„Ich, ich schrecken?“ rief Mitjä plötzlich laut, seine Hände erhebend. „– Oh, geht vorüber, geht, ich trete aus dem Wege, ich werde nicht dazwischen treten! ...“ Und plötzlich fiel er, ganz unerwartet für alle, und am unerwartetsten natürlich für sich selbst, auf einen Stuhl nieder und brach in Schluchzen aus ... Er kehrte sich ab zur anderen Wand und umklammerte mit den Armen die Stuhllehne so fest, als wenn er sie krampfhaft an sein Herz pressen wollte.
„Da haben wir’s, da haben wir’s, wie du wirklich bist!“ sagte Gruschenka vorwurfsvoll. „Ganz so kam er auch einmal zu mir: fängt plötzlich an zu sprechen, ich aber verstehe nichts. Und einmal begann er ebenso zu schluchzen, und jetzt hier zum zweitenmal – solch eine Schande! Warum weinst du denn? Das fehlte noch, deswegen zu weinen! Es ist doch wahrlich kein Grund dazu vorhanden!“ fügte sie plötzlich rätselhaft hinzu, mit einer gewissen Gereiztheit jedes Wort betonend.
„Ich ... ich weine nicht ... Nun, freuen wir uns!“ Im Augenblick hatte er sich auf dem Stuhl umgedreht und lachte auch schon: es war aber nicht sein gewöhnliches kurzes Lachen, sondern ein ganz eigentümlich unhörbares, langes, krampfhaftes und erschütterndes Lachenwollen.
„Nun, nun, schsch! – lach nicht so ... Aber sei fröhlich, nun, sei doch fröhlich!“ beredete ihn Gruschenka. „Ich bin sehr froh darüber, daß du gekommen bist, Mitjä, hörst du, daß ich mich sehr darüber freue? Ich will, daß er hier bei uns bleibt,“ sagte sie befehlerisch scheinbar zu allen, doch galten ihre Worte eigentlich nur dem Pan auf dem Sofa. „Ich will es, ich will es! Wenn er fortgeht, so gehe auch ich fort, ganz einfach!“ fügte sie mit plötzlich glühendem Blick hinzu.
„Was wollen meine Kruléwa, is Gesetz,“ sagte der Pan und küßte ihr galant die Hand. „Ich biete die Pan zu sein von unser Kompagnie!“ sagte er liebenswürdig zu Mitjä. Mitjä sprang sofort wieder auf, offenbar mit der Absicht, nochmals eine Rede zu halten, aber es kam etwas anderes über seine Lippen.
„Trinken wir, Pane!“ stieß er nur kurz hervor. Alle brachen darüber in Lachen aus.
„Gott! Und ich glaubte schon, daß er wieder reden will!“ rief Gruschenka nervös aus. „Hörst du, Mitjä, daß du nicht mehr so aufspringst! ... Daß du Champagner mitgebracht hast, ist großartig. Ich werde mittrinken, Liköre kann ich nicht ausstehen. Das beste aber ist doch, daß du selbst gekommen bist, es war hier sterbenslangweilig ... Oder bist du gekommen, um hier wieder, wie damals, durchzugehen? Aber so steck doch das Geld ein! Wo hast du so viel Geld hergenommen?“
Mitjä schob die Geldscheine, die er immer noch in der Faust gehalten hatte, und die von allen, besonders von den Polen, bemerkt worden waren, hastig und verwirrt in die Tasche. Er errötete. Da brachte der Wirt den Champagner herein. Mitjä ergriff die Flasche, war aber so zerstreut, daß er nicht wußte, was er mit ihr anfangen sollte. Kalganoff nahm sie ihm lachend ab und schenkte an seiner Stelle ein.
