Vielleicht aber war der Anfall echt? Der Kranke wachte plötzlich auf, hörte einen Schrei, ging hinaus – nun, und was weiter? Er sah sich um und sagte sich: Ach was, ich werde mal hingehen und den Herrn erschlagen! Woher aber konnte er wissen, was inzwischen geschehen war, er hatte doch bis dahin bewußtlos im Bett gelegen? Ich glaube, meine Herren, daß es auch für Phantasien eine Grenze gibt.

‚Ja, aber,‘ werden scharfsinnige Leute sagen, ‚wenn nun beide im Einverständnis waren, wenn beide den Mord gemeinsam begangen und das Geld geteilt haben, nun, was dann?‘

Ja, das ist allerdings eine wichtige Frage, und – die Hauptsache! – wir haben sofort schwerwiegende Verdachtsgründe, die darauf hinzuweisen scheinen. Der eine erschlägt und nimmt alle Mühen auf sich, der andere aber, der Helfershelfer, liegt auf der Seite und spielt einen epileptischen Anfall vor – um vorher in allen Argwohn zu erwecken, Argwohn im Herrn und Argwohn in Grigorij. Es wäre ungemein interessant zu erfahren, aus welchen Gründen beide Spießgesellen sich einen so verrückten Plan ausgedacht hätten. Doch vielleicht war es durchaus keine aktive Mitwirkung von seiten Ssmerdjäkoffs, sondern sozusagen nur eine passive, duldende: vielleicht hatte der eingeschüchterte Ssmerdjäkoff nur eingewilligt, nichts zu tun, um den Mord zu verhindern. Und so hat er denn, in der Voraussicht, daß man ihn schon allein deswegen bestrafen würde, daß er nicht angegeben, nicht geschrien, sich dem Morde nicht widersetzt hat, von Dmitrij Karamasoff im voraus die Erlaubnis ausgebeten, während dieser ganzen Zeit anscheinend in einem epileptischen Anfall liegen zu dürfen –: ‚Du morde dann soviel du willst, ich bleibe aus dem Spiel.‘ In diesem Falle hätte aber Dmitrij Karamasoff sich doch sagen müssen, daß ein solcher Anfall Ssmerdjäkoffs im Hause eine gewisse Unruhe, Unsicherheit und folglich größere Vorsicht veranlassen werde, und so wäre er denn selbstverständlich auf eine derartige Abmachung nicht eingegangen. Doch nehmen wir selbst an, daß er darauf eingegangen ist. Dann aber käme es doch wieder darauf hinaus, daß Dmitrij Karamasoff der Mörder, der direkte Mörder und Anstifter ist, Ssmerdjäkoff dagegen nur ein passiver Teilnehmer und selbst nicht einmal das, sondern nur ein Hehler, der den Mord aus Angst und wider Willen zugelassen hat. Diesen Unterschied hätte doch das Gericht ohne weiteres eingesehen. Was aber sehen wir? Kaum ist der Angeklagte verhaftet, so wälzt er schon die ganze Schuld auf Ssmerdjäkoff, auf ihn allein. Nicht der Teilhaberschaft mit sich beschuldigt er ihn, sondern ihn allein beschuldigt er: ‚Er hat es allein getan, er hat gemordet und geraubt, seiner Hände Tat ist es!‘ Was sind das nun für Spießgesellen, von denen der eine sofort den anderen hineinlegen will? So etwas ist doch noch nie dagewesen! Und dabei nicht zu vergessen, was für ein Risiko das für Karamasoff gewesen wäre: er ist der Hauptmörder, jener aber nicht, jener ist nur der Hehler, der während der Tat hinter dem Bretterverschlage krank im Bett gelegen hat. Und nun will der Mörder alles auf den Hehler abwälzen! Da müßte er sich doch sagen, daß der andere sich ärgern und schon allein um der Selbsterhaltung willen gar bald die ganze Wahrheit aufdecken könnte. ‚Wir haben es zusammen getan, nur habe nicht ich erschlagen, sondern er, ich habe nur aus Angst den Mord zugelassen.‘ Ssmerdjäkoff hätte sich dann doch sagen müssen, daß das Gericht den Unterschied zwischen dieser und jener Schuld sehr wohl einsehen und folglich auch einen Unterschied in der Strafe machen werde; daß man ihn zwar gleichfalls verurteilen werde, aber immerhin zu einer unvergleichlich geringeren Strafe als den Hauptmörder, der alles auf ihn allein abwälzen will. In diesem Falle hätte also Ssmerdjäkoff unwillkürlich seine geringere Schuld eingestanden und folglich auch den Haupttäter angegeben. Das aber ist nicht geschehen. Ssmerdjäkoff hat nicht die leiseste Andeutung gemacht, die auf eine derartige Abmachung schließen ließe, ungeachtet dessen, daß der Mörder immer wieder hartnäckig ihn allein beschuldigt und auf ihn als den einzigen Mörder hingewiesen hat. Ja, Ssmerdjäkoff hat beim Verhör selbst angegeben, daß er, Ssmerdjäkoff, er selbst dem Angeklagten von dem Gelde und den Zeichen Mitteilung gemacht hat, und jener ohne ihn nichts von alledem erfahren hätte. Wäre er nun wirklich sein Helfershelfer und schuldig gewesen, hätte er dann gleichfalls so offen gesagt, daß er so etwas dem Angeklagten mitgeteilt hat? Im Gegenteil, er hätte vieles zu verschweigen und die Tatsachen zu entstellen gesucht. Er aber hat nichts entstellt, nichts verheimlicht. So kann nur ein Unschuldiger handeln, der nicht zu fürchten braucht, daß man ihn der Teilhaberschaft beschuldigen könnte. Nun hat er sich gestern, wohl in einem Augenblick krankhafter Melancholie, wahrscheinlich infolge seiner starken Anfälle und dieser ganzen Katastrophe – nun hat er sich gestern Nacht erhängt. Das einzige, was er hinterlassen hat, ist ein Zettel mit den kurzen Worten in seinem eigenartigen Stil: ‚Ich vertilge mich aus eigenem Wunsch und Willen, um alsomit niemanden zu beschuldigen.‘ Nun, was hätte es ihm in dem Augenblick ausgemacht, noch hinzuzufügen: der Mörder bin ich und nicht Karamasoff? Er aber hat das nicht hinzugefügt. Ist nun glaubwürdig, daß sein Gewissen, das zu dem einen ausgereicht hat, zu dem anderen nicht ausreichte?

