztere an,“ sagte Iwan lachend, „wenn dich unser zeitgenössischer Realismus bereits dermaßen verwöhnt hat, daß du nichts Phantastisches mehr ertragen kannst. Wenn du willst, also qui pro quo, mag es meinetwegen so sein. Es ist ja wahr,“ sagte er, sichtlich erheitert, „der Alte ist doch ein neunzigjähriger Greis und hat vielleicht schon längst über seinen Ideen den Verstand verloren. Der Gefangene aber hat ihn wohl durch sein Aussehen betroffen gemacht, wie? Oder schließlich konnte es ja auch einfach Fieberwahn sein, die Halluzination eines neunzigjährigen Greises kurz vor dem Tode – oder auch nur eine Nachwirkung der Erregung vom vergangenen Tage. Aber kann es denn uns beiden nicht ganz gleich sein, ob es qui pro quo oder uferlose Phantasie ist? Hier handelt es sich doch nur darum, daß der Alte sich endlich aussprechen muß! Er muß doch wenigstens einmal das laut aussprechen, worüber er runde neunzig Jahre geschwiegen hat.“
„Und der Gefangene schweigt gleichfalls? Sieht ihn an und sagt kein Wort?“
„Kein einziges Wort, und so muß es sogar unbedingt sein,“ sagte Iwan wieder lachend. „Der Alte sagt Ihm doch selbst, daß er nicht einmal das Recht habe, etwas zu dem hinzuzufügen, was er schon früher gesagt hat. Wenn du willst, so liegt gerade darin der Grundzug des römischen Katholizismus. Wenigstens fasse ich ihn so auf. Mit anderen Worten: ‚Du hast alles dem Papst übergeben, und folglich liegt jetzt alles beim Papst, Du aber komme überhaupt nicht wieder, störe uns wenigstens nicht mehr!‘ In diesem Sinne reden sie ja nicht nur, sondern schreiben sie sogar, wenigstens die Jesuiten. Ich habe es selbst in den Schriften ihres Gottesgelahrten gelesen. ‚Hast Du das Recht, uns auch nur eines der Geheimnisse jener Welt, aus der Du gekommen bist, aufzudecken?‘ fragt Ihn mein Greis, und er gibt Ihm statt Seiner die Antwort auf die eigene Frage: ‚Nein, dieses Recht hast Du nicht, denn das hieße Neues zu dem, was Du schon früher gesagt hast, hinzufügen, und den Menschen die Freiheit nehmen, für die Du so eingestanden bist, als Du noch auf Erden warst. Alles, was Du Neues verkünden könntest, würde ein Eingriff in die Glaubensfreiheit der Menschen sein, denn es würde als Wunder erscheinen, und die Freiheit ihres Glaubens war Dir damals vor anderthalb Jahrtausenden das Teuerste. Warst Du es nicht, der damals so oft sagte: „Ich will euch frei machen“? Jetzt hast Du sie gesehen, diese freien Menschen!‘ fügt der Greis plötzlich mit nachdenklichem, spöttischem Lächeln hinzu ... ‚Ja, dies zu erreichen, war schwer, es hat uns viel gekostet,‘ fährt er dann fort, ohne seinen strengen Blick von Ihm abzuwenden, ‚doch wir haben es schließlich vollendet, in Deinem Namen. Anderthalb Jahrtausende haben wir uns mit dieser Freiheit gequält, doch jetzt ist das überwunden und gut überwunden. Du glaubst nicht, daß es gut überwunden ist? Du blickst mich milde und sanftmütig an und würdigst mich nicht einmal Deines Unwillens? So höre denn, daß gerade jetzt diese Menschen mehr denn je überzeugt sind, vollkommen frei zu sein. Sie haben uns eigenhändig ihre Freiheit gebracht und sie gehorsam und unterwürfig uns zu Füßen gelegt. Doch das ist unser Werk. Oder war es das, was auch Du wolltest, war es diese Freiheit? ...‘“
„Ich verstehe wieder nicht,“ unterbrach ihn Aljoscha, „ist das von ihm ironisch gesagt, will er sich über Ihn lustig machen?“
„Fällt ihm nicht ein. Er rechnet es sich und den Seinen vollkommen im Ernst zum Verdienst an, daß sie – endlich einmal! – die Freiheit besiegt haben, und daß sie dies nur zu dem einen Zweck getan hatten, um die Menschen glücklich zu machen. ‚Denn erst jetzt‘ – er meint natürlich die Inquisition – ‚ist es zum erstenmal möglich, auch an das Glück der Menschen zu denken. Der Mensch war als Empörer geschaffen; können aber Empörer glücklich sein? Du wurdest gewarnt,‘ sagt der Greis zu Ihm, ‚Du littest nicht Mangel an Warnungen und Fingerzeigen, doch Du achtetest der Warnungen nicht, und Du verschmähtest den einzigen Weg, auf dem man die Menschen hätte glücklich machen können, Du verwarfst ihn. Doch zum Glück gingst Du fort und übergabst die Arbeit uns. Du verhießest, Du bestätigtest es durch Dein Wort, Du gabst uns das Recht, zu binden und zu lösen, und kannst es Dir selbstverständlich nicht einfallen lassen, dieses Recht uns jetzt wieder abzunehmen. Warum also bist Du gekommen, uns zu stören?‘“