b) Von der Heiligen Schrift im Leben des Staretz Sossima

So waren wir denn allein, meine Mutter und ich. Bald kamen gute Bekannte mit ihrem Rat zu uns: „Ihnen ist nur ein Sohn verblieben,“ sagten sie zu meiner Mutter, „arm sind Sie nicht, Sie haben ein gewisses Vermögen, warum sollten Sie nicht Ihren Sohn nach Petersburg schicken, damit er, da er aus guter Familie ist, dort seine Karriere mache?“ Und sie beredeten meine Mutter, mich nach Petersburg in die Kadettenschule zu bringen, damit ich später in die Kaiserliche Garde eintreten könnte. Meine Mutter konnte sich zuerst nicht recht dazu entschließen: wie sollte sie sich von dem letzten und einzigen Sohne trennen? Indessen entschloß sie sich endlich doch dazu, wenn auch unter vielen Tränen, aber sie glaubte dadurch mein Glück zu fördern. Sie brachte mich nach Petersburg, und ich wurde in die Kadettenschule aufgenommen. Ich sollte meine Mutter nicht mehr wiedersehen, denn nach drei Jahren starb sie; die ganzen drei Jahre hat sie nur um ihre beiden Söhne getrauert. Aus meinem Elternhaus habe ich die allerteuersten Erinnerungen, denn keine Erinnerung ist dem Menschen so teuer, als die der ersten Kindheit in seinem Elternhause, und das ist fast immer so, wenn in der Familie nur etwas Liebe und Einigkeit herrscht. Ja, selbst aus der schrecklichsten Familie kann man die teuersten Erinnerungen bewahren, wenn nur die Seele selbst fähig ist, das Wertvolle zu finden. Zu den Erinnerungen aus meinem Vaterhause gehören auch die Erinnerungen an die biblischen Geschichten, die ich, obwohl ich noch ein kleines Kind war, sehr zu hören liebte. Ich besaß damals eine Biblische Geschichte mit schönen Bildern und mit dem Titel: „Hundertundvier biblische Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament“. Und aus diesem Buch lernte ich das Lesen. Und noch jetzt steht sie hier auf meinem Bücherbrett, und ich bewahre sie als teures Andenken auf. Aber noch bevor ich das Lesen erlernt hatte, noch vor meinem achten Jahre, hatte ich ein geistiges Erlebnis. Meine Mutter brachte mich allein (ich weiß nicht, wo mein Bruder damals war) am Montag der Karwoche zum Abendmahl in die Kirche. Der Tag war hell, und ich erinnere mich noch jetzt, als ob ich es vor mir sähe, wie der Weihrauch aus dem Räucherfaß leise aufstieg, von oben aber aus den schmalen Fenstern der Kuppel über uns das Licht Gottes sich ergoß, und wie der emporsteigende Weihrauch sich mit den Sonnenstrahlen vermischte. Eine heilige Empfindung durchschauerte mich, und zum erstenmal nahm ich bewußt das Wort Gottes in mich auf. Ein Knabe mit einem großen Buche trat in die Mitte der Kirche vor, so groß war das Buch, daß er es, wie mir schien, nur mit Mühe tragen konnte. Er legte es aufs Pult nieder, schlug es auf und fing zu lesen an, und plötzlich begriff ich etwas davon, und ich begriff zum erstenmal in meinem Leben, daß in der Kirche gelesen wurde. „Es war ein Mann im Lande Uz, der war sehr gottesfürchtig, und er besaß großen Reichtum, viele Kamele und Schafe, und seine Kinder lebten in Freuden, und er liebte sie sehr und betete zu Gott für sie, auf daß sie nicht sündigten in ihrem Frohsinn. Da trat eines Tages zusammen mit den Engeln auch der Böse vor den Thron des Herrn, und er sagte zum Herrn, er habe alles Land durchzogen, über und unter der Erde. Und Gott der Herr fragte ihn: Hast du auch meinen Knecht Hiob gesehen? Und Gott rühmte sich vor dem Satanas seines großen treuen Dieners. Da lachte der Böse über die Worte Gottes und sprach: „Übergib ihn mir, und du wirst sehen, daß dein treuer Knecht murren und deinen Namen verfluchen wird.“ Und da übergab Gott seinen Gerechten, seinen geliebten treuen Diener dem Teufel, und der Teufel ging hin und vernichtete seine Kinder, seine Herden und seinen ganzen Reichtum, wie mit einem Donnerschlag Gottes. Da zerriß Hiob seine Kleider und warf sich hin zur Erde und rief: „Nackt bin ich hervorgegangen aus meiner Mutter Leibe, nackt fahre ich wieder dahin, der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen, der Name des Herrn sei gelobt von nun an bis in alle Ewigkeit!“

Meine Väter und Lehrer, verzeiht mir meine Tränen, denn meine ganze Kindheit steht wieder auf in mir, und ich atme wieder, wie ich damals mit meiner kleinen Kinderbrust atmete, und ich fühle wie damals Erstaunen, Rührung und Freude. Und die Kamele beschäftigten meine Phantasie, und der Satan, der so zu Gott sprach, und Gott, der seinen Knecht dem Unglück überlieferte, und der Knecht, der da ausrief: „Nackt hast Du mich geschaffen, nackt sterbe ich, Dein Name, o Herr, sei gelobt!“ und darauf der leise und süße Kirchengesang: „Erhöre mein Gebet,“ und der aufsteigende Thymianrauch aus dem Weihrauchfasse des Priesters, und dann das Gebet auf den Knien. Seit der Zeit – und noch gestern las ich sie – kann ich diese heilige Erzählung nicht ohne Tränen lesen. Wieviel Großes, Geheimnisvolles und Unbegreifliches liegt darin! Später hörte ich stolze Worte von Spöttern und Lästerern darüber: „Wie konnte Gott seinen Lieblingsknecht dem Teufel ausliefern, ihm seine Kinder nehmen, ihn mit Krankheit und Wunden schlagen, so daß er mit Scherben den Eiter aus seinen Wunden und Beulen herausbringen mußte, und warum und wozu? Um sich etwa vor dem Satan rühmen zu können: „Sieh, was er um meinetwillen leiden kann!