Und weiter: plötzlich wird hierher in diesen Saal Geld gebracht, eine Summe von genau dreitausend Rubel. ‚Das sind dieselben Dreitausend, die in jenem Kuvert, das dort auf dem Tische bei den Sachbeweisen liegt, von Fedor Pawlowitsch geraubt worden sind, ich habe sie gestern von Ssmerdjäkoff erhalten.‘ Sie, meine Herren Geschworenen, Sie erinnern sich wohl noch des betrübenden Bildes von vorhin. Ich werde die Einzelheiten hier nicht wieder auffrischen, ich erlaube mir nur ein paar Einwendungen gegen seine Behauptung zu machen, nur ein paar unbedeutende – denn diese würden, eben weil sie unbedeutend sind, nicht einem jeden einfallen, und außerdem vergessen sie sich leicht. Nehmen wir zunächst einmal an: Ssmerdjäkoff hat gestern, von Gewissensbissen gequält, das Geld herausgegeben und sich darauf erhängt. (Denn ohne Gewissensbisse hätte er das Geld nicht herausgegeben.) Selbstverständlich hat er erst gestern Abend Iwan Karamasoff zum erstenmal seine Schuld eingestanden, wie dieser ja auch vorhin selbst erklärte. Warum hätte er anderenfalls bis jetzt darüber geschwiegen? Also Ssmerdjäkoff hat eingestanden – warum aber hat er denn auf dem hinterlassenen Zettel uns nicht die ganze Wahrheit enthüllt, da er doch wußte, daß am nächsten Tage der unschuldig Angeklagte vielleicht verurteilt werden würde? Dieses Geld allein ist doch noch kein Beweis. Mir und noch zwei anderen Personen hier in diesem Saal ist zum Beispiel ganz zufällig vor einer Woche eine gewisse Tatsache bekannt geworden, nämlich, daß Iwan Fedorowitsch Karamasoff zwei fünfprozentige Bankbillette, jedes von fünftausend Rubel, zusammen folglich zehntausend Rubel, in die Gouvernementsstadt geschickt hat, um sie dort einwechseln zu lassen. Ich führe das nur an, um damit zu sagen, daß ein jeder sich Geld zu einem bestimmten Tage verschaffen kann, und daß man, wenn man genau dreitausend Rubel herbringt, damit noch nicht ausschlaggebend beweist, daß dieses Geld dasselbe Geld ist, das einmal in dem und dem Kasten oder Kuvert gelegen hat. Und dann, wie denn das – Iwan Karamasoff bleibt, nachdem er eine so wichtige Nachricht von dem wirklichen Mörder erhalten hat, ruhig zu Haus? Warum hat er es in dem Falle nicht unverzüglich mitgeteilt? Warum hat er alles bis auf den nächsten Tag hinausgeschoben? Ich glaube mich berechtigt, meine Vermutung über diese Frage auszusprechen: schon vor einer Woche hat er ihm Nahestehenden und auch dem Doktor gestanden, daß er Visionen sehe, daß er Gestorbenen zu begegnen glaube – kurz, am Vorabend des Ausbruchs der Krankheit, wahrscheinlich des Wahnsinns, erfährt er plötzlich den Tod Ssmerdjäkoffs, und er denkt sich sofort folgendes: ‚Der Mann ist jetzt tot, da kann man die Schuld auf ihn schieben, und auf diese Weise werde ich den Bruder retten. Geld aber habe ich selbst genug: ich werde davon Dreitausend nehmen und sagen, daß Ssmerdjäkoff sie mir vor dem Tode übergeben habe.‘ Sie werden sagen, es sei unehrenhaft, auch nur gegen einen Toten falsch auszusagen, es sei unehrenhaft, zu lügen, und wenn es auch zur Rettung des Bruders geschehe und sei folglich von Iwan Fedorowitsch nicht anzunehmen. Schön. Wie aber, wenn er unbewußt gelogen hat, wenn er selbst glaubt, daß es so gewesen ist, gerade nachdem er durch die Nachricht von dem Tode jenes Dieners in seinem Verstande endgültig gestört worden war? Sie haben ja die Szene vorhin gesehen, Sie haben gesehen, in welchem Zustande dieser Mensch sich befand. Wohl stand er aufrecht da und sprach, wo aber war sein Verstand? Und gleich nach dieser Aussage des irre Redenden folgte die Vorweisung des Dokuments, des Briefes, den der Angeklagte an Fräulein Werchoffzeff zwei Tage vor dem Morde geschrieben hat, mit einem so ausführlichen Programm des Verbrechens. Wozu suchen wir nun noch nach einem anderen Programm und anderen Verfassern? Die Tat ist ja Wort für Wort nach diesem Programm geschehen, und zwar hat sie kein anderer ausgeführt als einzig und allein der Verfasser desselben. Ja, meine Herren Geschworenen, ‚es ist geschehen, wie es dort geschrieben steht!‘ Nein, er ist nicht ehrerbietig und ängstlich von dem Fenster fortgelaufen, und dazu noch in der festen Überzeugung, daß die Geliebte dort bei ihm ist! Nein, das widerspricht jeder Wahrscheinlichkeit, das ist absurd. Er ist eingedrungen und hat der Sache ein Ende gemacht. Wahrscheinlich hat er in der Gereiztheit erschlagen, in auflodernder Wut, sobald er den Gegenstand seines Hasses, seinen Nebenbuhler erblickte. Und nachdem er ihn erschlagen hatte, was vielleicht mit einem einzigen Hieb seiner Hand, seiner mit der Mörserkeule bewaffneten Hand geschehen sein kann, und nachdem er sich dann nach einer genauen Untersuchung überzeugt hatte, daß sie nicht im Hause war, hat er natürlich nicht vergessen, die Hand unter das Kissen zu schieben und das Geld hervorzuziehen, dessen Umschlag jetzt hier unter den Sachbeweisstücken auf dem Tisch liegt. Ich sage das nur, um Sie auf einen, meiner Ansicht nach äußerst charakteristischen Umstand aufmerksam zu machen. Wäre der Täter ein geübter Mörder gewesen oder einer, der nur um des Geldes willen erschlagen hätte, – würde der dann das Kuvert so auf dem Fußboden liegen gelassen haben, so unbesonnen, so auffallend ein paar Schritt von der Leiche, wo es später gefunden wurde? Wenn nun Ssmerdjäkoff der Mörder um des Geldes willen gewesen wäre, – so hätte er doch das ganze Paket mitgenommen und fortgebracht und sich nicht zuerst noch die Mühe gegeben, das Paket neben der Leiche seines Opfers zu entsiegeln, da er ja genau wußte, daß gerade in diesem Kuvert das Geld war – hatte doch Fedor Pawlowitsch in seiner Gegenwart das Geld hineingeschoben und das Kuvert versiegelt. Hätte er aber das Paket mit dem Kuvert