Da ertönte die Glocke. Die Geschworenen hatten sich genau eine Stunde beraten, nicht mehr und nicht weniger. Tiefes Schweigen trat ein, kaum, daß das Publikum sich gesetzt hatte. Ich sehe die Szene noch vor mir, wie die Geschworenen wieder eintraten – nacheinander. Endlich! Die einzelnen Fragen übergehe ich, und ich habe sie auch vergessen. Sie wurden punktweise vorgelegt. Ich erinnere mich nur noch der Antwort auf die erste und wichtigste Frage des Vorsitzenden: „Hat er vorsätzlich um des Raubes willen erschlagen?“ (oder so ungefähr, den genauen Wortlaut habe ich vergessen). Der ganze Saal schien wie erstorben zu sein. Da trat der Obmann der Geschworenen, der übrigens der jüngste von ihnen war, vor und sagte, laut und deutlich, bei der Totenstille des ganzen Saales:

„Ja. Er ist schuldig!“

Und darauf Punkt für Punkt dieselbe Antwort: Schuldig, schuldig, schuldig, und zwar ohne die geringste Milderung! Das hatte niemand erwartet! Selbst die Strengsten waren überzeugt gewesen, daß man doch wenigstens mildernde Umstände in Betracht ziehen werde. Die Totenstille des Saales dauerte immer noch an, buchstäblich, als wären alle erstarrt gewesen – sowohl diejenigen, welche die Verurteilung, wie diejenigen, welche die Freisprechung gewünscht hatten. Doch das war nur in den ersten Minuten. Dann erhob sich plötzlich ein furchtbares Chaos. Unter dem männlichen Publikum schienen viele sehr zufrieden zu sein. Einige rieben sich sogar die Hände, ohne ihre Freude zu verbergen. Die Unzufriedenen dagegen waren niedergedrückt, sie flüsterten untereinander, zuckten mit den Achseln, und schienen immer noch nicht recht zur Besinnung kommen zu können. Aber, o Gott, was geschah mit unseren Damen! Ich glaubte schon, es würde eine Revolution geben. Zuerst trauten sie ihren Ohren nicht. Dann aber hörte man von allen Seiten empörte Ausrufe: „Was soll das bedeuten? Was soll denn das heißen?“ Sie sprangen von ihren Plätzen auf. Wahrscheinlich glaubten sie, daß man alles sofort noch umändern und anders machen könne. Und in diesem Augenblick erhob sich plötzlich Mitjä und schrie noch einmal laut über den ganzen Saal hin, mit einer Stimme, die das Herz erzittern machte, und indem er die Hände vor sich ausstreckte:

„Ich schwöre es bei Gott und seinem furchtbaren Gerichte, am Blute meines Vaters bin ich unschuldig! Katjä, ich verzeihe dir! Brüder, Freunde, habt Mitleid mit der anderen! ...“

Er sprach nicht zu Ende: Er schluchzte mit lauter Stimme auf, mit einer Stimme, die an ihm ganz neu, ganz unerwartet, die weiß Gott woher gekommen war, mit einer Stimme, bei der einen das Grauen faßte. Und da hörten wir plötzlich von oben, aus der entferntesten Ecke des Chores, einen gellenden Schrei: Gruschenka hatte ihn ausgestoßen. Sie hatte schon früher die Leute angefleht, sie dorthin nach oben zu lassen, schon vor den Plaidoyers. Mitjä wurde hinausgeführt. Die Verlesung des Urteils wurde auf den nächsten Vormittag vertagt. Der ganze Saal erhob sich in erregter Hast. Ich entfernte mich und hörte den Menschen nicht mehr zu. Ich habe nur ein paar Ausrufe behalten, die ich auf der Treppe, beim Hinauseilen, auffing.

„Der kann jetzt seine zwanzig Jahre angeschmiedet Bergwerke riechen!“

„Mindestens.“

„Ja, unsere Bäuerlein haben ihren Mann gestanden.“

„Und haben unseren Mitjenka begraben!“

Epilog