„Könntest du nicht lieber irgendeine Anekdote erzählen!“ fragte Iwan krankhaft gequält.
„Das kann ich sehr wohl. Ich habe gerade eine Anekdote, die gut zu unserem Thema paßt, oder vielmehr keine Anekdote, sondern so eine Legende. Da wirfst du mir nun Unglauben vor: ‚siehst und glaubst doch nicht.‘ Aber, mein Freund, ich bin ja doch nicht allein so, dort bei uns sind jetzt alle ganz konfus geworden, und das nur infolge eurer Wissenschaft. Solange es noch Atome gab, fünf Sinne, vier Elemente, nun, da hielt sich alles noch irgendwie im Leim. Atome gab es ja auch in der Alten Welt. Als man aber bei uns erfuhr, daß ihr dort bei euch das ‚chemische Molekül‘ und das ‚Protoplasma‘ entdeckt habt, und weiß der Teufel, was sonst noch, – da fühlte man sich bei uns sozusagen wie begossen und wurde kleinlaut. Der denkbar größte Blödsinn hub an. Vor allem – Aberglauben, Klatsch! Klatsch gibt es ja bei uns ebensoviel wie bei euch, sogar noch ein wenig mehr – und dann zum Schluß die Anzeigen! Bei uns gibt es doch auch so eine Abteilung zur Kenntnisnahme gewisser ‚Nachrichten‘. Nun also, diese verrückte Legende, noch aus dem Mittelalter – aus unserem, nicht aus eurem –, und denk nur, selbst bei uns glaubt niemand an sie, außer den sieben Pud schweren Kaufmannsfrauen, das heißt wiederum unsere Kaufmannsfrauen, nicht eure. Alles, was bei euch ist, ist auch bei uns – das will ich dir mal aus purer Freundschaft aufdecken, obgleich es eines unserer Geheimnisse und euch mitzuteilen verboten ist. Also diese Legende handelt vom Paradiese. Es war einmal, heißt es, hier bei euch auf der Erde so ein Denker und Philosoph, der ‚alles verneinte, Gesetze, Gewissen, Glaube‘, vor allen Dingen aber – das zukünftige Leben. Er starb, glaubte directement in Finsternis, Tod und Nichtsein zu geraten, aber siehst du wohl, da steht vor ihm – das zukünftige Leben. Er wunderte sich und ward ungehalten. ‚Das widerspricht meinen Überzeugungen,‘ sagte er. Nun, und dafür wurde ihm dann der Prozeß gemacht, und er wurde verurteilt ... das heißt, sieh mal, du mußt mich entschuldigen, ich gebe doch nur das wieder, was ich gehört habe, und es ist ja nur eine Legende ... Also man verurteilte ihn zu folgendem: in der Finsternis eine Quadrillion Kilometer zu durchwandern (bei uns rechnet man doch jetzt nach Kilometern), und erst wenn er diese Quadrillion Kilometer hinter sich hat, soll ihm das Paradiesestor geöffnet und alles verziehen werden ...“
„Aber was habt ihr in jener Welt sonst noch für Qualen, außer dieser Quadrillion?“ unterbrach ihn Iwan, plötzlich ganz eigentümlich belebt.
„Was für Qualen? Ach, frage lieber nicht danach! Früher gab es noch dies und das, jetzt dagegen hat man sich fast nur auf die abstrakten, auf die geistigen Qualen verlegt, so – ‚Gewissensbisse‘ und ähnlicher Blödsinn. Das ist gleichfalls von euch eingeführt, infolge der ‚Milderung‘ eurer Sitten. Und wer hat dabei gewonnen? Gewonnen haben nur die ‚Gewissenlosen‘, denn was können ihnen Gewissensbisse anhaben, wenn sie überhaupt kein Gewissen besitzen? Dafür müssen jetzt die anständigen Leute darunter leiden, die noch etwas Gewissen und Ehre im Leibe haben ... Das sind so die Reformen auf unvorbereitetem Boden, und die dazu noch nach anderen Einrichtungen kopiert werden, – nichts als Schaden kommt dabei heraus! Da ist doch das frühere Feuerlein eine ganz andere Sache ... Nun also, dieser zur Quadrillion Verurteilte stand, sah und legte sich dann quer auf den Weg hin: ‚Ich will nicht gehn, aus Prinzip werde ich nicht gehn!‘ Nimm die Seele eines russischen Atheisten und mische sie mit der Seele des Propheten Jonas, der drei Tage und drei Nächte lang im Bauche des Walfischs schmollte, – da hast du den Charakter dieses Denkers, der sich quer über den Weg legte.“
„Auf was legte er sich denn dort hin?“
„Nun, es wird doch wahrscheinlich etwas dagewesen sein, auf was man sich hinlegen konnte. Du lachst doch nicht?“
„Bravo!“ rief Iwan, immer noch in derselben angespannten Belebung. Er hörte mit auffallendem Interesse zu. „Nun, was? und liegt er auch jetzt noch?“
„Das ist’s ja, daß er nicht mehr liegt. Er lag fast tausend Jahre lang, da stand er plötzlich auf und ging.“
„So ein Esel!“ rief Iwan unwillkürlich aus und lachte nervös auf – schien aber dabei immer noch alle Sinne wie im Krampfe anzuspannen, um sich über ein gewisses Etwas klar zu werden oder zu kombinieren. „Kommt denn das nicht auf eins hinaus, ob man ewig liegt oder eine Quadrillion Kilometer geht? Das wäre doch ein Marsch von einer Billion Jahren?“
„Sogar noch viel mehr! Schade, ich habe keinen Bleistift und kein Papier bei mir, sonst könnte man es sofort berechnen. Aber er ist ja schon längst angekommen, und hier erst beginnt die Anekdote.“