fortgebracht, so würde doch jetzt niemand sagen können, ob ein Raub stattgefunden habe oder nicht? Ich frage Sie, meine Herren Geschworenen, hätte Ssmerdjäkoff das Kuvert auf dem Fußboden liegen gelassen? Nein, so konnte nur ein Mörder handeln, der übermäßig aufgeregt war und daher nicht mehr überlegte, ein Mörder, der kein Dieb war, der bis dahin noch niemals gestohlen hatte, und der auch dieses Geld nicht wie ein Dieb ‚stiehlt‘, sondern wie einer, der sein Eigentum, das von ihm gestohlen worden ist, dem Diebe wieder abnimmt, – denn das war die Auffassung, die Dmitrij Karamasoff von diesen Dreitausend hatte, und die bei ihm zur ‚fixen Idee‘ geworden war. Und nun, nachdem er das Paket gefunden hat, das er früher nie gesehen, reißt er sofort den Umschlag auf, um sich zu vergewissern, sich zu überzeugen, ob auch wirklich das Geld darin ist, und dann läuft er, mit dem Gelde in der Tasche, aus dem Hause, ohne auch nur daran zu denken, daß er das Kuvert dort liegen gelassen hat, das verhängnisvollste Beweisstück gegen sich. Und das nur deshalb, weil Karamasoff – und nicht Ssmerdjäkoff – nicht mehr nachdenken, nicht mehr überlegen konnte! Wie sollte er das auch? Er läuft fort, er hört den Schrei des ihm nachlaufenden Dieners, der Diener erfaßt ihn, hält ihn fest und – fällt nieder, getroffen von der messingnen Mörserkeule. Der Angeklagte springt vom Zaun ‚aus Mitleid‘ zu ihm herab. Stellen Sie sich das vor, meine Herren, er versichert uns plötzlich, daß er damals aus Mitleid herabgesprungen sei, um nachzusehen, ob er ihm nicht helfen könne. Nun frage ich Sie, war der Augenblick etwa danach beschaffen, daß ein solches Mitleid wahrscheinlich ist? Nein, er sprang nur zu dem einen Zweck herab: um sich zu überzeugen, ob der einzige Zeuge seines Verbrechens tot ist oder noch lebt. Jedes andere Gefühl, jeder andere Beweggrund wäre unnatürlich! Und beachten Sie es wohl: er müht sich ernstlich um Grigorij, er wischt ihm das Blut ab, und nachdem er sich von dessen Leblosigkeit überzeugt zu haben glaubt, läuft er, ganz mit Blut besudelt, wie sinnlos wieder in das Haus des geliebten Weibes. Wie, hat er denn nicht daran gedacht, daß er blutig war und man ihn sofort verhaften könnte? Aber der Angeklagte versichert uns selbst, daß er das Blut überhaupt nicht bemerkt oder wenigstens nicht weiter beachtet habe. Und das ist sehr glaubwürdig, das ist sogar sehr möglich, denn so pflegt es ja meistens in solchen Augenblicken mit Verbrechern zu sein. In dem einen – höllische Berechnung, im anderen – überhaupt keine Überlegungskraft. Er aber dachte in jenem Augenblick nur an eines: wo war sie? Das mußte er so schnell wie möglich erfahren, und so läuft er denn wieder in ihre Wohnung und erfährt dort die unerwartetste, niederschmetternde Nachricht: sie ist nach Mokroje zu ihrem ‚Früheren, Alleinberechtigten‘ gefahren!“

IX.
Der Schluß der Rede des Staatsanwalts. Der Gipfel der Psychologie. Die jagende Troika

Hippolyt Kirillowitsch hatte augenscheinlich eine bestimmte aufbauende Methode der Auslegung gewählt, wie das ja schließlich alle nervösen Redner zu tun pflegen, die absichtlich einen streng abgezirkelten Rahmen suchen, um sich nicht zu früh hinreißen zu lassen. Hippolyt Kirillowitsch kam also nun auf den „Früheren und Alleinberechtigten“ zu sprechen, was er sehr ausführlich tat, und bei welcher Gelegenheit er noch einige in ihrer Art recht interessante Gedanken aussprach. „Dmitrij Karamasoff,“ fuhr der Staatsanwalt fort, „der auf jeden bis zur Raserei eifersüchtig gewesen war, ergibt sich vor dem ‚Früheren und Alleinberechtigten‘ widerspruchslos und fast in einem Augenblick seinem Schicksal. Das ist um so sonderbarer, als er früher dieser neuen Gefahr, die ihm in der Gestalt des unerwarteten Rivalen drohte, fast überhaupt keine Beachtung geschenkt hat. Er hatte immer geglaubt, daß es bis dahin noch weit sei, so weit ... Karamasoff aber lebt nur im Augenblick, in der Gegenwart. Wahrscheinlich hielt er ihn sogar für eine Fiktion. Nachdem er aber mit seinem kranken Herzen in einem Nu begriffen hatte, daß die Geliebte vielleicht gerade deswegen diesen neuen Rivalen verheimlicht, deswegen auch ihn noch vor ein paar Stunden betrogen hat, weil dieser neuaufgetauchte Gegner nichts weniger als Phantasie und Fiktion, sondern für sie alles war, alles, ihre ganze Lebenshoffnung – nachdem er das im Augenblick begriffen hatte, ergab er sich. Meine Herren Geschworenen, dieses in der Seele des Angeklagten plötzlich hervortretende Gefühl kann ich nicht mit Stillschweigen übergehen ... Man sollte meinen, daß er unter keinen Umständen dazu fähig gewesen wäre: doch da machte es sich plötzlich geltend in dem unabweisbaren Bedürfnis nach Wahrheit, in der Achtung vor der Frau, in der Anerkennung der Rechte ihres Herzens. Und das wann? – Im Augenblick, da er um ihretwillen seine Hände mit dem Blute seines Vaters befleckt hatte! Wahr ist ja auch wieder, daß das vergossene Blut in diesem Augenblick schon nach Rache schrie, denn er, der seine Seele und sein ganzes Erdenleben in jenem Augenblick bereits ins Unglück gestürzt hatte, er mußte sich doch in jenem Augenblick unwillkürlich fragen, was er jetzt war, was er jetzt noch für sie bedeuten konnte – für sie, die er mehr als seine Seele liebt –, im Vergleich zu jenem Früheren, der reuevoll zu diesem Weibe, das von ihm einmal zugrunde gerichtet worden war, mit neuer Liebe, ehrenhaften Anträgen und dem Gelöbnis, ein neues und nun glückliches Leben zu beginnen, zurückgekehrt war. Er aber, der Unglückliche, was konnte er ihr jetzt geben, was ihr noch anbieten? Karamasoff begriff alles in einem Augenblick, er begriff, daß sein Verbrechen ihm alle Wege versperrt hatte, und daß er jetzt ein so gut wie zum Tode verurteilter Verbrecher