„Unmöglich, das kann ich nicht: Bis zur Eisenbahn sind achtzig Werst, und der Zug nach Moskau verläßt die Station um Punkt sieben abends – komme also knapp hin.“

„Nun, dann kommst du morgen oder übermorgen hin, ’s ist doch wahrhaftig egal! Heute aber fahr nach Tschermaschnjä! Ist es denn viel, um was ich dich bitte, und du beruhigst deinen Vater! Wenn ich hier nicht gebunden wäre, würde ich schon längst hingerutscht sein, denn die Sache drängt, sag ich dir, und ist wirklich nicht so ohne, ich aber habe jetzt hier ... mit einem Wort, die Zeit erlaubt es nicht ... Sieh, ich habe dort meinen Wald in zwei Distrikten, in Begitschewo und in Djätschkinoje. Maßloffs, Vater und Sohn, Kaufleute, bieten mir für das Abholzen nur achttausend Rubel; im vorigen Jahr aber bot ein Aufkäufer zwölftausend, es war aber kein Hiesiger, das ist der Haken! Denn die Hiesigen haben keine Abnahme, und die beiden Maßloffs wuchern mit Hunderttausenden! Was sie anbieten, das muß man auch nehmen, denn von den Hiesigen wagt niemand, sie zu überbieten und ihnen was vor der Nase wegzufangen. Nun aber erhielt ich am vorigen Donnerstag von dem Popen Iljinskij einen Brief, in dem er mir mitteilte, daß Gorstkin hingekommen sei, – das ist gleichfalls ein Aufkäufer, ich kenne ihn, nur ist das Wertvolle an der Sache das, daß er kein Hiesiger ist, sondern aus Pogreboje, das heißt also so viel, daß er die Maßloffs, Vater und Sohn, alle beide nicht fürchtet, da er, wie gesagt, kein Hiesiger ist. Elftausend hat er gesagt, würde er für das Abholzen geben, begreifst du jetzt? Hier aber wird er, wie der Pope schrieb, nur eine Woche bleiben. Wenn du nun hinfahren würdest, könntest du mit ihm die ganze Angelegenheit abmachen ...“

„Schreiben Sie doch dem Popen, der kann es ja gleichfalls abmachen.“

„Aber der versteht doch so etwas nicht, das ist es ja! Dieser Gottesknecht hat ja keine Augen! Sonst ist er ein goldener Mensch, würde ihm ohne zu zögern sofort Zwanzigtauseud ohne Quittung zum Aufbewahren einhändigen, aber zu sehen versteht er nicht, wirklich als ob er gar kein Mensch wäre! Jede lahme Krähe macht ihm ein X für ein U vor. Dabei ist er ein gelehrter Mensch! Dieser Gorstkin aber ist dem Ansehen nach ein Bauer, geht in blauem Wams herum, nur ist er dem Charakter nach ein vollendeter Schuft, das ist ja unser gemeinsamer Jammer! Der Kerl lügt, das ist das Verflixte! Mitunter lügt er dir Dinge vor, daß du dich nur wundern kannst, warum er es tut. Vor drei Jahren log er mir vor, daß seine Frau gestorben sei und er schon eine andere geheiratet habe, und dabei war davon keine Silbe wahr, denk dir nur! Seine Frau lebte damals unverändert weiter, lebt auch heutigen Tages noch und prügelt ihn alle drei Tage einmal. So handelt es sich denn jetzt darum, zu erfahren, ob er wirklich die Wahrheit sagt, daß er kaufen und Elftausend geben will.“

„So werde auch ich nichts ausrichten können, ich habe auch keine Augen.“

„Halt, mein Sohn, wart, du wirst schon dazu taugen, ich werde dir alle Zeichen sagen, von Gorstkin, denn, weißt Du, ich habe schon lange mit ihm zu tun. Sieh: Man muß bei ihm immer auf den Bart sehn. Er hat so’n kleines, gerupftes, rotblondes Bärtchen. Wenn nun dieses Bärtchen zittert, er sich aber beim Sprechen ärgert – dann ist’s gut, dann redet er die Wahrheit, will ein Geschäft machen. Streichelt er aber das Bärtchen mit der linken Hand und lächelt er dabei, – nun, dann will er begaunern, dann macht er Finten. In die Augen sieh ihm niemals, aus denen wird kein Teufel klug, dunkel ist das Wasser, wie gesagt, ein Erzspitzbube, – sieh nur auf den Bart. Er nennt sich Gorstkin, heißt aber gar nicht Gorstkin, sondern Ljägawyj,[19] aber rede ihn nicht so an, sonst fühlt er sich sofort beleidigt. Wenn du also mit ihm gesprochen hast und siehst, daß er es ernst meint, so schreibe mir sofort. Schreibe nur: ‚Der Kerl lügt nicht‘. Das genügt. Nur mußt du auf elftausend bestehen, wenn es aber nicht anders geht, so kannst du noch ein Tausend ablassen, mehr aber unter keiner Bedingung. Denk nur: Acht und elf – das ist ein Unterschied von dreitausend. Diese Dreitausend habe ich so gut wie gefunden, denn so bald läuft einem kein neuer Käufer in die Finger, Geld aber habe ich grad bis zum Halsabschneiden nötig. Wenn du mir dann schreibst, daß die Sache ernst ist, so werde ich von hier schnell hinfahren, hier irgendwie die Zeit noch dazu herausquetschen. Was aber hat es für einen Zweck, überhaupt hinzufahren, wenn sich schließlich alles nur als Hirngespinst des Popen erweisen kann? Nun, fährst du?“

„Ich habe wirklich keine Zeit, ersparen Sie es mir ...“

„Ach du, aber so tu mir doch den Gefallen, werde es dir nicht vergessen! Herzlos seid ihr alle samt und sonders, das ist das Ganze, was dahintersteckt! Was macht es dir denn aus, ob du einen oder zwei Tage früher ankommst? Wohin fährst du denn jetzt? – nach Venedig? Nun, in diesen zwei Tagen wird dein Venedig nicht versinken. Ich würde sonst Aljoscha schicken, aber was versteht denn Aljoschka von solchen Dingen? Ich bitte einzig und allein dich darum, weil ich weiß, daß du ein kluger Mensch bist. Das sehe ich doch, wie soll ich denn das nicht sehen? Zwar handelst du nicht mit Wald, aber du hast ein gutes Auge. Hier heißt es ja bloß sehen; meint es der Kerl ernst oder faselt er wieder mal? Ich sage dir, sieh auf den Bart: Zittert das Bärtchen, so ist’s gut, dann meint er’s ernst.“

„Sie wollen also à tout prix, daß ich dahin, in dieses verfluchte Nest fahre, nach Tschermaschnjä?“ fragte Iwan Fedorowitsch zornig und lächelte boshaft.

Fedor Pawlowitsch bemerkte die Bosheit nicht oder wollte sie nicht bemerken, beachtete aber sofort das Lächeln.