„Noch, noch eine Flasche!“ rief Mitjä dem Wirt zu, ergriff sein Glas und stürzte es hinab, ohne vorher mit dem Pan, den er doch zum Friedenstrunk aufgefordert hatte, anzustoßen, oder auf die anderen zu warten. Sein ganzes Gesicht veränderte sich im Augenblick. Der feierliche, fast tragische Ausdruck, mit dem er eingetreten war, veränderte sich in einen geradezu kindlichen. Es war, als hätte sich der ganze Mensch besänftigt und ergeben. Schüchtern und freudig blickte er alle an, fast könnte man sagen, mit dem dankbaren Ausdruck eines schuldigen Hundes, den man wieder gestreichelt und ins Zimmer gelassen hat. Er schien alles vergessen zu haben und betrachtete alle Anwesenden geradezu verzückt mit einem kindlichen Lächeln, das zuweilen von einem kurzen nervösen Lachen unterbrochen wurde. Gruschenka konnte er nicht anders als lachend ansehen, und er setzte sich mit seinem Stuhl ganz nah zu ihr. Allmählich hatte er sich auch die beiden Polen genauer angesehen, doch ohne sich dabei etwas zu denken. Der Pan auf dem Sofa frappierte ihn durch seine sonderbare Haltung, den polnischen Akzent und, vor allen Dingen, – durch die Pfeife. „Nun, was ist denn dabei, es ist doch sehr gut so, daß er die Pfeife raucht,“ meinte Mitjä schließlich bei sich. Das etwas aufgedunsene Gesicht des vielleicht schon vierzigjährigen Polen mit der auffallend kleinen Nase, unter der das spärliche, gefärbte kohlschwarze Schnurrbärtchen zu zwei Nadelspitzen zusammengedreht war, rief in Mitjä gleichfalls nicht das geringste Bedenken hervor. Selbst die jämmerliche Perücke des Pans, die in Sibirien angefertigt war, an den Schläfen mit auffallend albern nach vorn gekämmtem Haar, erregte weiter keinen Verdacht in ihm. „Es muß wohl so sein, wenn man eine Perücke trägt,“ überlegte er in seliger Stimmung. Der andere Pan, der an der Wand saß und jünger war als der auf dem Sofa, blickte frech und herausfordernd die ganze Gesellschaft an und hörte mit stummer Verachtung der Unterhaltung zu: doch auch dieser junge Mann fiel Mitjä nur durch seine Länge auf, die sich allerdings sehr grotesk neben der Kürze des älteren Pans ausnahm. „Wenn der sich erhebt, kann er sich ja den Schädel an der Decke einschlagen,“ zuckte es Mitjä flüchtig durch den Sinn. Ebenso flüchtig dachte er auch daran, daß der lange Pan, der wahrscheinlich der Freund und Gehilfe des kleinen Pan auf dem Sofa war, gewissermaßen sein Leibwächter zu sein schien, und daß der Kleine natürlich über den Langen das Kommando führte. Aber auch das schien Mitjä wunderschön, und er hatte nichts dagegen einzuwenden. In dem „gestreichelten Hunde“ war jede Rivalität erstorben. Von Gruschenkas rätselhaften Worten hatte er noch nichts begriffen, ebensowenig wie er sich nach der Ursache ihrer ganzen Veränderung gefragt hatte. Er sagte sich nur mit langsam, doch, wie er glaubte, laut klopfendem Herzen, daß sie ihm „verziehen“ und ihn zu sich, ganz dicht an ihren Stuhl, herangewinkt hatte. Er glaubte zu vergehen vor Glück und wollte aufjauchzen, als er sah, wie sie das Glas hob und einen kleinen Schluck Champagner schlürfte. Das allgemeine Schweigen fiel ihm ganz plötzlich auf, und er blickte gleichsam erwartungsvoll alle Anwesenden an: „Aber warum sitzen wir denn so stumm, warum wird nichts gesprochen?“ schien sein lächelnder Blick zu fragen.
„Er hat die ganze Zeit gefaselt, und wir haben hier alle gelacht,“ sagte da Kalganoff, auf Maximoff weisend, als hatte er Mitjäs Blick verstanden.