war, nicht aber ein Mensch, der noch ein Leben vor sich hat! Dieser Gedanke hat ihn sofort niedergedrückt und vernichtet. Und so bleibt er denn sofort auf einem verzweifelten Plane stehen, der ihm bei seinem Karamasoffschen Charakter nicht anders denn als einziger und fataler Ausweg aus seiner schrecklichen Lage erscheinen kann. Dieser Ausweg ist: der Selbstmord. Er läuft nach seinen Pistolen, die er beim Beamten Perchotin versetzt hat, und zu gleicher Zeit reißt er unterwegs, beim Laufen, sein ganzes Geld, um dessentwillen er seine Hände in Blut getaucht hat, aus der Tasche heraus. Oh, Geld braucht er jetzt mehr als alles andere: Karamasoff stirbt, Karamasoff erschießt sich, und das soll man behalten! Nicht umsonst sind wir eine poetische Natur, nicht umsonst haben wir unser Leben verlebt, als wäre es ein Licht, das man von beiden Enden zugleich brennen lassen kann. ‚Zu ihr, zu ihr – und dort, oh! dort werde ich ein Fest geben, ein Fest über die ganze Erde hin, wie es noch keines gegeben hat, damit man es behalte und sich noch lange davon erzähle. Mitten im wilden Geschrei, bei irrsinnigen Zigeunerliedern und -tänzen will ich auf ihr Wohl den Becher erheben, will ich das Wohl des vergötterten Weibes ausbringen, einen Glückwunsch zu ihrem neuen Glück, und dann – dann falle ich vor ihr nieder und zerschmettere mir vor ihren Füßen den Schädel und richte mich hin für mein Leben! Dann wird sie zuweilen an Mitjä Karamasoff denken, dann wird sie sehen, wie Mitjä sie geliebt hat, oh! und leid wird es ihr um Mitjä tun!‘ Darin liegt viel Dramatik, viel romantische Begeisterung, viel wilde Karamasoffsche Zügellosigkeit und viel Karamasoffscher Gefühlstaumel – und dann noch etwas anderes, meine Herren Geschworenen, noch etwas, das in der Seele schreit, das unermüdlich im Gehirne klopft und sein Herz tödlich vergiftet. Dieses etwas – das ist das Gewissen, meine Herren Geschworenen, das ist das Gericht des Gewissens, das ist des Gewissens unablässiges Nagen! Doch die Pistole wird alles aussöhnen, die Pistole ist der einzige Ausweg, einen anderen gibt es nicht! Dort aber ... Ich weiß nicht, ob Karamasoff in jenem Augenblick auch daran gedacht hat, ‚was dort sein wird‘, und ob Karamasoff überhaupt wie Hamlet darüber nachdenken kann? Nein, meine Herren Geschworenen, dort gibt es Hamlets, bei uns aber vorläufig noch Karamasoffs!“

Hierauf rollte Hippolyt Kirillowitsch bis in alle Einzelheiten das Bild der von Mitjä getroffenen Anstalten auf, die Szene bei Perchotin, dann bei Plotnikoffs in der Kolonialwarenhandlung und später mit Andrei. Hippolyt Kirillowitsch führte eine Menge Worte, Aussprüche, Gesten an, die alle von Zeugen bestätigt worden waren – und das Bild wirkte unglaublich auf die Überzeugung der Hörer. Am meisten wirkte die Geschlossenheit der Tatsachen. Die Schuld dieses fast besinnungslos hastenden, sich überhaupt nicht mehr in acht nehmenden Menschen trat so deutlich hervor, daß jeder Zweifel vollkommen ausgeschlossen schien. „Wozu sollte er sich auch noch in acht nehmen,“ fragte Hippolyt Kirillowitsch, „zwei- oder dreimal hat er ja seine Schuld beinahe schon ganz eingestanden, hat sie jedenfalls angedeutet, nur ohne dabei die Sätze zu Ende zu sprechen.“ (Hier folgten die Aussagen der Zeugen.) „Und dem Andrei, der ihn nach Mokroje fuhr, hat er unterwegs sogar zugerufen: ‚Weißt du auch, daß du einen Mörder fährst!‘ Ganz aussprechen konnte er sich aber doch nicht: zuerst mußte man noch nach Mokroje kommen, und dort erst konnte das Poem beendet werden. Was aber erwartet dort den Unglücklichen? Fast von dem ersten Augenblicke an sieht er und begreift er schließlich vollkommen, daß sein ‚unbestrittener‘ Nebenbuhler durchaus nicht mehr so fest im Sattel sitzt, und daß man von ihm einen Glückwunsch zu dem neuen Glück überhaupt nicht wünscht. Aber Sie kennen ja die Tatsachen aus der gerichtlichen Untersuchung. Der Triumph Karamasoffs über seinen Rivalen wird immer augenscheinlicher, wird unzweifelhaft, und da – oh, da erhebt sich in seiner Seele eine ganz neue Qual, und zwar die allerschrecklichste von allen, die seine Seele je durchlebt hat und jemals durchleben wird! Man kann in diesem Falle wahrlich sagen, meine Herren Geschworenen,“ rief Hippolyt Kirillowitsch aus, „daß die beschimpfte Natur und das verbrecherische Herz – vollständigere Rache geübt haben, als jedes andere irdische Gericht sie üben könnte! Und nicht nur das: das Gericht und die irdische Strafe erleichtern sogar die Strafe der Natur, sie sind für die Seele des Verbrechers eine Linderung, sie sind ihr unentbehrlich: sie sind die einzige Rettung vor der Verzweiflung. Ich kann mir das Entsetzen und die seelischen Leiden Karamasoffs nicht einmal vorstellen, die er durchlebt hat, als er sehen und begreifen mußte, daß sie ihn liebt, daß sie seinetwegen ihren ‚Früheren und Alleinberechtigten‘ zurückweist, daß sie ihn, ihn, ‚Mitjä‘, zu sich ruft, und mit ihm ein erneutes Leben beginnen will, daß sie ihm das ganze Erdenglück zeigt – und zwar wann? In einem Augenblick, da für ihn schon alles beendet und nichts mehr möglich ist! Bei der Gelegenheit will ich hier eine für uns sehr wichtige Bemerkung zur Erklärung des wahren Wesens der damaligen Lage des Angeklagten machen. Dieses Weib, diese Geliebte war bis zu diesem letzten Augenblick, bis zu diesem Augenblick der Verhaftung ein für ihn unerreichbares Glück gewesen, ein leidenschaftlich gewünschtes und ersehntes, doch unerreichbares Wesen. Aber warum, warum erschießt er sich nicht sofort, warum schiebt er die Ausführung seiner Absicht hinaus, warum vergißt er sogar, wo seine Pistole liegt? Weil ihn sein leidenschaftlicher Liebesdurst und die Hoffnung, ihn schon dort, dort schon stillen zu können, noch zurückhalten. Im