„Ich habe schon längst gelernt, in Ihnen ein seltenes Wesen zu verehren,“ sagte Koljä verwirrt und erregt. „Ich weiß, Sie sind ein Mystiker und haben im Kloster gelebt. Ich weiß, daß Sie ein Mystiker sind, aber ... das hält mich weiter nicht ab ... Ich denke, die Berührung mit der Wirklichkeit wird Sie schon heilen ... Mit Naturen, wie die Ihrige, ist es ja immer so.“

„Wen nennen Sie einen Mystiker? Wovon heilen?“ fragte Aljoscha ein wenig verwundert.

„Nun so, ich meine Gott und das übrige.“

„Wie, glauben Sie denn etwa nicht an Gott?“

„Im Gegenteil, ich habe nichts gegen ihn. Gott ist natürlich nur eine Hypothese ... aber ... ich gebe ja vollkommen zu, daß er nötig ist ... zur Ordnung ... zur Erhaltung der Weltordnung und so weiter ... – wenn es Gott nicht gäbe, so müßte man ihn sich ausdenken,“ fügte Koljä noch hinzu, während ihm das Blut schon in die Wangen stieg.

Ihn hatte plötzlich der Gedanke durchzuckt, Aljoscha könnte jetzt denken, daß er seine Kenntnisse zeigen und sich als „Erwachsener“ aufspielen wolle. „Das will ich aber durchaus nicht!“ dachte Koljä ungehalten. Und plötzlich ärgerte er sich sehr.

„Ich muß gestehen, ich liebe es gar nicht, mich auf diese verwickelten Diskussionen einzulassen,“ meinte er kurz abbrechend, „man kann doch auch ohne an Gott zu glauben die Menschheit lieben, was meinen Sie? Voltaire hat doch auch nicht an Gott geglaubt und doch die Menschheit geliebt!“ („Schon wieder, schon wieder komme ich mit meinen Kenntnissen!“ dachte er bei sich.)

„Voltaire dürfte wohl an Gott geglaubt haben, nur, wenn ich nicht irre, zu wenig, und die Menschheit hat er, glaube ich, gleichfalls nur wenig geliebt,“ sagte Aljoscha leise und zurückhaltend, doch ganz natürlich, wie wenn er mit einem gleichaltrigen oder womöglich sogar älteren Menschen spräche.

Koljä fiel sofort diese Ungewißheit Aljoschas in seiner Meinung über Voltaire auf: und daß er gewissermaßen ihm, dem kleinen Koljä überließ, über diese Frage zu entscheiden.

„Aber haben Sie denn Voltaire gelesen?“ fragte Aljoscha.