“ Aber das Große in ihm bleibt uns ein Geheimnis, das vergängliche Irdische und die ewige Wahrheit kreuzen sich hier. Die ewige Gerechtigkeit steht über dem irdischen Recht. Hier ist es der Schöpfer, der in den ersten Tagen seiner Schöpfung nach jedem Tagewerk sagt: „Es ist gut, was ich geschaffen habe“ der Schöpfer, der Hiob sieht, und dieses sein Geschöpf lobt. Und Hiob, Gott lobend, dient nicht nur ihm, sondern er dient auch der ganzen Schöpfung Gottes, von Geschlecht zu Geschlecht, von Jahrhundert zu Jahrhundert, denn das war doch seine Bestimmung. Mein Gott, was für ein Buch das ist, und welche Weisheit es enthält! Welche Wunder enthält die Heilige Schrift, und welche Kraft ist in ihr den Menschen gegeben! Welche Auslegung der Welt und des Menschen und der menschlichen Charaktere, und alles ist gezeigt und erwiesen bis in die Ewigkeit aller Zeiten. Und welch gelöste und offenbarte Geheimnisse: und Gott richtet Hiob wieder auf, schenkte ihm wieder Reichtum, und es vergehen viele Jahre, und er hat wieder neue Kinder, andere Kinder, die er liebt. Mein Gott: „Wie konnte er,“ sollte man meinen, „diese neuen lieben und die anderen, die ersten, vergessen? Wie konnte er, wenn er an sie dachte, vollkommen glücklich sein mit den neuen, wie lieb er diese auch haben mochte?“ Und doch ist es möglich, ist es möglich: der alte Kummer – das große Geheimnis des Menschenlebens – verwandelt sich allmählich in eine stille, freudige Rührung; an Stelle des jungen, kochenden Blutes tritt die Ruhe demütigen klaren Alters. Ich preise den täglichen Aufgang der Sonne, und mein Herz jubelt ihm wie früher zu, und doch liebe ich jetzt mehr ihren Untergang, ihre langen schrägen Strahlen mit ihren stillen, versöhnenden, rührenden Erinnerungen, mit den lieben Bildern aus meinem ganzen langen und gesegneten Leben – und über alledem schwebt die friedenspendende, allvergebende Gerechtigkeit Gottes! Mein Leben geht zu Ende, ich weiß und fühle es, doch fühle ich auch mit jedem sich neigenden Tage, wie mein Leben dieser Erde mit einem neuen, unendlichen, unbekannten, aber schon neu heraufkommenden Leben zusammenfließt, dessen Vorgefühl meine zitternde, bebende Seele mit Entzücken erfüllt. Mein Geist leuchtet, und mein Herz weint vor Freude ... Meine Freunde und Lehrer, hörte ich nicht des öfteren und jetzt in der letzten Zeit mehr denn früher, wie bei uns die Priester des Herrn, und besonders die vom Lande, sich überall mit Tränen über ihren geringen Unterhalt und ihre geringe Stellung beklagen; gerade heraus sagen sie (ich habe es selbst gelesen), daß sie nicht mehr imstande wären, dem Volke die Schrift auszulegen, denn ihr Unterhalt wäre so gering, und wenn die Lutheraner oder andere Ketzer ihnen die Herde abtrünnig machten, so möchten sie es nur tun, sie hätten keine Kraft mehr, sie aufzuhalten. „Herr!“ denke ich, „möge Gott ihnen doch ein besseres Gehalt geben“ (denn gerecht sind ihre Klagen), aber in Wahrheit sage ich: Wenn jemand daran schuld ist, so sind zur Hälfte wir es selbst! Denn möge er recht haben, daß er dazu keine Zeit mehr finden kann, da er arbeiten muß und ihn Notdurft peinigt – doch nicht die ganze Zeit braucht er zu arbeiten, eine Stunde in der Woche wird er Zeit finden, um an Gott zu denken. Und doch nicht das ganze runde Jahr über hat er zu arbeiten! Möge er einmal in der Woche bei sich die Kinder zur Abendstunde versammeln – und wenn das die Eltern hören, so kommen auch die Eltern mit. Auch keine besonderen Gebäude hat man dazu nötig, nein, einfach in deine Stube nimm sie; fürchte dich nicht, sie werden deine Stube nicht verunreinigen, nur auf eine Stunde versammeln sie sich ja in ihr. Schlage die Heilige Schrift auf und lies sie ihnen vor, ohne hohe Worte und ohne Hochmut und Überhebung, bescheiden und von Herzen kommend, und freue dich, daß du liest und sie dich hören und verstehen, weil du selbst die Worte lieb hast. Unterbrich dich nur selten, nur um dem einfachen Volk ein Wort, das ihm unverständlich ist, zu erklären; beunruhige dich nicht, sie werden alles verstehen, alles versteht das rechtgläubige Herz! Lies ihnen von Abraham und Sarah, von Isaak und Rebekka; davon, wie Jakob zu Laban ging und im Traume Gott sah und mit ihm kämpfte. Das wird auf den einfachen, gottesfürchtigen Mann einen tiefen Eindruck machen. Lies ihnen vor, und besonders den Kindern, wie die Brüder ihren leiblichen Bruder, den lieben Knaben Joseph, den späteren großen Seher und Propheten, in die Sklaverei verkauften, dem Vater aber sagten sie, daß die Tiere seinen Sohn zerrissen hätten, und zeigten ihm seine mit Blut befleckte Kleidung. Lies ihnen vor, wie darauf die Brüder nach Ägypten fuhren, um Brot einzukaufen, und Joseph, der große Schatzmeister, von ihnen nicht erkannt, sie quälte, beschuldigte und den Bruder Benjamin als Pfand zurückbehielt: „Ich liebe euch, und liebend quäle ich euch.