„Sie wissen gar nicht, Sie haben mich gerettet, mein Vorgefühl hat mich zu Ihnen geführt ... Also, auf zu diesem Popen! Ich eile, ich fliege sofort ... Ich habe auf Ihre Krankheit keine Rücksicht genommen ... Aber ich werde es Ihnen nie vergessen! Ein russischer Mensch sagt Ihnen das, Kusjma Kusjmitsch, ein russischer Mensch!“
Mitjä wollte bereits die Hand des Alten ergreifen, um sie zu schütteln, doch etwas Böses blitzte in dessen Augen auf. Mitjä ließ seine Hand sinken, machte sich aber seines Argwohns wegen sofort Vorwürfe. „Er ist ermüdet ...“ ging es ihm durch den Sinn.
„Für sie! Für sie! Kusjma Kusjmitsch! Sie verstehen mich doch, alles ist ja für sie!“ rief er plötzlich laut durch den ganzen Saal, verbeugte sich, drehte sich auf dem Hacken hastig um und ging mit denselben raschen, gleichmäßigen Schritten, ohne sich umzukehren, dem Ausgang zu. Er zitterte vor Begeisterung. „Alles war schon verloren, da hat mich mein Schutzengel gerettet! ... Und wenn schon selbst solch ein Geschäftsmann wie dieser Alte –, welch ein edler Greis, welch eine Haltung! – mir diesen Ausweg zeigt, so ... so ist doch wenigstens schon der Weg gefunden! Ich werde sofort hinfahren. Vor der Nacht bin ich dann wieder zurück, und die Sache ist erledigt. Der Alte hat sich doch nicht über mich lustig machen wollen?“ So dachte Mitjä bei sich, als er in seine Wohnung eilte. Es konnte ihm auch gar nicht anders scheinen: entweder, es war ein sachlicher Rat (von solch einem Geschäftsmann!) mit Sachkenntnis gegeben, oder – oder aber der Alte hatte sich wirklich über ihn lustig gemacht! Leider war der zweite Gedanke der richtige. Später, lange nachher, als die ganze Katastrophe schon geschehen war, gestand der alte Ssamssonoff selbst lachend, daß er sich über den „Hauptmann“ tatsächlich lustig gemacht hatte. Er war ein böswilliger, kalter und höhnischer Mensch, und dazu war er noch voller krankhafter Abneigungen. Die begeisterte Stimmung des „Hauptmanns“, die dumme Überzeugung dieses „Verschwenders und Verschleuderers“, daß er, Ssamssonoff, auf so einen „wilden Plan“ hereinfallen könnte, die Eifersucht wegen Gruschenka, um derentwillen dieser „Herumtreiber“ zu ihm gekommen war, um für irgendeinen wilden Blödsinn Geld zu erhalten – ich weiß nicht, was in dem Alten in jenem Augenblick aufstieg, als Mitjä vor ihm stand und fühlte, daß seine Füße schwach wurden, und er sinnlos ausrief, daß er verloren sei: aber in dieser Minute sah der Greis mit unendlicher Wut auf ihn und nahm sich vor, ihn zum besten zu haben. Als Mitjä hinausgegangen war, befahl Kusjma Kusjmitsch, bleich vor Zorn, seinem Sohn, dafür zu sorgen, daß von diesem Herumtreiber hinfort selbst nicht der Schatten mehr vor seine Augen komme, nicht einmal auf den Hof solle man ihn lassen, geschweige denn ...
Er beendete seine Drohung nicht, doch der Sohn, der ihn oft im Zorn gesehen hatte, erzitterte vor Furcht, denn so war der Vater noch nie gewesen. Noch eine ganze Stunde nachher bebte der Alte vor Wut, und zum Abend hin erkrankte er und schickte nach dem Arzt.
II.