Lärm des Festes sieht er nur seine Geliebte, die gleichfalls mit ihm trinkt, die ihm schöner und verführerischer denn je erscheint, – er geht keinen Schritt von ihr fort, er kann sich nicht sattsehen an ihr, er vergeht vor ihr. Dieser leidenschaftliche Durst konnte für eine Weile nicht nur die Angst vor der Verhaftung, sondern selbst die Gewissensbisse verscheuchen! Nur für eine Weile, oh, nur für einen Augenblick! Ich stelle mir den damaligen Seelenzustand des Verbrechers in der zweifellos sklavischen Unterordnung unter drei Elemente vor. Erstens: sein trunkener Zustand, das Toben und der Lärm, das Gestampfe des Tanzes, der Gesang der Lieder, und sie, sie, die vom Weine gerötet ist, die gleichfalls singt und tanzt, die trunken ist und ihm zulächelt! Zweitens: der entfernte ermutigende Gedanke daran, daß die Schicksalsentscheidung noch weit, weit vor ihm liegt, oder wenigstens nicht gerade ganz nahe ist – höchstens am anderen Tage, erst am nächsten Morgen könnte man kommen und ihn festnehmen. Folglich bleiben einem immer noch ein paar Stunden bis dahin, das aber ist viel, unglaublich viel! In ein paar Stunden kann man sich vieles ausdenken. Ich nehme an, daß es ihm ebenso erging, wie es einem Verbrecher ergeht, der zum Schafott oder zum Galgen geführt wird: noch hat er eine lange, lange Straße zu durchfahren, und das noch dazu im Schritt, an den Tausenden des gaffenden Volkes vorüber, darauf wird man in eine andere Straße einbiegen, und erst am Ende dieser anderen Straße liegt der furchtbare Platz! Ich glaube, dem auf dem Schinderkarren sitzenden Verurteilten muß zu Anfang seiner Fahrt zum Richtplatz unbedingt scheinen, daß noch ein unendlich langes Leben vor ihm liegt. Aber siehe da, die Häuser gehen zurück, der Karren zieht an ihnen vorüber – aber das hat noch nichts zu sagen, oh, bis zur Wegbiegung ist es ja noch so weit, er blickt immer noch ganz munter nach rechts und nach links und auf das teilnahmslos neugierige Volk, das mit den Blicken starr an ihm hängt, und es scheint ihm immer noch, daß er ebenso ein Mensch ist wie diese anderen. Da aber kommt schon die Biegung in die andere Straße, oh! das hat noch nichts, nichts zu sagen, es liegt noch eine ganze Straße vor einem. Und wieviel Häuser auch schon zurückbleiben mögen, er wird immer noch denken: ‚Es sind ja immer noch viele Häuser vor mir.‘ Und so geht es weiter bis zum Schluß, bis zum Platz. So ist es auch mit Karamasoff gewesen, denke ich. ‚Noch hat man dort zu nichts Zeit gehabt, und Mokroje ist immerhin nicht so nah, noch wird man sich etwas ausdenken können, oh, noch habe ich Zeit genug, um mir einen Verteidigungsplan auszudenken, um zu überlegen, wie ich mich da herausziehen soll, jetzt aber, jetzt – oh, wie wunderschön sie jetzt ist!‘ Dunkel und unheimlich ist es in seiner Seele, aber es gelingt ihm doch noch, die Hälfte von seinem Gelde irgendwo zu verstecken – anders kann ich mir nicht erklären, wo die übrigen Tausendfünfhundert von den Dreitausend, die er vom Vater unter dem Kissen genommen hat, geblieben sind. Er ist ja nicht zum erstenmal in Mokroje, er hat dort einmal schon zwei Tage lang gepraßt. Das alte große hölzerne Haus ist ihm gut bekannt, er kennt alle Galerien, alle Scheunen und Schuppen. Ich bin nämlich überzeugt, daß die eine Hälfte des Geldes damals irgendwo untergebracht worden ist, und zwar gerade in diesem Hause, kurz vor der Verhaftung, und wahrscheinlich in einer Spalte, in einer Ritze, unter irgendeinem verfaulten Balken, in einer Ecke vielleicht oder gar unter dem Dach. Wozu, fragen Sie? Wie, wozu? Die Katastrophe kann jeden Augenblick hereinbrechen, sofort! Wir haben es uns zwar noch nicht überlegt, wie wir ihr entgegentreten sollen, und wir haben ja auch noch keine Zeit dazu, und es klopft in unserem Hirn, und zu ihr, zu ihr zieht es uns! Nun, das Geld aber – Geld kann man in jeder Lage brauchen. Ein Mensch mit Geld ist überall ein Mensch. Vielleicht scheint Ihnen eine solche Überlegungskraft in einem solchen Augenblick unnatürlich? Aber er selbst beteuert doch, daß er vor einem Monat in einem ebenso aufregenden und schicksalsschweren Augenblick von Dreitausend die Hälfte abgezählt und in ein Stück Zeug eingenäht habe, und wenn das auch nicht wahr ist, was wir sogleich beweisen werden, so ist diese Idee doch Karamasoff bekannt, und folglich hat er sie irgend einmal schon erwogen. Und als er später dem Untersuchungsrichter versicherte, daß er vor einem Monat anderthalb Tausend in das Säckchen (das niemals existiert hat), eingenäht habe, da hatte er sich diese Geschichte vom Säckchen vielleicht erst im selben Augenblick ausgedacht, und vielleicht gerade darum, weil ihm zwei Stunden vorher bei der Abteilung der Hälfte des Geldes derselbe Gedanke gekommen war, er aber infolge einer glücklichen Eingebung dann doch vorgezogen hatte, das Geld dort irgendwo im Hause zu verstecken, wenigstens bis zum Morgen, als es bei sich zu behalten. Zwei Abgründe, meine Herren Geschworenen! Sie erinnern sich doch noch, daß Karamasoff beide Abgründe zu erfassen vermag, und beide zu gleicher Zeit! Wir haben in jenem Hause überall nach dem Gelde gesucht, aber wir haben nichts gefunden. Vielleicht ist das Geld auch jetzt noch dort, vielleicht ist es schon am Tage nach der Verhaftung verschwunden und befindet sich noch jetzt irgendwie im Besitze des Angeklagten. Jedenfalls ist er neben ihr verhaftet worden, vor ihr kniend: sie lag auf dem Bett, er hatte zu ihr seine Hände emporgestreckt und hatte in jenem Augenblick dermaßen alles andere vergessen, daß er nicht einmal die Ankunft der Obrigkeit und ihren Eintritt ins Zimmer hörte. Er hatte noch nichts zur Antwort vorbereitet. Er wurde sozusagen in seinem eigenen Bewußtsein völlig überrascht.