“ Denn sein ganzes Leben hatte er ununterbrochen daran gedacht, wie sie ihn dort in der heißen Wüste beim Brunnen den Händlern verkauft hatten, wie er die Hände gerungen, geweint und die Brüder gebeten hatte, ihn doch nicht als Sklaven in ein fremdes Land zu verkaufen. Und siehe da, wie er sie nach so vielen Jahren wiedersieht, liebt er sie von neuem grenzenlos, und er quält sie in seiner Liebe. Wie er schließlich die Qualen seines Herzens nicht mehr ertragen kann, hinausgeht, sich auf sein Lager wirft und in Tränen ausbricht; nachdem er aber sein Gesicht gekühlt hat, tritt er strahlend und reich gekleidet wieder zu ihnen und ruft ihnen zu: „Brüder, ich bin Joseph, euer Bruder!“ Und lies weiter, wie der greise Jakob sich freute, als er erfuhr, daß sein lieber Knabe noch lebe und in Ägypten sei, wie er sogar sein Vaterland verließ und auf fremder Erde starb und bei seinem Tode das große Wort aussprach, das während seines ganzen Lebens in seinem Herzen geruht hatte: daß aus seinem Stamme, aus dem Stamme Juda, der Erlöser und der Friedensfürst der Welt kommen werde! Meine Väter und Lehrer, verzeiht mir und ärgert euch nicht, daß ich darüber wie ein Kind rede, was ihr schon lange wißt, und was ihr selbst hundertmal vollkommener zu lehren wüßtet. Nur aus Begeisterung rede ich dieses, und vergebt mir meine Tränen, denn ich liebe dieses Buch! So möge auch er, der Priester des Herrn, weinen, und er wird sehen, wie die Herzen der Zuhörer ihm darauf antworten werden. Es genügt ein winziges Samenkorn, das er in die Seele des einfachen Mannes legt, und es wird nicht sterben, sondern in seiner Seele durch das ganze Leben hindurch fortwirken; es wird wie ein heller Punkt, wie eine große Erinnerung inmitten der Finsternis und des Abschaumes seiner Sünden stehen bleiben. Und es ist nicht nötig, nicht nötig, alles zu erläutern und zu erklären; je einfacher ihr es sagt, desto besser versteht er es. Oder glaubt ihr, daß der einfache Mann etwa nichts davon verstehen könne? Versucht es doch, lest ihm die rührende und ergreifende Geschichte von der schönen Esther oder die wunderbare Erzählung vom Propheten Jonas im Bauche des Walfisches vor. Vergeßt auch nicht die Gleichnisse des Herrn, vorzugsweise nach dem Evangelium Lucas (so habe ich es gemacht) und dann aus der Apostelgeschichte die Bekehrung Sauls (gerade das, durchaus das). Und schließlich aus den heiligen Legenden, wenn auch nur die Lebensgeschichte Alexeis des Gottesknechtes und der Ägyptischen Mutter Maria, die groß ist unter den Großen, die freudige große Dulderin, Gottseherin und Kreuzesträgerin – und ihr werdet sein Herz mit diesen einfachen Erzählungen durchdringen. Nur auf eine Stunde in der Woche, trotz des geringen Gehaltes, nur auf eine kleine Stunde ruft sie zu euch. Und jeder, der so tut, wird selbst erfahren, daß unser Volk gut und dankbar ist und ihm hundertfältig danken wird; der Sorgfalt und der gütigen Worte des Priesters wird es gedenken und aus Dankbarkeit wird es ihm freiwillig auf seinem Acker Hilfe leisten, und auch im Hause wird es ihm helfen und wird ihm mehr Achtung zollen als früher – und siehe, da wäre ihm denn auch schon sein Gehalt erhöht. Die Sache ist so schlicht und einfach, daß man sich manchmal geradezu scheut, sie auszusprechen, denn die Leute lachen darüber, und dennoch ist sie so wahr! Wer an Gott nicht glaubt, glaubt auch nicht an ein Gottesvolk. Wer aber an ein Gottesvolk glaubt, der wird auch sein Allerheiligstes erschauen, auch wenn er bis dahin nicht daran geglaubt hat. Nur das Volk und seine aufsteigende geistige Kraft kann die Atheisten, die sich von der heimatlichen Erde losgelöst haben, wieder zu ihr zurückführen. Und was ist das Wort Christi ohne Beispiel? Ohne Gottes Wort geht das Volk unter, denn seine Seele dürstet nach dem Wort und nach der Empfängnis alles Schönen. In meiner Jugend, es ist schon lange her, vor vierzig Jahren, durchwanderte ich mit dem Pater Anfim ganz Rußland, um fürs Kloster Almosen zu sammeln, und wir nächtigten mit Fischern zusammen am Ufer eines großen schiffbaren Flusses. Zu uns setzte sich ein wohlgestalteter Jüngling, dem Aussehen nach ein Bauer von achtzehn Jahren; er hatte sich beeilt, an Ort und Stelle zu sein, um am nächsten Morgen die Kaufmannsbarke stromhin an der Leine zu schleppen. Ich sah, daß er mit guten, klaren Augen in die Welt schaute. Die Nacht war hell, ruhig und warm, eine Julinacht; vom breiten Strome erhob sich der Nebel und erfrischte uns; von Zeit zu Zeit plätscherte ein Fisch, die Vögel waren verstummt, alles war ruhig und erhaben, als betete die Natur zu Gott. Nur wir beide, dieser Jüngling und ich, schliefen nicht, sondern sprachen von der Schönheit und dem großen Geheimnis dieser Gotteswelt. Jedes Hälmchen, jeder Käfer, die Ameise und die goldene Biene, alle kennen sie zum Verwundern ihren Weg, ohne Vernunft zu besitzen, und zeugen von dem Geheimnis Gottes, indem sie es ununterbrochen selbst erfüllen. Auch das Herz des lieben Jünglings war entzündet. Er vertraute mir an, daß er den Wald liebe und die Vögel des Waldes. Er war Vogelfänger, kannte ihren Ruf und verstand es selbst, sie anzulocken. „Besseres als den Wald kenne ich nicht,“ sagte er, „ja, und alles ist gut.