Nachdem Mitjä das gesagt hatte, wurde er plötzlich auffallend traurig. Er war schon seit einiger Zeit immer finsterer geworden. Und da, gerade in diesem Augenblick, kam wieder etwas Unerwartetes dazwischen. Man hatte nämlich Gruschenka zwar aus dem Zimmer entfernt, doch nicht sehr weit fortgebracht: nur in das dritte Zimmer von dem blauen Zimmer, in dem das Verhör stattfand. Es war das ein kleiner einfenstriger Raum, der gleich neben dem großen Zimmer lag, in dem der Chor gesungen und die Mädchen getanzt hatten. Dort saß sie inzwischen, und nur Maximoff war bei ihr. Dieser war über die Maßen betroffen und hatte unglaubliche Angst, weswegen er sich denn auch an sie geradezu angeklammert hatte, als wäre sie seine einzige Rettung. Vor ihrer Tür stand nur ein Bauer mit einem runden Blechschild auf der Brust. Gruschenka weinte, doch plötzlich, als ihr Leid übergroß wurde, sprang sie auf und stürzte mit dem lauten Schrei: „Wehe mir, wehe mir!“ hinaus aus dem Zimmer zu ihrem Mitjä. Das geschah so unerwartet, daß niemand die Geistesgegenwart hatte, sie sofort aufzuhalten. Als Mitjä ihren Schrei hörte, erzitterte er zuerst, dann sprang er wie außer sich auf und stürzte ihr entgegen. Doch man ließ sie wieder nicht zusammen kommen, sie konnten sich nur einen Augenblick sehen. Drei oder vier Männer hielten ihn mit aller Gewalt zurück: er riß seine Arme los, stieß, schlug, aber vergeblich. Auch sie war ergriffen worden, und er sah nur noch, wie sie mit einem Schrei die Arme ihm entgegenstreckte, als sie hinausgebracht wurde. Nachdem dieser Zwischenfall vorüber war, fand er sich, als er zur Besinnung kam, wieder auf seinem Platz gegenüber dem Untersuchungsrichter und heftig auffahrend schrie er ihn an:
„Was hat sie Ihnen getan? Warum quälen Sie sie? Sie ist unschuldig, ganz unschuldig! ...“
Der Staatsanwalt und der Untersuchungsrichter beruhigten ihn. So verging einige Zeit, etwa zehn Minuten. Da trat Michail Makarowitsch (der Polizeichef) wieder ein und sagte laut und sichtlich erregt zum Staatsanwalt:
„Sie ist entfernt, sie ist jetzt nach unten gebracht, – gestatten Sie mir, meine Herren, nur ein Wort zu diesem Unglücklichen zu sagen? In Ihrer Gegenwart, meine Herren, in Ihrer Gegenwart!“
„Bitte,“ entgegnete der Untersuchungsrichter, „in diesem Falle haben wir nichts dagegen einzuwenden.“
„Dmitrij Fedorowitsch, höre, mein Sohn,“ begann Michail Makarowitsch zu Mitjä gewandt, und sein Gesicht drückte aufrichtiges, fast väterliches Mitleid mit dem Unglücklichen aus. „Ich habe deine Agrafena Alexandrowna nach unten begleitet und sie dort den Wirtstöchtern übergeben, und außerdem ist noch dieses alte Männchen, der Maximoff, beständig bei ihr, und ich habe ihr zugeredet, hörst du? habe ihr zugeredet und sie beruhigt, ihr erklärt, daß du dich jetzt rechtfertigen mußt, daß sie dich darum nicht stören soll, da sie dich sonst aufregen würde und du dich verwirren und falsch gegen dich aussagen könntest, verstehst du? Na, mit einem Wort, ich habe ihr zugeredet, und sie hat es begriffen. Sie ist ein kluges Weib, sie ist gut, sie wollte sogar mir altem Manne die Hand küssen, und sie hat für dich gebeten. Sie selbst hat mich zu dir geschickt, um dir sagen zu lassen, daß du ihretwegen ruhig sein sollst, aber es ist auch nötig, nötig, daß ich jetzt zu ihr gehe und ihr sage, daß du ruhig bist und dich ihretwegen nicht mehr aufregst. Versteh mich recht und beruhige dich hübsch. Ich fühle, daß ich ihr gegenüber schuldig bin, ich habe mich vorhin fortreißen lassen, sie hat ein echt christliches Herz, jawohl, meine Herren, das ist eine fromme Seele, die keine Schuld kennt. Also, was soll ich ihr nun sagen, Dmitrij Fedorowitsch, wirst du ruhig sein oder nicht?“
Der alte gute Mann sprach viel überflüssiges Zeug, doch Gruschenkas Leid, das aufrichtige Menschenleid hatte sein gutes Herz dermaßen ergriffen, daß ihm Tränen in den Augen standen. Mitjä sprang ungestüm auf.