„Und da steht er nun vor seinen Richtern, die über sein Leben zu entscheiden haben. Meine Herren Geschworenen, es gibt Augenblicke, in denen uns bei unserer Pflicht fast Grauen packt vor Mitleid mit dem Menschen. Furchtbar ist es uns vor dem Menschen und furchtbar für ihn! Das sind die Augenblicke, in denen einen jenes tierische Entsetzen ansieht – wenn der Verbrecher schon begreift, daß alles für ihn verloren ist, doch trotzdem noch kämpft, trotzdem noch mit seinem Richter bis zur letzten Verzweiflung ringen will. Das sind die Augenblicke, in denen sich alle Instinkte der Selbsterhaltung plötzlich in ihm erheben, und er in seiner Lebensangst uns mit durchbohrendem, flehend-bittendem und leidendem Blick ansieht, wenn er unseren Blick zu erhaschen versucht, wenn er uns, unser Gesicht, unsere Gedanken erforschen, erraten will, wenn er wartet, von welcher Seite wir ihn wohl anfassen werden, und er in seinem erschütterten Gehirn tausend Pläne gebiert, – und doch scheut er sich, zu sprechen, aus Furcht, sich zu ... versprechen! Diese erniedrigendsten Augenblicke für die Seele des Menschen, dieser Gang der Seele durch alle Höllenqualen, dieser Gang durch die Purgatorien, dieser tierische Trieb der Selbstrettung – sind furchtbar anzusehen! Sie erschüttern zuweilen selbst den Richter und rufen in ihm tiefes Mitleid hervor. Dieses ganze Entsetzen haben wir damals gesehen. Ganz zuerst war er wie betäubt, und im Schreck entschlüpften ihm ein paar Worte, die ihn stark kompromittieren: ‚Blut! Ich hab’s verdient!‘ waren seine ersten Worte. Doch er bezwang sich schnell. Was er sagen, was er antworten sollte – alles das wußte er noch nicht, er hatte noch nichts vorbereitet – außer der einen ganz allgemeinen Ableugnung: ‚Am Tode meines Vaters bin ich unschuldig!‘ Das ist vorläufig sein Zaun, dort aber, hinter dem Zaun, werden wir vielleicht noch etwas arrangieren können: irgendeine Barrikade vielleicht! Er beeilt sich, indem er unseren Fragen zuvorkommen will, seinen ersten kompromittierenden Ausrufen einen anderen Sinn unterzuschieben. Er sagt, daß er sich nur an dem Tode Grigorijs schuldig erkläre. ‚An diesem Blute trage ich die Schuld, wer aber hat den Vater erschlagen, meine Herren, wer hat ihn erschlagen? Wer hat das denn tun können, wenn nicht ich?‘ Hören Sie, danach fragt er uns, uns, die mit eben dieser Frage zu ihm gekommen sind! Beachten Sie es, meine Herren, dieses kleine vorauseilende Wort: ‚wenn nicht ich‘, diese tierische Schlauheit in der Naivität, diese Karamasoffsche Ungeduld! Nicht ich habe erschlagen, so etwas darf niemand auch nur zu denken wagen. ‚Ich wollte ihn erschlagen, meine Herren, ich wollte ihn erschlagen‘, gesteht er schnell ein – oh, er beeilt sich, beeilt sich ungeheuer – ‚aber trotzdem bin ich unschuldig, nicht ich habe ihn erschlagen!‘ Er gibt uns also zu, daß er habe erschlagen wollen: Jetzt seht ihr sozusagen selbst, wie aufrichtig ich bin, nun, dafür aber glaubt mir jetzt schneller das andere, daß nicht ich erschlagen habe. Oh, in solchen Fällen kann der Verbrecher zuweilen unglaublich leichtsinnig und leichtgläubig sein. Und nun plötzlich wird an ihn, ganz wie zufällig, treuherzig die Frage gestellt: ‚Aber sollte dann nicht vielleicht Ssmerdjäkoff der Mörder sein?‘ Und es geschah, was wir erwartet hatten: Es ärgerte ihn maßlos, daß man ihm zuvorkam und so plötzlich damit überraschte, während er noch nicht Zeit gehabt hatte, sich vorzubereiten, den Augenblick zu wählen und zu benutzen, wann es am glaubwürdigsten und für ihn folglich am vorteilhaftesten sein werde, mit Ssmerdjäkoff herauszurücken. Seiner Natur gemäß warf er sich sofort aufs äußerste Gegenteil, und er fing an, uns aus allen Kräften davon zu überzeugen, daß Ssmerdjäkoff nicht habe erschlagen können, daß er zu so etwas überhaupt nicht fähig sei. Glauben Sie aber seiner scheinbaren Überzeugung nicht, sie ist nur seine Schlauheit: Er gibt die Idee, Ssmerdjäkoff auszuspielen, noch längst nicht auf. Im Gegenteil, er wird ihn schon ausspielen – denn wen sollte er sonst beschuldigen? – Nur wird er es in einem anderen Augenblick tun, da jetzt die Sache vorläufig verspielt ist. Vielleicht wird er ihn erst am nächsten Tage anbringen, oder vielleicht auch erst nach einer Anzahl Tage, in einem günstigen Augenblick, in dem er uns dann selbst plötzlich zuschreien kann: ‚Sie wissen doch noch, ich selbst habe ja mehr als Sie die Täterschaft Ssmerdjäkoffs abgeleugnet und ihn verteidigt, jetzt aber habe auch ich mich überzeugt, daß er den Mord verübt hat, nur er allein, und wie sollte er es denn nicht getan haben!‘ Vorläufig aber ergeht er sich in finsterer und gereizter Verneinung, die Unduldsamkeit und der Zorn flüstern ihm die ungeschickteste und unwahrscheinlichste Schilderung ein, wie er in das Fenster des Vaters hineingeblickt habe und ehrerbietig wieder fortgegangen sei. Das Wichtigste ist, daß er die ganze Sachlage noch nicht kennt, daß er noch nicht weiß, was der wieder zu sich gekommene Grigorij ausgesagt hat. Wir gehen zur Besichtigung und Durchsuchung über. Die Durchsuchung erzürnt, aber ermutigt ihn auch wieder: Das ganze Geld hat man doch nicht gefunden, sondern nur tausendfünfhundert Rubel. Und selbstverständlich kommt ihm erst in diesem Augenblick zornigen Schweigens zum erstenmal im Leben die Idee von dem früher eingenähten Gelde. Zweifellos fühlt er selbst die ganze Unwahrscheinlichkeit seiner Erfindung und quält sich, quält sich entsetzlich, indem er nachdenkt, wie er sie wahrscheinlicher machen könnte, ob sich die Sache nicht so erklären ließe, daß ein ganz glaubhafter Roman daraus entstehe. In solchen Fällen ist aber die erste Bedingung, daß man den Verbrecher überrumpelt, daß man ihn ganz unverhofft fängt, damit er