“ – „Wahrlich,“ antwortete ich ihm, „alles ist gut und vollkommen, denn alles ist Wahrheit. Siehe, sage ich zu ihm, das Pferd, dieses große Tier, das dem Menschen am nächsten steht, oder den Stier, der ihn ernährt und für ihn arbeitet, wie er ernst und nachdenklich aussieht! Betrachte seine Augen: welche Demut, welche Anhänglichkeit an den Menschen, der ihn oft unbarmherzig schlägt, welch eine Gutmütigkeit, welch eine Zutraulichkeit und welche Schönheit liegt in diesem Blick des Tieres! Rührend ist es zu wissen, daß sie keine Sünde begehen, denn alles ist vollkommen, und alles außer den Menschen ist sündlos, und Christus ist mit ihnen eher als mit uns.“ „Ja, haben sie denn auch Christus?“ fragte der Jüngling. – „Wie könnte es anders sein,“ sagte ich zu ihm, „denn für alle ist das Wort, die ganze Schöpfung und jegliches Geschöpf. Jedes Blättchen strebt zum Wort, preist Gott und weint zu Christo, sich selbst unbewußt, allein schon durch das Geheimnis seines sündenlosen Daseins. Siehe,“ sagte ich zu ihm, „im Walde haust der schreckliche Bär, der grausam und wild und doch ganz schuldlos ist.“ Und ich erzählte ihm, wie einmal ein Bär zu einem großen Heiligen kam, der im Walde in einer kleinen Zelle sein Leben fristete, und der große Heilige ging furchtlos zu ihm hinaus und gab ihm ein Stück Brot: „Gehe hin, Christus sei mit dir,“ sagte er zu ihm, und das grimme Tier war sanft und gehorsam und tat ihm nichts zuleide. Es rührte den Jüngling, daß er ihm nichts zuleide getan hatte, und daß auch Christus mit ihm wäre. „Ach, wie ist das schön, und wie ist doch alles Göttliche gut und wunderbar!“ Er saß da und dachte tief und glücklich nach. Ich sah, daß er es begriffen hatte. Er schlief neben mir ein; leicht und sündlos war sein Schlaf. Herr, segne die Jugend! Und ich betete daselbst für ihn, bevor ich einschlief. Herr, sende Frieden und Licht deinen Menschen.

c) Erinnerungen des Staretz Sossima aus den Knaben- und Jugendjahren seines weltlichen Lebens. Das Duell.

In der Kadettenanstalt zu Petersburg blieb ich fast acht Jahre, und in der neuen Umgebung traten viele meiner Kindheitseindrücke zurück, doch habe ich sie selbst dort nie ganz vergessen. Zum Ersatz dafür nahm ich so viel neue Angewohnheiten und sogar Anschauungen in mich auf, daß ich mich alsbald in ein wildes, grausames und albernes Wesen verwandelt hatte. Die Formen der Höflichkeit und des weltlichen Umgangs eignete ich mir zusammen mit der französischen Sprache an, die Soldaten aber, die uns in der Anstalt bedienten, wurden von meinen Kameraden nicht höher als das Vieh geachtet, und auch von mir nicht. Ich mißachtete sie vielleicht sogar am meisten von allen anderen Kameraden, denn ich war der Empfänglichste von ihnen. Als wir als Offiziere die Anstalt verließen, waren wir bereit, für die sogenannte Ehre unseres Regiments unser Blut zu vergießen; die wahre Ehre aber kannte niemand von uns, und wenn sie uns jemand erklärt hätte, so würden wir sie verlacht haben. Man prahlte mit Liederlichkeit, Trunkenheit und Wildheit. Ich kann nicht sagen, daß alle diese jungen Leute schlecht gewesen wären, nein, sie waren gut, aber sie führten sich nur schlecht auf, und von ihnen allen führte ich mich am schlechtesten auf. Die Hauptsache war, daß ich Geld hatte, und so lebte ich denn nur fürs Vergnügen, stürmte mit vollen Segeln ins Leben hinein, ohne meine jugendlichen Begierden zu zügeln. Aber eines ist wunderbar: ich las damals mit vielem Vergnügen Bücher, nur die Bibel habe ich nie aufgeschlagen, doch trennte ich mich niemals von ihr, ich führte sie überall mit mir: wahrlich, ich bewahrte dieses Buch auf, ohne zu wissen für welchen Tag, für welche Stunde, welchen Monat oder welches Jahr. So war ich schon seit vier Jahren Leutnant, als ich in der Stadt K. ankam, wohin unser Regiment verlegt worden war. Die Gesellschaft dieser Stadt war sehr lustig, gastfrei und reich. Man empfing mich überall äußerst liebenswürdig, denn ich war sehr lebhaft, und man hielt mich obendrein für reich, was in dieser Welt nicht wenig zu bedeuten hat. Da ereignete sich aber etwas, was den Anfang zu allem übrigen bildete. Ich verliebte mich in ein junges und schönes Mädchen, die Tochter geachteter Eltern; sie war klug und hatte einen edlen Charakter. Es war eine angesehene Familie, die Vermögen hatte und nicht geringen Einfluß besaß; ich wurde freundlich und zuvorkommend in ihrem Hause aufgenommen. Auch schien mir, daß das junge Mädchen mir wohlgeneigt war – und mein Herz flammte auf. Später kam ich zu der Überzeugung, daß ich sie gar nicht so sehr geliebt hatte, sondern nur ihren hohen Verstand und ihren Charakter verehrte, wie es auch nicht anders sein konnte. Meine Eigenliebe verhinderte aber, daß ich damals um ihre Hand anhielt; ich konnte mich nur schwer von meinem liederlichen und freien Junggesellenleben in so jungen Jahren trennen, besonders da ich zum Überfluß selbst Geld besaß. Indessen machte ich ihr aber Andeutungen. Auf jeden Fall schob ich einen entscheidenden Schritt noch hinaus. Da erhielt ich eine Abkommandierung auf zwei Monate in einen anderen Kreis. Als ich wieder zurückkehrte, erfuhr ich, daß das junge Mädchen sich mit einem reichen Gutsherrn aus der Nachbarschaft verheiratet hatte, einem jungen, wenn auch mir an Jahren überlegenen Mann, der obendrein zu reichen Familien in Petersburg Verbindungen hatte, was mir fehlte, und dazu ein sehr liebenswürdiger und gebildeter Mann war, während ich fast gar keine Bildung besaß. Ich war so betroffen von dieser unerwarteten