Es erhob sich ein allgemeiner Tumult. Ich erinnere mich nicht mehr genau aller weiteren Vorgänge, ich war selbst zu aufgeregt, um alles zu verfolgen. Ich weiß nur, daß, als alle sich einigermaßen beruhigt und begriffen hatten, um was es sich handelte, der Gerichtsvollstrecker einen Verweis erhielt, obgleich er dem Gerichtshof aufs bestimmteste versicherte, der Zeuge sei die ganze Zeit über gesund gewesen; der Doktor habe ihn untersucht, als ihm vor einer Stunde etwas schlecht geworden war, vor seinem Eintritt in den Saal habe er aber ganz vernünftig und zusammenhängend gesprochen, so daß etwas Derartiges vorauszusehen unmöglich gewesen wäre; und er fügte noch hinzu, daß der Zeuge selbst sogar darauf bestanden habe, die Aussage zu machen. Doch kaum fing man an, sich zu beruhigen und zu besinnen, als sich schon eine neue Szene abspielte: Katerina Iwanowna bekam einen hysterischen Anfall. Sie weinte und schluchzte laut, wollte aber nicht fortgehen: sie bat und flehte, man solle sie nicht hinausbringen, und plötzlich rief sie dem Vorsitzenden zu:
„Ich muß Ihnen noch etwas mitteilen, sofort ... sofort! ... Hier ist das Papier, der Brief ... nehmen sie ihn, lesen sie ihn, schneller, schneller! Das ist der Brief dieses Ungeheuers, dort, dieses, dieses!“ und sie wies auf Mitjä. „Er hat den Vater erschlagen, Sie werden es sofort sehen, er schreibt mir, wie er den Vater erschlagen würde! Der andere aber ist krank, schwer krank und im Delirium! Ich habe es schon vor drei Tagen bemerkt, daß er wahnsinnig ist!“
So schrie sie außer sich. Der Gerichtsvollstrecker nahm ihr das Papier ab, das er dann dem Vorsitzenden überreichte, sie aber fiel auf ihren Stuhl zurück und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Sie schluchzte konvulsivisch und zitterte am ganzen Körper, bemühte sich aber aus aller Kraft, jeden Laut zu unterdrücken, wahrscheinlich aus Furcht, daß man sie sonst aus dem Saale bringen würde. Das Papier, das sie übergeben hatte, war derselbe Brief, den Mitjä im Gasthaus „Zur Hauptstadt“ geschrieben, und den Iwan Fedorowitsch den „mathematischen“ Beweis der Schuld Mitjäs genannt hatte. Und wehe, dieser Brief wurde denn auch als mathematisch klarer Beweis anerkannt! Wenn dieser Brief nicht gewesen wäre, so wäre Mitjä nicht zugrunde gerichtet worden, oder wenigstens wäre das nicht in so furchtbarer Weise geschehen! Ich wiederhole, es war schwer, alle Einzelheiten zu verfolgen. Auch jetzt noch erscheint mir das alles wie ein Chaos. Wahrscheinlich hat der Vorsitzende das neue Dokument darauf dem Gericht übergeben, dem Staatsanwalt, dem Verteidiger und den Geschworenen. Ich erinnere mich nur noch, wie man die Zeugin zu befragen anfing. Auf die Frage, ob sie sich beruhigt habe, die der Vorsitzende sehr höflich und geradezu mitfühlend an sie stellte, rief Katerina Iwanowna eifrig aus:
„Ich bin bereit, ich bin bereit! Ich bin durchaus imstande, Ihnen zu antworten,“ fügte sie hinzu, augenscheinlich in großer Angst, daß man sie aus irgendeinem Grunde nicht anhören werde.
Man bat sie, alles ausführlich zu erklären, was das für ein Brief sei, und unter welchen Umständen sie ihn erhalten habe.