seine vielversprechenden geheimen Pläne in der ganzen, sie bloßstellenden Offenherzigkeit darlegt, damit ihre Widersprüche und Unwahrscheinlichkeiten noch auffallender hervortreten. Zum Sprechen kann man den Verbrecher nur durch eines zwingen: Durch die plötzliche und anscheinend unbeabsichtigte Mitteilung irgendeiner neuen Tatsache, irgendeines besonderen Umstandes, dessen Bedeutung erdrückend ist, den er aber bis dahin noch gar nicht geahnt und auch überhaupt nicht vorausgesetzt hat. Eine solche Tatsache hatten wir schon in Bereitschaft, schon lange in Bereitschaft: Das war die Aussage des Dieners Grigorij in betreff der offenen Tür, durch die der Angeklagte aus dem Hause hinausgelaufen ist. Diese Tür hatte er ganz vergessen, und daß Grigorij sie gesehen haben könnte, daran hatte er nicht einmal gedacht. Der Effekt war denn auch danach: Er sprang plötzlich auf und schrie: ‚Ssmerdjäkoff ist es, Ssmerdjäkoff hat es getan!‘ und sofort kommt er mit seinem geheimen Entwurf heraus, und er gibt ihn in der aller unwahrscheinlichsten Form zum besten, denn Ssmerdjäkoff hätte den Alten doch nur dann erschlagen können, nachdem der Angeklagte Grigorij niedergeschlagen hatte und fortgelaufen war. Als wir ihm aber nun mitteilten, daß Grigorij die offene Tür zuvor gesehen, und beim Hinaustreten aus seinem Schlafzimmer Ssmerdjäkoff hinter dem Bretterverschlage stöhnen gehört habe – da war Karamasoff wie zerschmettert. Mein Kollege, unser ehrenwerter, scharfsinniger Nikolai Parfenowitsch, hat mir später eingestanden, daß er ihn in jenem Augenblick bis zu Tränen bemitleidet habe. Und in diesem Augenblick nun entschließt er sich, um die Sache wieder gutzumachen: erzählt uns von dem berühmten Säckchen, in das er das Geld eingenäht, und das er am Halse auf der Brust getragen haben will –: ‚So mag es denn sein, so hören Sie denn auch das!‘ Meine Herren Geschworenen, ich habe Ihnen schon gesagt, warum ich diese Erfindung von dem vor einem Monat eingenähten Gelde nicht nur für eine Anekdote, sondern für die allerunwahrscheinlichste Dichtung, die man sich im gegebenen Fall nur denken kann, halte. Ja, selbst wenn man einen Wettbewerb veranstalten wollte, in diesem Fall etwas noch Unwahrscheinlicheres sich auszudenken, so würde man gewiß nichts finden, was jene Erklärung in der Beziehung noch übertrumpfte. In einem solchen Falle kann man den triumphierenden Romantiker vor allem mittels der Details schlagen, mittels jener selben Einzelheiten, an denen die Wirklichkeit stets so reich ist, die aber von diesen unglücklichen und unfreiwilligen Dichtern, eben als völlig bedeutungslose und unnötige Kleinigkeiten, überhaupt nicht beachtet werden. Oh, in einem solchen Augenblick ist es ihnen nicht um die kleinen Einzelheiten zu tun! Ihr Verstand schafft ein grandioses Ganzes, – und da wagt man es, ihnen mit solchem Kleinzeug zu kommen! Aber gerade das ist ja die Falle, mit der man sie fängt. Man stellt dem Angeklagten kurz folgende Frage: ‚Nun, aber wo haben Sie denn das Material zum Säckchen hergenommen, wer hat denn den Sack genäht?‘ – ‚Ich habe ihn selbst genäht.‘ – ‚Und von wo haben Sie das Zeug dazu hergenommen?‘ Dadurch fühlt sich der Angeklagte bereits gekränkt, er glaubt, daß man sich mit diesem Zeuge über ihn lustig machen wolle, und zwar glaubt er das im Ernst, im Ernst, sage ich Ihnen! Aber so sind sie ja alle! – ‚Ich habe von einem meiner Hemden ein Stück abgerissen.‘ – ‚Vortrefflich. Dann werden wir morgen unter Ihrer Wäsche ein Hemd finden, von dem ein Stück abgerissen ist.‘ Und bedenken Sie doch nur, meine Herren Geschworenen, wenn wir nun dieses Hemd gefunden hätten (und wie hätte es sich denn inzwischen verlieren können, wir hätten es doch sicherlich in einem Koffer oder in der Kommode gefunden, wenn ein solches Hemd mit einer abgerissenen Ecke nur jemals auch tatsächlich existiert hätte) – das aber wäre ein Faktum, ein greifbares Faktum zugunsten des Angeklagten gewesen, ein, wenn auch schwacher Beweis für die Wahrheit seiner Aussage! Er aber scheint darauf überhaupt nicht zu verfallen. – ‚Ich erinnere mich nicht mehr, vielleicht riß ich das Zeug auch nicht vom Hemde ab ... ich glaube, ich nähte das Geld in die Haube der Hauswirtin ein.‘ – ‚In was für eine Haube?‘ – ‚Ich hatte sie einmal von ihr fortgeschleppt, sie trieb sich da irgendwo umher, ein alter Kattunlappen.‘ – ‚Und Sie erinnern sich dessen genau?‘ – ‚Nein, genau erinnere ich mich dessen nicht ...‘ Und dabei ärgert er sich über alle Maßen. Indessen, fragt man sich, wie kann er denn das so schnell vergessen haben? Gerade diese kleinen Nebensächlichkeiten prägen sich dem Menschen von allen Eindrücken, die er in gleich schrecklichen Lebensstunden empfängt, am schärfsten ein, und gerade ihrer erinnert er sich später am deutlichsten. Der Verbrecher, der zum Richtplatz geführt wird, der vergißt zuweilen alles, ein irgendwo flüchtig bemerktes grünes Dach aber, oder eine Dohle auf einem Kreuze – die behält er. Als der Angeklagte dieses Zeugsäckchen für das Geld zusammennähte, da wollte er doch nicht von den übrigen Hausbewohnern überrascht werden. Er verbarg sich vor ihnen. So müßte er sich auch noch erinnern, wie er, mit der Nadel in der Hand, voll Erniedrigung die Angst empfunden hat, es könne jemand zu ihm hereinkommen, und wie er beim ersten Geräusch aufgesprungen ist, um sich hinter dem Vorhang zu verstecken ... Doch wozu rede ich so ausführlich von diesen Nebensachen, dem sogenannten Kleinkram?“ unterbrach sich plötzlich Hippolyt Kirillowitsch. „Ich tue es ja nur darum, weil der Angeklagte nach wie vor aufs hartnäckigste auf dieser abgeschmackten Erfindung besteht, selbst heute noch! Während dieser ganzen zwei Monate hat der Angeklagte nichts mehr zu erklären vermocht, seit jener Schicksalsnacht hat er zu seinen früheren phantastischen Aussagen, die er in derselben Nacht gemacht hat, nichts mehr hinzugefügt. ‚Alles das sind, sozusagen, nur kleinliche Nebensachen, glauben Sie mir lieber auf mein Ehrenwort!