Tatsache, daß ich fast meine Sinne verlor. Die Hauptsache bestand aber darin, daß, wie ich erfuhr, der junge Gutsbesitzer schon lange mit ihr verlobt gewesen war – ich selbst war ihm mehrere Male in ihrem Hause begegnet. So blind war ich also von meinen Vorzügen überzeugt gewesen, daß ich nichts von alledem bemerkt hatte! Das war es, was mich jetzt vor allem beleidigte. Wie, alle hatten es gewußt, nur ich allein hatte nichts davon gewußt? Eine schreckliche Wut packte mich. Ich errötete vor Scham, wenn ich daran dachte, wie oft es meinerseits fast zu einem Liebesgeständnis gekommen war, und da sie mich weder unterbrochen, noch gewarnt hatte, so hatte sie sich also, dachte ich bei mir, nur über mich lustig gemacht. Später freilich gestand ich mir ein, als ich mir alles klar ins Gedächtnis zurückgerufen, daß sie keineswegs über mich gelacht hatte, sondern stets bemüht gewesen war, solche Gespräche scherzend abzubrechen und auf anderes überzugehen. Doch damals hatte ich nicht die nötige Ruhe, um mir das einzugestehen: alles brannte in mir vor Rachedurst. Mit Verwunderung denke ich noch jetzt daran zurück. Diese Rachsucht und mein Zorn waren für mich selbst bis zum äußersten schwer zu ertragen, weil ich, als ein lebhafter und leichter Charakter, niemals lange auf irgend jemanden böse sein konnte. Damals aber nährte ich sie künstlich und stachelte sie in mir auf, bis ich schließlich widerlich und albern wurde. Ich wartete nun darauf, und es gelang mir auch, meinen „Gegner“ einmal in einer zahlreichen Gesellschaft, bei einem ganz nebensächlichen Anlasse, zu beleidigen. Ich verlachte eine seiner Meinungsäußerungen über eine damals wichtige Begebenheit, und wie viele behaupteten, soll es mir tatsächlich gelungen sein, ihn gewandt und geistreich zu verspotten. Ich zwang ihn zu einer Erklärung, und dabei verhielt ich mich so grob zu ihm, daß er meine Herausforderung sofort annahm, ungeachtet des großen Abstandes zwischen mir und ihm, da ich jünger und viel niedriger im Range war als er. Hernach erfuhr ich denn, daß er aus Eifersucht auf mich meine Herausforderung zum Duell sofort angenommen hatte. Er war auch früher schon, als er noch verlobt war, auf mich eifersüchtig gewesen, und so dachte er: „Wenn sie erfährt, daß ich eine Beleidigung von ihm ertragen habe, ohne ihn zum Duell herauszufordern, so wird sie mich verachten und ihre Liebe zu mir wird erkalten.“ Einen Sekundanten hatte ich bald zur Stelle, einen Kameraden, einen Leutnant unseres Regiments. Obgleich damals Duelle streng bestraft wurden, so waren sie doch bei dem Militär geradezu Mode, – bis zu solch einem Wahnsinn können sich manchmal Vorurteile festsetzen. Es war Ende Juni, unser Rendezvous war auf den nächsten Tag um sieben Uhr morgens außerhalb des Städtchens festgesetzt worden. Da ereignete sich in Wahrheit etwas Verhängnisvolles mit mir. Am Abend, als ich angetrunken und wütend nach Hause zurückkehrte, ärgerte ich mich über meinen Burschen Afanassij und schlug ihm mit ganzer Kraft zweimal ins Gesicht, so daß er blutete. Er diente schon lange bei mir, und es war auch schon früher vorgekommen, daß ich ihn geschlagen hatte, aber niemals noch hatte ich es mit einer so tierischen Roheit getan. Und glaubt es mir, meine Lieben, vierzig Jahre sind seitdem vergangen, aber noch jetzt denke ich mit Qual und Scham daran zurück. Ich legte mich schlafen und schlief drei Stunden. Als ich aufwachte, fing es gerade an zu tagen. Ich erhob mich sofort, denn ich wollte nicht mehr schlafen, ging ans Fenster, öffnete es – und lehnte mich zum Garten hinaus. Die Sonne ging gerade auf, es war warm und wundervoll, die Vögel zwitscherten. Warum, dachte ich, empfinde ich in meiner Seele etwas Schmutziges und Niedriges? Etwa deshalb, weil ich im Begriff war, Blut zu vergießen? Nein, denke ich, das ist es nicht. Vielleicht, weil ich den Tod fürchte und fürchte erschossen zu werden? Nein, das ist es auch nicht, das ist es erst recht nicht ... Und plötzlich wußte ich, um was es sich handelte: ich hatte gestern abend Afanassij geschlagen! Plötzlich sehe ich alles vor mir, als ob die Szene sich von neuem wiederholte: er steht vor mir, und ich schlage ihn mit voller Kraft ins Gesicht, er aber hält seine Hände an den Hosennähten, den Kopf gerade, die Augen, wie in der Front, geradeaus gerichtet. Bei jedem Schlage fährt er zusammen, und doch wagt er nicht, zum Schutze seine Hände zu erheben – und ich lasse mich so gehen und schlage einen anderen Menschen. Wie mit spitzen Nadeln stach es in mein Herz. Mir schwindelte. Die Sonne aber leuchtete so hell, die Blättchen blitzten feucht vom Tau, und die Vögel, die Vögel lobten Gott ... Ich bedeckte mein Gesicht mit beiden Händen, warf mich aufs Bett und schluchzte laut auf. Da erinnerte ich mich denn der Worte meines Bruders Markell, die er vor seinem Tode zu den Dienstboten gesagt hatte: „Ihr, meine Lieben, Teuren, warum dient ihr mir, und warum liebt ihr mich? Bin ich dessen wert, daß ihr mir dient?“ „Ja, bin ich denn dessen wert?“ ging es mir durch den Kopf. In der Tat, wodurch bin ich wert, daß ein anderer Mensch, so einer, wie ich es bin, das Ebenbild Gottes – daß er mir dient? Und zum erstenmal in meinem Leben ging mir diese Frage durch den Sinn ...

