Da kam ein Fuhrmann mit einem alten kleinen Kaufmann auf diesem Nebenwege dahergefahren. Mitjä erkundigte sich bei ihnen nach dem Weg, und da hörte er denn, daß die beiden auch nach Wolowje fuhren. Sie kamen mit dem Preis überein, und Mitjä wurde als Reisegefährte mitgenommen. Nach drei Stunden kamen sie an. Auf der Wolowjeschen Station bestellte Mitjä sofort Postpferde zur Rückkehr in die Stadt, und da erst fühlte er einen unerträglichen Hunger. Während die Pferde angespannt wurden, bereitete man ihm einen Eierkuchen. Er verzehrte ihn sofort, aß ein großes Stück Brot, es fand sich auch noch Wurst dazu, die er gleichfalls aufaß: dazu trank er drei Schnäpse. Als er sich so gestärkt hatte, wurde er wieder munter, und auch in seiner Seele wurde es heller. Er jagte in die Stadt zurück und feuerte den Postknecht zu noch größerer Schnelligkeit an. Und plötzlich kam ihm eine gute Idee, die sich alsbald zu einem neuen „unwandelbaren“ Plan entwickelte, nämlich, wie er sich noch vor dem Abend dieses verfluchte Geld verschaffen könnte. „Und sich vorzustellen, nur vorzustellen, daß wegen dieser lumpigen dreitausend Rubel ein Mensch zugrunde gehen soll!“ rief er mit Verachtung aus. „Heute noch muß es sich entscheiden!“ Und wenn ihn nicht fortwährend der Gedanke an Gruschenka und daran, was alles inzwischen geschehen sein konnte, gequält hätte, so wäre er vielleicht wieder ganz heiter geworden. Doch der Gedanke an sie bohrte sich wie ein scharfes Messer in seine Seele. Endlich langte er wieder in der Stadt an, und sofort eilte er zu Gruschenka.

III.
Die Goldgruben

Es war dies jener Besuch Mitjäs bei ihr, von dem sie Rakitin und Aljoscha am Abend desselben Tages mit Schrecken erzählt hatte. Sie erwartete damals schon seit einiger Zeit den berittenen Boten aus Mokroje und war daher sehr froh, daß Mitjä weder gestern noch heute zu ihr gekommen war, und vielleicht vor ihrer Abfahrt überhaupt nicht wiederkommen würde. Und nun plötzlich überraschte er sie. Das Weitere ist uns bekannt. Um ihn los zu werden, überredete sie ihn, sie zu Kusjma Ssamssonoff zu begleiten, zu dem sie, wie sie sagte, unbedingt gehen mußte, um „Geld zu zählen“, und als Mitjä sie dann begleitet hatte, nahm sie ihm das Wort ab, sie um Mitternacht wieder abzuholen, um sie nach Haus zu bringen. Mitjä war mit dieser Abmachung sehr zufrieden: „Sie wird bei Kusjma sitzen, und folglich nicht zum Vater gehen ... wenn sie nur die Wahrheit sagt,“ fügte er sofort hinzu. Doch schien ihm dieses Mal, daß sie nicht log. Seine Eifersucht war von der Art, daß er während der Trennung von dem geliebten Weibe sich Gott weiß was für Schrecken ausdachte: was alles mit ihr geschieht und wie sie ihm „untreu“ ist. Doch kaum ist er dann – erschüttert, zerschmettert, und fest überzeugt, daß alles verloren sei, daß sie ihn schon verraten habe – wieder bei ihr angelangt: so sind nach dem ersten Blick in ihr Gesicht, in das lachende, fröhliche und zärtliche Gesicht der Geliebten, wieder alle Qualen vergessen, er schöpft wieder Hoffnung, verliert sofort jeglichen Verdacht, schämt sich seiner Eifersucht und schilt sich ihretwegen. Nachdem er Gruschenka zu Ssamssonoff begleitet hatte, ging er zu sich nach Haus. Oh, er hatte heute noch soviel zu erledigen! Aber seinem Herzen war doch ein wenig leichter. „Nur muß ich noch sehen, daß ich von Ssmerdjäkoff sofort erfahre, ob sie nicht gestern abend beim Alten gewesen ist, bei Fedor Pawlowitsch ... unbedingt!“ ging es ihm durch den Kopf. So gelang ihm also noch nicht einmal, bis zu seiner Wohnung zu gehen, als die Eifersucht in seinem unruhigen Herzen schon wieder aufloderte.

