„Wieso habe ich sie geheilt? Sie liegt doch noch im Rollstuhl?“

„Aber sie fiebert jetzt in der Nacht überhaupt nicht mehr, zwei Nächte nicht mehr, seit Donnerstag!“ sagte nervös erregt die Dame. „Und nicht nur das allein, auch ihre Füße sind erstarkt. Heute morgen stand sie ganz gesund auf, sie hat die ganze Nacht geschlafen; sehen Sie doch, wie rosig sie heute ist, wie ihre Augen glänzen! Sonst weinte sie immer, jetzt aber lacht sie, ist lustig und fröhlich. Heute wollte sie unbedingt, daß man sie auf die Füße stelle, und so stand sie eine ganze Minute ohne jede Stütze. Sie hat mit mir gewettet, daß sie nach zwei Wochen Walzer tanzen werde. Ich ließ den hiesigen Doktor Herzenstube zu mir bitten; er aber zuckte bloß mit den Achseln und sagte: ‚Das überrascht mich, ist mir unverständlich!‘ Und Sie verlangen, daß wir Sie nicht mehr beunruhigen sollen, daß wir nicht danken? Lise, bedank dich doch, aber so bedanke dich doch!“

Lisas reizendes, lachendes Gesichtchen wurde plötzlich ganz ernst; sie erhob sich im Stuhl, soweit sie es konnte, blickte ernst den Staretz an und legte ihre Händchen vor ihm zusammen, doch konnte sie sich nicht bezwingen und fing von neuem an zu lachen ...

„Über ihn, ach, ich lache ja nur über ihn!“ rief sie, auf Aljoscha weisend, in kindlichem Unwillen über sich selbst, weil sie nicht ernst geblieben war und gelacht hatte. Wer Aljoscha, der einen Schritt hinter dem Staretz stand, betrachtet hätte, der würde die Röte bemerkt haben, die auf einen Augenblick in sein Gesicht stieg. Seine Augen blitzten auf, und er senkte den Blick zu Boden.

„Sie hat einen Auftrag an Sie, Alexei Fedorowitsch ... Wie geht es Ihnen?“ wandte sich die Mama an Aljoscha und streckte ihm ihr reizendes behandschuhtes Händchen entgegen. Der Staretz sah sich hastig nach Aljoscha um und betrachtete ihn lange Zeit sehr aufmerksam. Jener näherte sich Lisa und reichte ihr ein wenig ungeschickt lächelnd die Hand. Lise machte ein wichtiges Gesichtchen.

„Katerina Iwanowna schickt Ihnen durch mich diesen Brief,“ sagte sie und überreichte ihm ein kleines Schreiben. „Sie läßt Sie sehr, sehr bitten, zu ihr zu kommen und so schnell als möglich, und nicht nur zu versprechen, sondern bestimmt zu kommen.“

„Sie bittet mich, zu ihr zu kommen? Zu ihr, mich ... Warum denn?“ stotterte Aljoscha höchst verwundert. Er sah plötzlich ganz besorgt aus.

„O, es handelt sich natürlich um Dmitrij Fedorowitsch und ... um alle diese jüngsten Begebenheiten,“ erklärte flüchtig die Mama. „Katerina Iwanowna hat sich jetzt zu etwas entschlossen ... zu diesem Zweck aber muß sie Sie sehen – warum? Das weiß ich natürlich nicht; aber sie läßt Sie bitten, sobald als möglich zu kommen. Und Sie kommen doch, nicht wahr? Kommen Sie unbedingt, hier gebietet es sogar die Christenpflicht.“

„Ich habe sie nur ein einziges Mal gesehen,“ sagte Aljoscha immer noch ganz verwundert.

„O, das ist ein so edles, ein so unerreichbar edles Mädchen! ... Schon allein, was sie gelitten hat ... Bedenken Sie doch nur, was sie ertragen hat, und was sie jetzt ertragen muß, und bedenken Sie nur, was sie noch erwartet! ... Es ist schrecklich, wirklich schrecklich, wenn man das bedenkt!“