„Mütterchen, mein eigenes liebes Herzblut, in Wahrheit ist jeder vor allen schuldig, nur wissen es die Menschen nicht, wenn sie es aber wüßten, so würde sofort das Paradies auf Erden sein.“ „Herrgott, wie sollte das nicht wahr sein,“ denke ich und weine, „wahrlich, ich bin von allen Menschen auf der Welt der Schuldigste und Schlechteste!“ Und vor mir tauchte die ganze Wahrheit auf mit ihrem ganzen Licht. Was war ich im Begriff zu tun? Einen guten, klugen, edlen Menschen zu töten, der mir gegenüber keine Schuld hatte, und seine Frau auf ewig ihres Glückes zu berauben und sie zu quälen und gleichfalls zu vernichten! So lag ich auf dem Bett, das Gesicht in die Kissen gepreßt, und ich gewahrte nicht, wie die Zeit verging. Plötzlich tritt mein Kamerad, der Leutnant, der mein Sekundant sein sollte, mit dem Pistolenkasten unterm Arm, bei mir ein: „Gut,“ sagte er, „daß du schon angekleidet bist, es ist Zeit zum Aufbruch.“ Ich fuhr auf und konnte mich gar nicht fassen. Wir traten hinaus, um in den Wagen einzusteigen. „Warte hier einen Augenblick,“ sagte ich zu ihm, „ich laufe nur auf einen Moment hinein, habe mein Portemonnaie vergessen.“ Und ich lief in die Wohnung zurück, geradeswegs in die Kammer Afanassijs: „Afanassij,“ sage ich, „ich habe dich gestern zweimal ins Gesicht geschlagen, verzeihe es mir.“ Er fuhr zusammen, als hätte ich ihn erschreckt, er sieht mich erstaunt an – und ich sah, daß das zu wenig war, und plötzlich fiel ich, so wie ich war, in Uniform und Epauletten, vor ihm hin und mit der Stirn berührte ich die Erde: „Vergib mir!“ sagte ich. Da erstarrte er einfach: „Euer Wohlgeboren, Väterchen, Herr, was tun Sie ... bin ich es denn wert!“ und er brach in Tränen aus; gerade wie ich es getan hatte, bedeckte nun auch er mit beiden Händen sein Gesicht, wandte sich ab zum Fenster, und sein Körper wurde vom Weinen erschüttert. Ich lief hinaus zu meinem Kameraden, stieg in den Wagen und schrie dem Kutscher zu: „Fort!“ „Ich habe einen Sieger gesehen,“ rief ich meinem Kameraden zu „siehst du, hier steht er vor dir.“ Ein solches Entzücken hatte mich gepackt, ich lachte während der ganzen Fahrt und sprach und sprach, ich weiß nicht mehr, was ich sprach. Er sieht mich an: „Nun, Bruder,“ sagte er zu mir, „du bist ein ganzer Kerl, wirst der Uniform Ehre machen.“ So kamen wir am Orte an. Die anderen waren schon dort und erwarteten uns. Man stellte uns auf zwölf Schritt Distanz. Er hatte den ersten Schuß. Ich stand vor ihm, fröhlich, gerade mit dem Gesicht zu ihm, unbeweglich, Auge in Auge, sah ihn liebevoll an, und ich wußte, was ich tat. Er schoß ab, die Kugel schrammte ein wenig meine Wange und streifte mein Ohr. „Gott sei Dank,“ rief ich, „Sie haben keinen Menschen getötet!“ erhob meine Pistole, kehrte mich zurück und warf sie mit einem Bogen in den Wald: „Dahin,“ rief ich – „gehörst du!“ Darauf wandte ich mich an meinen Gegner: „Geehrter Herr,“ sagte ich, „verzeihen Sie mir dummen, jungen Menschen, daß ich Sie absichtlich beleidigt habe, und Sie durch mich jetzt gezwungen waren, auf mich zu schießen. Ich bin zehnmal schlechter als Sie und vielleicht sogar noch mehr. Berichten Sie das, bitte, der Dame, die Sie vor allen anderen Menschen auf der Welt am meisten achten.“ Kaum hatte ich das gesagt – so schrien sie alle drei. „Aber ich bitte Sie,“ sagte mein Gegner sehr geärgert, „wenn Sie nicht schießen wollen, wozu haben Sie uns denn hierher bemüht?“ – „Gestern war ich noch dumm, heute aber bin ich schon klüger,“ antwortete ich ihm lächelnd. „Was Sie von gestern sagen, glaube ich Ihnen, was Sie aber von heute sagen, so weiß ich noch nicht, ob ich Ihrer Meinung beistimmen kann.“ – „Bravo,“ rief ich aus und klatschte in die Hände, „auch darin bin ich mit Ihnen einverstanden, habe es verdient!“ – „Werden Sie schießen, mein Herr, oder nicht?“ – „Ich werde nicht schießen,“ antwortete ich, „aber wenn Sie wollen, so schießen Sie noch einmal, nur besser wäre es für Sie, nicht zu schießen.“ Die Sekundanten riefen, besonders der meinige: „Wie können Sie das Regiment so beschimpfen, daß Sie vor dem Schuß stehend um Verzeihung bitten? Wenn ich das gewußt hätte!“ Da stand ich nun vor ihnen; ich lachte aber nicht mehr: „Meine Herren,“ sagte ich, „ist es denn wirklich so erstaunlich in unserer Zeit, einen Menschen zu treffen, der seine Dummheit bereut und öffentlich seine Schuld eingesteht?“ – „Aber doch nicht vor dem Schuß!