‘ Oh, wie gern würden wir glauben, wie würden wir uns freuen, wenn wir daran glauben könnten, und wäre es auch nur auf das Ehrenwort hin! Sind wir denn etwa Schakale, die nach Menschenblut dürsten? Geben Sie uns, beweisen Sie uns nur eine Tatsache zugunsten des Angeklagten, und wir werden uns darüber freuen, – nur selbstverständlich eine greifbare, reale, nicht nur eine Folgerung nach dem Gesichtsausdruck des Angeklagten, die noch dazu dessen leiblicher Bruder macht, oder so eine Behauptung, daß er, als er sich mit der Hand auf die Brust schlug, damit unbedingt auf das Geldsäckchen habe weisen wollen, und das noch dazu in der Dunkelheit. Wir werden uns von Herzen darüber freuen, ich werde der erste sein, der die Anklage zurückzieht, ich werde mich beeilen, meine Anklage zurückzuziehen. Jetzt jedoch fordert die Gerechtigkeit, daß sie befriedigt werde, und ich bestehe darauf, daß es geschehe, denn wir können kein Wort von dem Gesagten zurücknehmen.“ Hippolyt Kirillowitsch ging darauf zum Schluß über. Er war wie im Fieber, er schrie nach Sühne für das vergossene Blut, für das Blut des Vaters, den der Sohn erschlagen hatte, um ihn „in der niedrigsten Weise zu berauben“. Er wies unerbittlich auf das tragische und verhängnisvolle Zusammentreffen der Tatsachen hin. „Und was Sie auch von dem Verteidiger des Angeklagten, dessen Talent weit bekannt ist, hören mögen“ (Hippolyt Kirillowitsch konnte sich diese Bemerkung doch nicht verbeißen), „ja, wie beredte und rührende Worte hier auch ertönen mögen, die es auf Ihre Sentimentalität abgesehen haben, so vergessen Sie doch nicht, daß Sie sich in diesem Augenblick im Heiligtum unserer Gerechtigkeit befinden. Vergessen Sie nicht, daß Sie die Verteidiger unserer Wahrheit sind, die Verteidiger unseres heiligen Rußland, die Verteidiger seiner Grundfesten, seiner Familie und alles Heiligen in ihm! Ja, in diesem Augenblick vertreten Sie ganz Rußland, und Ihr Urteil wird nicht nur hier in diesem Saale erschallen, nein, über ganz Rußland hin wird es erklingen, und ganz Rußland wird Ihre Worte vernehmen, wie die Worte seiner Verteidiger und Richter, und es wird durch Ihren Urteilsspruch entweder ermutigt oder niedergebeugt werden. Peinigen Sie unser Rußland nicht, meine Herren Geschworenen, enttäuschen Sie nicht seine Erwartungen! Die Troika unseres Schicksals jagt dahin – vielleicht kopfüber ins Verderben. Schon lange streckt man in ganz Rußland die Hände empor, der rasenden Troika entgegen, und man ruft alle auf, um die besessene, irrsinnige, schonungslose Jagd aufzuhalten. Und wenn die anderen Völker bisher noch vor dem blindlings daherjagenden Dreigespann zur Seite getreten sind, so haben sie das vielleicht durchaus nicht aus Ehrerbietung getan, wie es der große Dichter wünschte, sondern einfach aus Entsetzen – das sollte man sich merken. Aus Entsetzen, vielleicht aber auch aus Ekel vor ihr. Und es ist noch gut, daß sie sich abwenden, was aber dann, wenn sie aufhören, beiseite zu treten, sich vielmehr plötzlich wie eine feste Mauer vor der jagenden Erscheinung erheben, um selbst der wahnsinnigen, wilden Jagd unserer Zügellosigkeit Einhalt zu tun, um sich selbst, die ganze Aufklärung und die ganze Zivilisation zu retten! Ja, solche erregte Stimmen aus Europa haben auch wir schon vernommen. Schon beginnen sie zu ertönen. Verlocken Sie sie nicht zur Tat, fordern Sie sie nicht heraus, indem Sie den Mord des Vaters durch den leiblichen Sohn gutheißen!“ ...

Zwar hatte Hippolyt Kirillowitsch sich schon zuvor nicht wenig hinreißen lassen. Nun schloß er in dieser Weise mit dem höchsten Pathos – und, in der Tat, der Eindruck, den seine Rede hinterließ, war wirklich außerordentlich. Er selbst aber ging, kaum daß er sie beendet hatte, eiligst hinaus und, wie gesagt, im anderen Zimmer soll er beinahe in Ohnmacht gefallen sein. Das Publikum klatschte nicht Beifall, aber die ernsten Leute waren befriedigt. Nur die Damen waren es weniger, doch hatte schließlich auch ihnen seine Beredtsamkeit gefallen, um so mehr, als sie an dem Endergebnis noch immer nicht zweifelten und von Fetjukowitsch alles erwarteten: „Zum Schluß wird er das Wort ergreifen und dann selbstverständlich alle besiegen!“

Zunächst wandten sich alle Blicke zu Mitjä, und man beobachtete ihn neugierig. Während der ganzen Rede des Staatsanwalts hatte er stumm dagesessen, die Arme gekreuzt, die Zähne zusammengebissen, den Blick zu Boden gesenkt. Nur ein paarmal hatte er den Kopf ein wenig erhoben und aufgehorcht. Besonders als von Gruschenka die Rede gewesen war. Als der Staatsanwalt Rakitins Ausspruch über sie zitiert hatte, war auf Mitjäs Lippen ein verächtliches Lächeln erschienen, und er hatte ziemlich hörbar gesagt: „Ce Bernard!“ Als aber Hippolyt Kirillowitsch darauf zu sprechen gekommen war, wie er ihn in Mokroje ausgefragt und gequält hatte, da hatte Mitjä plötzlich den Kopf erhoben und mit höchster Aufmerksamkeit zugehört. An einer Stelle der Rede hatte es fast geschienen, daß er sofort aufspringen und etwas dazwischenschreien würde, doch hatte er sich bezwungen und nur einmal verächtlich mit der Achsel gezuckt. Über diesen Schlußteil der Anklagerede, besonders über die Leistung des Staatsanwalts beim ersten Verhör in Mokroje, wurde später viel in unserer Gesellschaft gesprochen und bei der Gelegenheit auch über Hippolyt Kirillowitsch gelacht: „Der gute Mann konnte doch seine Fähigkeiten nicht mit Stillschweigen übergehen,“ hieß es da, „sonst wird man ja so leicht unterschätzt!“