Er konnte nicht weitersprechen. Seine Augen blitzten, und er atmete schwer. Doch auch die anderen in der Zelle Anwesenden waren erregt. Außer dem Staretz erhoben sie sich alle von ihren Plätzen; die beiden Priestermönche blickten streng drein, warteten aber ab, was der Staretz sagen werde. Der war ungewöhnlich bleich, doch nicht vor Aufregung, sondern infolge seiner krankhaften Schwäche.
Ein flehendes Lächeln lag auf seinen Lippen; zuweilen erhob er die Hand, wie um die Tobenden aufzuhalten, und natürlich hätte eine Bewegung von ihm genügt, um den ganzen Auftritt zu beenden; aber er schien es selbst nicht zu wollen, schien noch irgend etwas abzuwarten und beobachtete nur aufmerksam, als ob er noch etwas begreifen wollte, als ob er sich über irgend etwas noch nicht klar geworden sei. Endlich unterbrach Miussoff, der sich endgültig erniedrigt und beschimpft fühlte, das Schweigen.
„An diesem Skandal sind wir alle schuld!“ sagte er erregt, „doch immerhin habe ich mir so etwas nicht träumen lassen, als ich herkam, obgleich ich wußte, mit wem ich es zu tun hatte ... Dem muß sofort ein Ende gemacht werden! Ehrwürden, glauben Sie mir, daß mir alle hier zutage gekommenen Einzelheiten nicht bekannt waren; ich hätte sie nicht für möglich gehalten, erst jetzt erfahre ich zum erstenmal ... Der Vater ist auf den Sohn eifersüchtig wegen eines Weibes, das ein unanständiges Leben führt, und verabredet sich selbst mit diesem gemeinen Geschöpf, den Sohn ins Gefängnis zu bringen! ... Und in solch einer Gesellschaft hat man mich herzukommen gezwungen ... Ich bin betrogen worden! Und ich erkläre hiermit, daß ich nicht weniger als alle anderen betrogen worden bin ...“
„Dmitrij Fedorowitsch!“ rief plötzlich mit einer ganz sonderbaren, ihm ganz fremden Stimme Fedor Pawlowitsch: „Wenn Sie nicht mein Sohn wären, so würde ich Sie unverzüglich fordern ... auf Pistolen, auf drei Schritt Distanz ... übers Schnupftuch, übers Schnupftuch!“ schrie er, mit den Beinen stampfend.
Es kommt zuweilen vor, daß alte Lügner, die sich ihr ganzes Leben lang verstellt haben, plötzlich vor Erregung tatsächlich zittern und weinen – wenn sie sich in ihrer Verstellung schon gar zu sehr verrannt haben –, ungeachtet dessen, daß sie sich selbst noch im selben Augenblick – oder noch vor einer Sekunde – haben zuflüstern können: „Du bist ja doch ein Lügner, alter schamloser Narr; bist ja auch jetzt ein Komödiant trotz deines ganzen ‚heiligen‘ Zornes.“
Dmitrij Fedorowitschs Gesicht verfinsterte sich unheimlich, und mit unbeschreiblicher Verachtung blickte er auf seinen Vater.
„Ich glaubte ... ich glaubte,“ sagte er sonderbar leise und zurückhaltend, „ich würde mit meinem Schutzengel, mit meiner Braut, in die Heimat zurückkehren, um ihn hier im Alter zu pflegen, und jetzt sehe ich vor mir nur einen ausschweifenden Lüstling und den gemeinsten Komödianten!“
„Auf Pistolen!“ schrie wieder der Alte atemlos, und Speichel spritzte bei jedem Wort von seinen Lippen. „Sie aber, Pjotr Alexandrowitsch Miussoff, merken Sie sich, mein Verehrtester, daß es vielleicht in Ihrer ganzen Sippe – weder jetzt noch früher – kein höheres und ehrenwerteres – hören Sie, ehrenwerteres – Weib jemals gegeben hat als dieses ‚gemeine Geschöpf‘, wie Sie jene Dame vorhin zu nennen wagten! Sie aber, Dmitrij Fedorowitsch, haben gegen dieses ‚gemeine Geschöpf‘ Ihre Braut eingetauscht, somit also selbst gefunden, daß Ihre Braut nicht einmal deren Schuhsohlen wert ist, derart ist also dieses Geschöpf!“
„Welch eine Schmach!“ entrang es sich dem Pater Jossiff.
„Ja, eine Schmach und eine Schande ist es!“ rief plötzlich Kalganoff, der die ganze Zeit geschwiegen hatte, mit seiner brechenden und vor Erregung zitternden Stimme und wurde über und über rot.