“ schrie wieder mein Sekundant. – „Das ist es ja,“ antwortete ich ihm, „das ist ja freilich sehr wunderlich, ich hätte gleich meine Entschuldigung machen sollen, als wir hierherkamen, noch vor Ihrem Schuß, und Sie nicht zu einer so großen und todbringenden Sünde zwingen sollen, aber wir haben uns in der Welt so sinnlos eingerichtet, daß mir anders zu handeln unmöglich war, ich mußte erst Ihren Schuß auf zwölf Schritt Distanz aushalten, um Ihnen allen meine Meinung darüber sagen zu können. Hätte ich es aber vor dem Schuß, als wir hier zusammentrafen, gesagt, so hätten Sie einfach geurteilt: Dieser Feigling, die Pistole hat ihm Angst gemacht! Meine Herren,“ rief ich plötzlich von ganzem Herzen aus, „sehen Sie um sich, auf diese Götterwelt: Der Himmel ist klar und die Luft ist rein, wie zart ist das Gras, wie schön und sündlos ist die Natur, nur wir, nur wir allein sind gottlos und dumm und verstehen nicht, daß das Leben ein Paradies ist – wenn wir es nur verstehen wollten, so würde die Erde in ihrer ganzen Schönheit zum Paradiese, und wir würden einander umarmen und vor Freude weinen ...“ Ich wollte noch weiter fortfahren, konnte aber nicht, der Atem ging mir aus, so selig, so jugendlich war mir zumute, das Herz voller Glück, wie ich es in meinem ganzen Leben nicht empfunden hatte. „Alles das ist sehr vernünftig und ehrenwert,“ sagte mein Gegner „und jedenfalls sind Sie ein origineller Mensch ...“ „Lachen Sie nur, später werden auch Sie mich loben,“ rief ich ihm lachend zu. – „Ich bin bereit, Sie schon jetzt zu loben, erlauben Sie, daß ich Ihnen meine Hand reiche, denn es scheint, daß Sie wirklich ein aufrichtiger Mensch sind.“ – „Nein,“ sagte ich, „jetzt ist das nicht nötig, später, wenn ich besser sein und Ihre Achtung verdient haben werde, dann reichen Sie mir Ihre Hand.“ Wir kehrten nach Haus zurück; mein Sekundant schimpfte mich während der ganzen Fahrt tüchtig aus, ich aber – küßte ihn. Sofort erfuhren es alle meine Kameraden und versammelten sich noch am selben Tage, um über mich Gericht zu halten: „Er hat das Regiment beschimpft, er soll seinen Abschied einreichen!“ Einige verteidigten mich und meinten: „Den Schuß hat er doch abgewartet.“ – „Ja, aber die anderen Schüsse hat er eben gefürchtet und daher um Verzeihung gebeten.“ – „Aber, wenn er die Schüsse gefürchtet hätte,“ erwiderten die Verteidiger, „so hätte er erst aus seiner Pistole geschossen und dann um Verzeihung gebeten, er aber warf sie geladen in den Wald! Nein, dem liegt etwas anderes zugrunde, etwas Originelleres.“ Ich hörte ihnen zu; mir war so heiter zumut, wenn ich sie so anschaute: „Meine lieben Freunde und Kameraden, sorgen Sie sich nicht um meinen Abschied; ich habe ihn schon eingereicht, heute morgen, und sobald ich ihn erhalte, gehe ich sofort ins Kloster – darum habe ich es getan.“ Als ich das kaum ausgesprochen hatte, lachten alle bis auf den Letzten laut auf: „Ja, wenn du uns das nur gleich mitgeteilt hättest, so wäre uns ja alles klar geworden, einen Mönch kann man doch nicht verurteilen!“ Sie lachten und hörten gar nicht auf damit, aber nicht spöttisch, sondern freundlich und heiter lachten sie. Und alle liebten sie mich plötzlich, sogar meine heftigsten Ankläger, und den ganzen Monat, solange ich meinen Abschied noch nicht erhalten hatte, trugen sie mich fast auf den Händen: „Ach, du Mönch,“ sagten sie. Und jeder hatte für mich ein freundliches Wort. Sie beredeten mich und bedauerten mich sogar: „Was machst du aus dir?“ – „Nein,“ sagten sie, „er ist tapfer, er hat den Schuß nicht gefürchtet und auch selbst hätte er geschossen, ihm hatte aber die Nacht vorher geträumt, daß er Mönch werden sollte, und daher ist alles gekommen.“ Dasselbe geschah mit mir auch in der Gesellschaft. Früher hatte man mich nicht sonderlich beachtet, obgleich man mich überall freundlich empfangen hatte, jetzt aber kannten mich alle und luden mich täglich zu sich ein: sie lachten dabei über mich, aber sie liebten mich. Ich muß noch bemerken, daß, obwohl allgemein in der Gesellschaft und öffentlich über das Duell gesprochen wurde, die Obrigkeit die Sache geflissentlich übersah; da mein Gegner ein naher Verwandter unseres Generals war, und da die Sache so günstig und ohne alles Blutvergießen verlaufen war, ganz wie ein Scherz, und da ich zudem meinen Abschied eingereicht hatte, so faßte man denn auch wirklich die ganze Sache nur als Scherz auf. Ich sprach daher ganz offen über die Sache, ungeachtet ihres Gelächters, denn ich wußte, ihr Lachen war nicht böse, sondern gut gemeint. Dieses Gespräch war an den Abenden besonders beliebt; in der Damengesellschaft hörte man mir gerne zu, und die Damen forderten auch ihre Männer auf, mir zuzuhören. „Wie ist denn das möglich, daß ich allen gegenüber schuldig bin?