Eifersucht! „Othello ist nicht eifersüchtig, er ist vertrauensselig,“ hat Puschkin gesagt, und schon allein diese eine Bemerkung zeigt die ungewöhnliche Tiefe unseres großen Dichters. Othellos Seele ist nur zermalmt, und seine ganze Weltanschauung hat sich getrübt, denn er hat „sein Ideal verloren“. Aber Othello wird sich nicht verstecken, wird nicht spionieren, nicht auflauern: er ist vertrauensselig! Im Gegenteil, man mußte ihn darauf bringen, ihn geradezu darauf stoßen, ihn mit aller Gewalt dazu anfachen, damit er auf einen Verrat verfiel. Anders ist es mit dem Eifersüchtigen. Man kann sich die ganze Schmach und die sittliche Erniedrigung gar nicht ausdenken, zu der ein Eifersüchtiger fähig ist, und in die er ohne jegliche Gewissensbisse verfallen wird. Oh, nicht, daß es etwa nur gemeine und schlechte Seelen wären! Im Gegenteil, mit reiner Liebe und großer Selbstaufopferung im Herzen, kann der Eifersüchtige sich zu gleicher Zeit unter Tischen verstecken, die gemeinsten Leute bestechen und sich mit den letzten Gemeinheiten eines Spionentums befreunden. Othello hätte sich niemals mit einem Verrat aussöhnen können – er hätte verziehen, nie aber sich ausgesöhnt – obgleich seine Seele unschuldig und gut wie die Seele eines Kindes war. Anders der wahre Eifersüchtige. Es ist schwer, sich vorzustellen, wonach er sich wieder aussöhnen, und was er alles verzeihen kann! Der Eifersüchtige verzeiht von allem am ehesten, und das wissen auch die Frauen. Der Eifersüchtige ist fähig (versteht sich, nach einer furchtbaren Szene), alles zu verzeihen, sogar einen fast erwiesenen Verrat, sogar Umarmungen und Küsse, die er selbst gesehen hat, wenn er nur zu gleicher Zeit hoffen kann, daß es „zum letztenmal“ gewesen ist, und daß sein Gegner von Stund an verschwinden, ans andere Ende der Welt fortfahren wird, oder daß er selbst sie irgendwohin entführen kann, an einen Ort, wo es seinem furchtbaren Gegner unmöglich ist, sie zu erreichen. Versteht sich, die Aussöhnung dauert nur eine Stunde, denn wenn der Gegner auch wirklich auf immer verschwindet, so wird er doch morgen einen anderen, einen neuen Gegner finden, und er wird aufs neue eifersüchtig sein. Und was liegt ihm so an dieser Liebe, und was ist diese Liebe wert, die so gehütet und belauscht, die so bewacht werden muß? Das ist eine Frage, die ein Eifersüchtiger überhaupt nicht versteht, und doch gibt es unter ihnen Männer, die wirklich hochherzig sind. Bemerkenswert ist darum, daß dieselben hochherzigen Menschen in irgendeinem Kämmerlein lauschend und spähend stehen können; obgleich sie nur zu gut mit ihrem „hohen Herzen“ die ganze Schmach begreifen, in die sie sich freiwillig selbst begeben haben, so werden sie doch in dieser Minute, wenigstens während sie da im Kämmerlein stehen, gar keine Gewissensbisse empfinden. Bei Mitjä, wenn er Gruschenka sah, verlor sich die Eifersucht ganz, und für den Augenblick war er voll Vertrauen und Anständigkeit und verachtete sich selbst wegen seiner schlechten Gefühle. Aber das bedeutete nur, daß in seiner Liebe zu dieser Frau etwas Höheres lag und nicht nur eine Leidenschaft für jene „Körperbiegung“, wie er es selbst geglaubt und wovon er noch mit Aljoscha gesprochen hatte. Sobald aber Gruschenka verschwunden war, begann Mitjä wieder, sie aller Niedrigkeiten des Verrats zu verdächtigen. Und dabei fühlte er dann nicht die geringsten Gewissensbisse.