Ljägawyj
So mußte sich Mitjä denn aufmachen, doch Geld, um die Pferde zu bezahlen, besaß er nicht: im ganzen hatte er noch zwei Zwanzigkopekenstücke, das war aber auch alles, was ihm von seinem früheren Wohlstande verblieben war. Aber bei ihm zu Haus lag noch eine alte silberne Uhr, die schon längst zu gehen aufgehört hatte. Er nahm sie und brachte sie zu einem Uhrmacher, einem Juden, der seinen kleinen Laden am Markt hatte. Der gab für sie sechs Rubel. „So viel? Das hatte ich gar nicht erwartet!“ rief Mitjä entzückt aus (er war die ganze Zeit über noch begeistert), steckte sich die sechs Rubel ein und eilte nach Haus. Zu Hause borgte er von seinen Hauswirten noch drei Rubel dazu; sie gaben sie ihm mit Vergnügen, ungeachtet dessen, daß es ihr letztes Geld war – so sehr liebten sie ihn. Mitjä erzählte ihnen sofort in seiner Begeisterung, daß sein Schicksal sich jetzt entscheiden werde, erzählte ihnen in großer Eile fast seinen ganzen „Plan“, den er soeben noch Ssamssonoff vorgelegt hatte, darauf den Rat Ssamssonoffs, alle seine Hoffnungen usw. usw. Die Hauswirte waren auch schon früher in viele seiner Geheimnisse eingeweiht worden und betrachteten ihn als einen zu ihnen Gehörigen, und durchaus nicht als stolzen Herrn Leutnant. Nachdem er auf diese Weise also neun Rubel zusammengebracht hatte, schickte er nach Postpferden, um zur Station Wolowje zu fahren. Auf diese Weise konnte später die Tatsache festgestellt werden, daß Mitjä „am Tage vor dem Ereignisse keinen Kopeken besessen hatte, und daß er, um sich das Geld, das er zur Fahrt nötig hatte, zu verschaffen, seine Uhr verkauft und drei Rubel von den Hauswirten geborgt hatte, und das alles vor Zeugen.“
Ich hebe diese Tatsache schon jetzt hervor, später wird sich erklären, warum ich es tue.
Wenn nun Mitjä auch während der ganzen Fahrt bis zur Station Wolowje, vor Freude darüber, daß jetzt endlich sich alles lösen und „alle diese Gemeinheiten“ ein Ende nehmen würden, förmlich berauscht war, so zitterte er trotz alledem vor Angst bei dem schrecklichen Gedanken: „Was wird Gruschenka während meiner Abwesenheit tun? Wenn sie sich nun gerade heute entschließt, zum Vater zu gehen?“ Darum hatte er ihr auch nicht gesagt, daß er fortfahren werde und den Hauswirten strengstens verboten, zu verraten, wohin er sich begeben hatte, falls jemand kommen sollte, um nach ihm zu fragen. „Ich muß unbedingt, unbedingt noch heute abend zurückkehren,“ sagte er sich immer wieder, „und diesen Ljägawyj müßte man eigentlich mitschleppen, damit man alle Formalitäten sofort erledigen kann ...“ So träumte Mitjä mit bangem Herzen, doch leider sollten sich diese Träume nicht nach seinem „Plane“ verwirklichen. Erstens: er verspätete sich, da er von der Station Wolowje einen Nebenweg eingeschlagen hatte. Der Nebenweg war aber nicht zwölf, sondern achtzehn Werst lang. Zweitens traf er den Iljinskijschen Popen nicht zu Haus, da jener auf ein benachbartes Gut gefahren war. Als Mitjä ihm mit seinen müdegejagten Pferden auf das Gut nachfuhr und ihn endlich fand, wurde es schon Nacht. Das „Väterchen“, dem Äußeren nach ein bescheidener und liebenswürdiger Mensch, erklärte sofort bereitwillig, daß dieser Ljägawyj sich wohl zuerst bei ihm aufgehalten habe, doch jetzt sich in Ssuchoj Possjolok, wo er Wald kaufe, beim Buschwächter befinde, und dort in dessen Hütte übernachten werde. Auf die inständigen Bitten Mitjäs, ihn sofort zu diesem Ljägawyj zu bringen und ihn dadurch zu „retten“, weigerte sich das Väterchen zuerst, schließlich aber willigte es doch ein, ihn nach Ssuchoj Possjolok zu führen, da es augenscheinlich selbst