“ fragte mich ein jeder und lachte mir ins Gesicht, „wie soll ich denn zum Beispiel Ihnen gegenüber schuldig sein?“ – „Ja, wie sollten Sie das wohl wissen,“ antwortete ich ihnen, „da die ganze Welt schon seit langem einen anderen Weg eingeschlagen hat, und die Lüge als Wahrheit anerkannt ist, und daher auch ein jeder vom anderen solche Lüge verlangt. Einmal im Leben habe ich aufrichtig gehandelt, und da erscheine ich nun Ihnen allen als Geistesschwacher: obgleich Sie lieb zu mir sind, so lachen Sie doch alle über mich.“ – „Wie sollte man Sie, so wie Sie sind, nicht lieben?“ sagte laut die Hausfrau und lächelte mir zu. Es war bei ihr eine zahlreiche Gesellschaft versammelt. Und plötzlich sehe ich, löst sich aus der Gesellschaft eine Dame und tritt auf mich zu. Es war dieselbe junge Dame, um derentwillen es zum Duell gekommen war, und die ich mir noch vor kurzer Zeit als Braut zugedacht hatte. Ich hatte es nicht bemerkt, daß auch sie sich im Salon befand. Sie kam auf mich zu und reichte mir die Hand: „Erlauben Sie, bitte, Ihnen zu sagen, daß ich nicht über Sie lache, im Gegenteil, mit Tränen in den Augen danke ich Ihnen, und ich drücke Ihnen meine Hochachtung aus, die ich für Sie wegen Ihrer Tat empfinde.“ Da kam auch ihr Mann auf mich zu, reichte mir die Hand, und die ganze Gesellschaft umringte mich und drückte mir somit ihr Mitgefühl aus. Es fehlte nicht viel, so hätten sie mich alle umarmt. Mir war sehr froh zumute. Damals fiel mir aber besonders ein Herr auf, ein älterer Herr, der auch zu mir herangetreten war, den ich wohl dem Namen nach kannte, doch mit dem ich noch nie ein Wort gewechselt hatte.

d) Der geheimnisvolle Gast

Schon seit langer Zeit nahm er in unserer Stadt eine angesehene Stellung ein; er wurde von allen geachtet, war reich und als wohltätig bekannt. Er hatte ein ansehnliches Kapital dem Krankenhause wie dem Waisenhause übergeben und tat im geheimen viel Gutes, was erst später, nach seinem Tode, bekannt wurde. Er zählte ungefähr fünfzig Jahre, hatte ein strenges Aussehen und war sehr wortkarg; mit seiner jungen Frau, von der er drei unmündige Kinder hatte, war er seit zehn Jahren verheiratet.

Am Abend darauf saß ich bei mir zu Hause, als plötzlich meine Tür sich öffnete und dieser Herr bei mir eintrat. Ich muß hierbei bemerken, daß ich nicht mehr in meiner früheren Wohnung lebte; als ich den Abschied eingereicht hatte, nahm ich mir eine Wohnung mit Bedienung bei einer alten Dame, einer Beamtenwitwe. Der Umzug in diese Wohnung war nur darum geschehen, weil ich Afanassij noch am selben Tage, gleich nach dem Duell, in die Kompagnie zurückschickte, denn ich schämte mich nach dem Vorgefallenen, ihm in die Augen zu sehen, – so sehr ist ein weltlich erzogener Mensch verbildet, daß er sich sogar einer gerechten Tat schämen kann.

„Ich habe Ihnen schon einigemal und in verschiedenen Häusern mit großem Anteil zugehört,“ sprach der bei mir eintretende Herr, „so daß ich wünschte, endlich mit Ihnen persönlich bekannt zu werden, um mich noch eingehender mit Ihnen zu unterhalten. Können Sie mir diesen großen Gefallen erweisen?“ – „Mit dem größten Vergnügen, und ich rechne es mir zu einer ganz besonderen Ehre an,“ antwortete ich ihm darauf, selbst aber erschrak ich, solch einen Eindruck hatte das auf mich gemacht. Denn wie gern man mich auch angehört und wie sehr man mir allgemeine Anteilnahme gezeigt hatte, so war doch noch niemand mit solchem Ernst und aus innerer Überzeugung an mich herangetreten. Dieser aber kam sogar zu mir in die Wohnung. Er setzte sich. „Ich erkenne eine große Charakterstärke in Ihnen,“ fuhr er fort, „denn Sie haben sich nicht gefürchtet, der Wahrheit zu dienen, und das noch in einer Sache, in der Sie riskierten, die Verachtung aller auf sich zu ziehen.“ – „Ihr Lob scheint mir etwas zu groß,“ sagte ich zu ihm. – „Nein, durchaus nicht,“ antwortete er mir, „glauben Sie, solch eine Handlung zu begehen, ist viel schwerer, als Sie denken. Damit haben Sie mich in Erstaunen gesetzt, und darum bin ich zu Ihnen gekommen. Beschreiben Sie mir, bitte, wenn meine Neugier Sie nicht verletzt, was Sie in diesem Moment empfanden, als Sie sich entschlossen, bei dem Duell um Entschuldigung zu bitten, wenn Sie sich dessen noch erinnern können. Halten Sie meine Frage nicht für leichtfertig, denn wenn ich Ihnen solch eine Frage stelle, so habe ich dabei einen geheimen Zweck, den ich in der Folge Ihnen mitteilen werde, wenn es Gott gefallen sollte, uns einander noch näher zu führen.“