„Ich habe ihn kurz vor seinem Verbrechen erhalten, geschrieben hat er ihn zwei Tage vorher, im Gasthaus ... Sehen Sie die Rückseite, er ist auf eine Rechnung geschrieben!“ rief sie atemlos. „Er haßte mich in dem Augenblick, weil er selbst eine gemeine Handlung begangen hatte, und diesem verworfenen Geschöpf nachlief ... und vor allem, weil er mir diese Dreitausend schuldete ... Oh, diese Dreitausend kränkten ihn, weil er sich ihretwegen so erniedrigt hatte! Mit diesen Dreitausend verhielt es sich so – ich bitte Sie, ich flehe Sie an, mich anzuhören! Vier Wochen vor der Ermordung seines Vaters kam er eines Morgens zu mir. Ich wußte, daß er Geld nötig hatte, und wußte auch, wozu – gerade, gerade dazu, um dieses Geschöpf verführen und mit ihr entfliehen zu können. Ich wußte damals, daß er mir untreu geworden war und mich verlassen wollte, und ich, ich selbst, gab ihm das Geld dazu, gab es ihm unter dem Vorwande, es meiner Schwester nach Moskau zu schicken, – und als ich es ihm übergab, sah ich ihm ins Gesicht und sagte ihm, er möge es absenden, wann er, wann er es wolle, ‚wenn auch erst nach einem Monat‘. Wie, sollte er wirklich nicht verstanden haben, daß ich ihm gerade ins Gesicht sagte: ‚Du hast Geld nötig, um mit jenem Geschöpf an mir zum Verräter zu werden, so nimm hier das Geld dazu, ich gebe es dir selbst, nimm es, wenn du so ehrlos bist, daß du es nehmen kannst!‘ Ich wollte ihn prüfen! Und was glauben Sie? Er nahm es, er nahm das Geld und ging davon! Und noch in derselben Nacht hatte er es mit diesem Geschöpf verschleudert, dort, in einer Nacht ... Doch er fühlte es, fühlte es nur zu gut, daß ich alles wußte, ich versichere Sie, er fühlte auch, daß ich ihn mit dem Gelde nur hatte prüfen wollen: wird er so ehrlos sein, daß er es von mir annimmt, oder nicht? Ich hatte ihm in die Augen gesehen, und er hatte mir in die Augen gesehen und alles verstanden, alles verstanden, und er behielt es doch, behielt es doch, das Geld, und ging zu ihr!“
„Du hast recht, Katjä!“ rief plötzlich Mitjä laut. „Ich sah dir in die Augen und begriff, daß du mich ehrlos machen wolltest, und nahm trotzdem dein Geld! Verachten Sie den Schurken, meine Herren, verachten Sie ihn alle, ich habe es verdient!“
„Angeklagter,“ schrie der Vorsitzende wütend, „noch ein Wort – und ich gebe den Befehl, Sie hinauszuführen!“
„Dieses Geld quälte ihn aber,“ fuhr Katjä krampfhaft sich beeilend fort, „er wollte es mir wiedergeben, er wollte es, das ist wahr, aber er brauchte das Geld für dieses Geschöpf. Und da hat er denn seinen Vater erschlagen, das Geld aber hat er mir doch nicht wiedergegeben, sondern ist zu ihr in jenes Dorf gefahren, wo man ihn ergriffen hat. Dort hat er auch dieses Geld verpraßt, das er vom ermordeten Vater gestohlen hatte. Und am Tage vor der Ermordung des Vaters hat er mir diesen Brief geschrieben, er hat ihn in der Betrunkenheit geschrieben, das habe ich sofort begriffen, hat ihn aus Wut geschrieben, denn er wußte, er wußte zu genau, daß ich diesen Brief niemandem zeigen würde, selbst wenn er den Mord ausführen sollte. Denn sonst hätte er ihn doch nicht geschrieben! Er wußte doch, daß ich mich niemals an ihm rächen, noch ihn zugrunde richten würde. Aber lesen Sie ihn, lesen Sie ihn aufmerksam, bitte, so aufmerksam wie möglich, und Sie werden sehen, daß er im Brief alles schon im voraus beschrieben hat: Wie er den Vater erschlagen wird, und wo das Geld bei ihm liegt. Sehen Sie, bitte, lassen Sie nichts aus, dort steht eine Phrase: ‚Ich werde ihn erschlagen, wenn nur Iwan abreisen würde.‘ Folglich hat er schon im voraus alles bedacht, wie er ihn umbringen könnte!“ Katerina Iwanowna wies schadenfroh und gehässig auf diesen einen Satz hin. Oh, man sah es, daß sie sich in alle Einzelheiten dieses verhängnisvollen Briefes hineingelesen und jedes Wort in ihm studiert hatte. „Wenn er nicht betrunken gewesen wäre, so hätte er ihn nicht geschrieben, doch lesen Sie nur, alles hat er in ihm schon im voraus angegeben, alles, ganz genau, wie er es später auch wirklich ausgeführt hat, das ist das ganze Programm!“
So brachte sie, außer sich, alle ihre Anklagen vor, und jetzt verachtete sie bereits alle Folgen, die sich daraus ergeben mußten, obgleich sie dieselben schon einen ganzen Monat vorausgesehen hatte. Denn schon lange hatte sie, bebend vor Rachegefühlen, darüber nachgedacht, ob sie diesen Brief nicht vor Gericht laut vorlesen sollte? Nun stürzte sie sich ohne Bedenken „kopfüber hinab“. Der Brief wurde dann laut vorgelesen, vom Sekretär, glaube ich, und machte einen erschütternden Eindruck. Man wandte sich an Mitjä mit der Frage, ob er diesen Brief anerkenne.