So loderte denn auch jetzt die Eifersucht wieder in ihm auf. Vor allen Dingen mußte er sich beeilen und sich für jeden Fall etwas Geld verschaffen. Die gestrigen neun Rubel waren für die Fahrt aufgegangen, und ganz ohne Geld, das wußte er, konnte man ja keinen einzigen Schritt tun. So hatte er denn auch unterwegs, zusammen mit seinem neuen Plane, überlegt, von wo er sich dieses Geld verschaffen konnte. Er besaß noch zwei gute Duellpistolen mit Patronen, und wenn er sie bis jetzt noch nicht versetzt hatte, so hatte er dies nur darum nicht getan, weil er sie von allen seinen Sachen am meisten liebte. Im Gasthaus „Zur Hauptstadt“ hatte er flüchtig einen jungen Beamten kennen gelernt, von dem er wußte, daß er ein unverheirateter, wohlhabender Mensch war, der bis zur Leidenschaft Gewehre, Pistolen, Revolver, Degen kaufte, sie an den Wänden seines Zimmers aufhing, um sie dann seinen Bekannten zu zeigen und damit zu prahlen, daß er Meister im Erklären der verschiedenen Systeme sei, wie man sie laden, wie man sie abfeuern müsse usw. Mitjä dachte denn auch nicht lange darüber nach und begab sich sofort zu ihm, um seine Pistolen für zehn Rubel zu versetzen. Der Beamte bat Mitjä hocherfreut, sie ihm ganz zu verkaufen, doch Mitjä willigte nicht ein. Dieser gab ihm die zehn Rubel und erklärte ihm, daß er keine Prozente dafür nehmen werde. Sie schieden als Freunde. Mitjä beeilte sich, zu Fedor Pawlowitsch oder vielmehr in die Laube am Gartenzaun zu gelangen, um so schnell als möglich mit Ssmerdjäkoff zu sprechen.

Auf diese Weise konnte man später wieder die Tatsache feststellen, daß Mitjä drei oder vier Stunden „vor dem Ereignisse“ (von dem später die Rede sein wird), keine Kopeke Geld besaß, und daß er für zehn Rubel einen Lieblingsgegenstand versetzte, nach drei Stunden aber – Tausende in den Händen hatte ... Doch ich greife vor.

Bei Marja Kondratjewna (der Nachbarin Fedor Pawlowitschs) erwartete ihn eine Nachricht, die ihn sehr erregte: er erfuhr, daß Ssmerdjäkoff krank war. Er hörte die Geschichte vom Sturz in den Keller an, von der Ankunft des Doktors, von den Bemühungen Fedor Pawlowitschs um den Kranken, und mit großem Interesse vernahm er von der Abfahrt Iwan Fedorowitschs nach Moskau. „Wahrscheinlich passierte er die Station Wolowje früher als ich,“ dachte Dmitrij Fedorowitsch, aber die Krankheit Ssmerdjäkoffs beunruhigte ihn doch sehr. „Wie wird es denn jetzt sein, wer wird jetzt für mich aufpassen, wer wird es mir melden?“ fragte er sich. Gierig begann er die Frauen auszufragen, ob sie gestern abend nichts bemerkt hätten. Diese verstanden sehr gut, um was es sich für ihn handelte, und beruhigten ihn vollkommen: „Niemand war da,“ sagten sie, „nur Iwan Fedorowitsch nächtigten im Hause, alles war in der größten Ordnung.“ Mitjä überlegte. Selbstverständlich mußte er auch heute aufpassen, aber wo? – Hier oder beim Ssamssonoffschen Hause? Er beschloß, dies hier wie dort zu tun, je nach den Umständen, zunächst aber, zunächst ... Die Sache war nämlich die, daß es jetzt „diesen Plan“ auszuführen galt, den „neuen und richtigen“ Plan, den er sich auf der Fahrt ausgedacht hatte, und der sich nun nicht mehr aufschieben ließ. Mitjä entschloß sich, eine Stunde für ihn zu opfern ... „In einer Stunde werde ich alles erfahren, alles erledigt haben, und dann begebe ich mich sofort zu Ssamssonoffs, erfahre dort beim Hofknecht, ob Gruschenka da ist, komme dann sofort wieder hierher und bleibe bis elf Uhr hier, darauf hole ich sie von Ssamssonoff ab und bringe sie nach Haus.“