„Verzeihen Sie, meine Herren, erlauben Sie, oh, erlauben Sie!“ rief er. „Michail Makarowitsch, Sie prächtiger, herzensguter Mensch, ich danke Ihnen für alles, was Sie für sie getan haben! Ich werde, ich werde ruhig sein, werde fröhlich sein, überbringen Sie ihr das in Ihrer Herzensgüte! Sagen Sie ihr, daß ich ganz heiter bin, daß ich sogar lachen werde, da ich jetzt weiß, daß sie in Ihnen einen so guten Schutzgeist hat, Michail Makarowitsch. Ich werde sofort alles erledigen, und sobald ich hier frei bin, komme ich unverzüglich zu ihr, sie wird schon sehen, sie soll nur noch etwas warten! Meine Herren,“ wandte er sich plötzlich an den Untersuchungsrichter und den Staatsanwalt, „jetzt werde ich Ihnen meine ganze Seele ausschütten, ich werde alles aufdecken, und wir erledigen dann im Augenblick die ganze Geschichte. Zum Schluß werden wir noch lachen, nicht wahr, das werden wir doch? Aber, meine Herren, dieses Weib – das ist die Königin meiner Seele! Oh, erlauben Sie mir, das zu sagen, wenigstens das muß ich Ihnen offenbaren ... Ich sehe doch, daß ich es mit Ehrenmännern zu tun habe. Sie ist mein Licht, sie ist mein Heiligtum, und wenn Sie nur wüßten! Haben Sie ihren Schrei gehört? ‚Mit dir auch in den Tod!‘ – Und was habe ich ihr gegeben, ich Bettler, ich, der ich nichts habe, nichts bin, wofür schenkt sie mir diese Liebe, bin ich denn solcher Liebe wert, bin ich plumpe, schändliche Kreatur mit dem abscheulichen Gesichte solcher Liebe wert, daß sie zusammen mit mir sogar zur Zwangsarbeit verschickt werden will? Um für mich zu bitten, warf sie sich auf die Knie, sie, die Stolze, die unschuldig, ganz und gar unschuldig ist! Wie soll ich sie nun nicht vergöttern, wie soll ich nicht aufschreien, nicht ihr entgegenstürzen, wie vorhin? Oh, meine Herren, verzeihen Sie! Doch jetzt, jetzt bin ich beruhigt.“
Er fiel auf den Stuhl zurück, und das Gesicht mit den Händen bedeckend, schluchzte er plötzlich wie im Krampf auf. Doch das waren glückliche Tränen. Er faßte sich aber sofort. Der alte Polizeichef war sehr zufrieden, und auch die Juristen schienen es zu sein: sie fühlten, daß das Verhör jetzt eine andere Wendung nehmen werde. Mitjä wurde geradezu fröhlich.
„Nun, meine Herren, jetzt gehöre ich Ihnen, ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung. Und ... wenn nur nicht alle diese nebensächlichen Kleinigkeiten wären, so würden wir sofort ins reine kommen. Dieser verdammte Kleinkram! – Ich gehöre Ihnen, meine Herren, aber, das schwöre ich Ihnen, die Hauptsache ist beiderseitiges Zutrauen, – Ihrerseits zu mir und meinerseits zu Ihnen, – anders kommen wir nie zu Ende. Ich sage es in Ihrem Interesse. Doch jetzt zur Sache, meine Herren, zur Sache! Die Hauptbedingung: wühlen Sie sich nicht so in meine Seele hinein, quälen Sie sie nicht mit Nebensächlichem, sondern fragen Sie nur, was zur Sache gehört, fragen Sie nach den Tatsachen, und ich werde Sie sofort zufrieden stellen. Mit den unbedeutenden Details aber zum Teufel!“