eine große Neugierde empfand. Zum Unglück riet er aber Mitjä, mit ihm zu Fuß dahin zu gehen, da es nur etwas mehr als eine Werst entfernt sei. Mitjä, versteht sich, willigte sofort ein und ging mit seinen langen Schritten drauflos, so daß das arme Väterchen fast hinter ihm herlaufen mußte. Es war das noch kein alter, doch ein sehr vorsichtiger Mensch. Mitjä sprach sofort wieder begeistert mit ihm über seine Pläne, verlangte voll Unruhe seinen Rat in betreff Ljägawyjs und sprach überhaupt den ganzen Weg. Das Väterchen hörte ihm aufmerksam zu, riet ihm aber wenig. Auf die Fragen Mitjäs antwortete es ausweichend: „Ich weiß es nicht, ich, ich weiß es nicht, wie soll ich das wissen“ usw. Als Mitjä von seinen Streitigkeiten mit Fedor Pawlowitsch wegen seiner Erbschaft erzählte, erschrak das Väterchen sogar, da es in irgendwelchen Dingen von Fedor Pawlowitsch abhängig war. Mit Verwunderung fragte der Pope übrigens Mitjä, warum er diesen Holzhändler Gorstkin „Ljägawyj“ nannte, und er erklärte Mitjä ausführlich, daß jener, wenn er auch Ljägawyj hieße, sich doch nicht Ljägawyj nenne; mit diesem Namen kränke man ihn bis aufs Blut, und Mitjä solle ihn nur ja Gorstkin anreden, denn sonst würde aus der Sache nichts werden, und „er würde Sie überhaupt nicht anhören“, schloß das Väterchen. Mitjä war darüber sehr verwundert und erklärte ihm, daß Ssamssonoff selbst jenen Holzhändler so genannt habe! Als der Priester das hörte, brach er das Gespräch sofort ab, obgleich es besser gewesen wäre, wenn er Mitjä seinen Verdacht mitgeteilt hätte: daß Ssamssonoff, wenn er ihn zu diesem Bauer, als zu „Ljägawyj“ geschickt hat, sich über ihn nur habe lustig machen wollen, und daß dabei etwas nicht ganz in Ordnung sein müsse. Doch Mitjä hatte keine Zeit, jetzt „an solche Kleinigkeiten“ zu denken. Er beeilte sich, schritt weit aus, und erst, als er in Ssuchoj Possjolok angelangt war, erriet er, daß sie nicht eine Werst, wohl aber drei Werst gegangen waren; das ärgerte ihn ein wenig, aber er schwieg darüber. Sie traten in die Hütte. Der Buschwächter, ein Bekannter des Väterchens, wohnte in der einen Hälfte der Hütte, in der anderen, in der „guten Stube“, rechts vom Flur, hatte sich Gorstkin einquartiert. Sie traten in die gute Stube, und es wurde für sie sofort ein Talglicht angezündet. Die Stube war stark geheizt. Auf einem Tannenholztisch stand ein verlöschter Ssamowar, ein Teebrett mit Tassen, eine geleerte Flasche Rum, ein fast geleerter Liter Branntwein und Reste von Weizenbrot. Der Angereiste selbst lag ausgestreckt auf einer Holzbank, hatte seinen zusammengerollten Überrock statt eines Kissens unter den Kopf geschoben und schnarchte laut. Mitjä war einen Augenblick unentschlossen. „Man muß ihn wecken! Meine Angelegenheit ist zu wichtig, und ich habe es so eilig, ich muß heute noch zurückfahren,“ sagte Mitjä in seiner Erregung; das Väterchen und der Wächter standen dabei, schweigend, und keiner äußerte seine Meinung. Mitjä ging zum Schlafenden und versuchte ihn zu wecken, rüttelte ihn kräftig, aber der Schlafende wachte nicht auf. „Er ist betrunken!“ rief Mitjä erschrocken aus, „was soll ich jetzt tun, mein Gott, was soll ich jetzt tun!“ Und plötzlich begann er in seiner Ungeduld den Schlafenden an den Händen und Füßen zu zerren, seinen Kopf zu schütteln, ihn aufzuheben und auf die Bank zu setzen, doch seine ganze lange Liebesmüh war umsonst: der Betrunkene brummte und grunzte nur und fing schließlich an kräftig, wenn auch undeutlich zu schimpfen.
„Nein, besser, Sie schieben es noch auf,“ sagte endlich das Väterchen, „er ist augenblicklich nicht imstande ...“