Er begab sich in seine Wohnung, wusch sich, kämmte sich und bürstete seine Kleider, kleidete sich an und ging darauf zu Frau Chochlakoff. Ja, leider – das war sein ganzer Plan. Er hatte beschlossen, diese Dame um dreitausend Rubel anzugehen. Und wieder war in ihm ein ungewöhnliches Vertrauen aufgetaucht, daß sie ihm seine Bitte nicht abschlagen werde. Vielleicht wird man sich darüber wundern, warum er, wenn er zu ihr solch ein Zutrauen hatte, dann nicht schon früher zu jemand aus seiner Bekanntschaft gegangen war, statt zu Ssamssonoff, der zu einer so ganz anderen, ihm fremden Gesellschaftsschicht gehörte, daß er nicht einmal gewußt hatte, wie er ihn anreden sollte. Die Sache verhielt sich aber so, daß er im letzten Monat die Bekanntschaft mit Frau Chochlakoff ganz vernachlässigt hatte und auch früher nur wenig mit ihr bekannt gewesen war; zudem wußte er, daß sie ihn nicht mochte, daß sie ihn haßte, lange schon, und zwar nur darum, weil er der Verlobte Katerina Iwanownas war, während sie plötzlich dringend wünschte, daß Katerina Iwanowna nicht ihn, sondern „den lieben ritterlichen Iwan Fedorowitsch mit dem exquisiten Auftreten“ heirate. Die Manieren Mitjäs dagegen gefielen ihr nicht. Auch hatte Mitjä über sie gelacht und einmal sogar von ihr geäußert, daß diese Dame „ebenso lebhaft wie ungebildet“ sei. Und siehe da, nun war ihm auf dem Wege der Gedanke gekommen: „Wenn sie so dagegen ist, daß ich Katerina Iwanowna heirate, – er wußte, daß diese ihre Abneigung fast hysterisch war – warum sollte sie mir da nicht die dreitausend Rubel geben, damit ich mit dem Gelde auf immer von hier fortgehe und auf diese Weise Katjä verlasse? Wenn solche verwöhnten Damen, wie die Chochlakoff einmal ihre Kapricen bekommen, so geben sie sich ja doch nicht eher zufrieden, als bis sie ihren Willen durchgesetzt haben. Zudem ist sie ja so reich,“ dachte Mitjä. Was nun den „Plan“ anbelangt, so war er derselbe, das heißt, er sah die Abtretung seiner Rechte auf Tschermaschnjä vor, nur diesmal nicht als kaufmännisches Geschäft, wie gestern bei Ssamssonoff. Auch wollte er diese Dame nicht wie Ssamssonoff mit der Möglichkeit, drei oder vier Tausend dabei zu gewinnen, anlocken, sondern es sollte nur eine anständige Sicherstellung für seine Schuld sein. Bei diesem Gedanken geriet Mitjä wieder in Begeisterung, – aber so geschah es ja immer mit ihm, bei allen seinen Unternehmungen und plötzlichen Entschlüssen. Jedem neuen Gedanken ergab er sich bis zur Leidenschaft. Nichtsdestoweniger fühlte er plötzlich, als er die Treppe zum Hause der Frau Chochlakoff hinaufstieg, ein Frösteln im Rücken. In dieser Sekunde wurde ihm bewußt und geradezu mathematisch klar, daß es seine letzte Hoffnung war, und daß ihm dann, wenn auch dieser Versuch nicht gelang, in der ganzen Welt nichts mehr verblieb, „als jemandem den Hals umzudrehen, um ihm nur die dreitausend Rubel zu rauben – und weiter nichts“ ... es war halbacht Uhr, als er die Türklingel zog.

Am Anfang schien ihm das Glück hold zu sein. Kaum hatte er sich anmelden lassen, als er auch schon mit außergewöhnlicher Bereitwilligkeit sofort empfangen wurde. „Ganz als hätte sie mich erwartet,“ dachte Mitjä bei sich, und kaum war er in den Salon eingetreten, als ihm die Dame des Hauses auch schon eilig entgegentrat und ihm geradeheraus erklärte, daß sie ihn tatsächlich erwartet habe ...

„Ich habe Sie erwartet, oh, wie ich Sie erwartet habe! Und ich hätte doch gar nicht annehmen können, daß Sie zu mir kommen würden, sagen Sie sich doch selbst, Dmitrij Fedorowitsch, wundern Sie sich über meinen Instinkt, ich erwartete Sie schon den ganzen Morgen, und ich war überzeugt, daß Sie heute kommen würden.“