Ich trinke nicht, ich ‚nasche‘ bloß, wie dein Freund, das Schwein Rakitin, sagt, der angehende Staatsrat. Setze dich. Aljoscha, ich würde dich jetzt am liebsten einfach so nehmen und an mein Herz pressen, aus allen Kräften würde ich dich an mich drücken, denn ... im Grunde – begreifst du das? – im Grunde – behalte das! – liebe ich auf der ganzen Welt nur dich allein!“

Er sprach die letzten Worte fast wie in einem Rausch, wie in Verzückung.

„Nur dich allein und dann noch eine ‚Niederträchtige‘, in die ich mich verliebt habe, und durch die ich verloren bin. Doch sich verlieben, heißt nicht lieben. Sich in jemanden verlieben kann man auch, wenn man ihn haßt. Behalte das! Jetzt spreche ich vorläufig noch mit heiterer Miene! Setze dich dorthin, hinter den Tisch. Ich werde mich hierher neben dich setzen, dich betrachten und die ganze Zeit sprechen. Du sollst schweigen, ich aber werde alles erzählen, denn jetzt ist es Zeit dazu. Aber, weißt du, ich glaube, es ist doch besser, wenn wir leise sprechen, denn hier ... hier ... können überall die unerwartetsten Ohren horchen. Ich werde alles erklären. Wie gesagt: Erklärung folgt. Warum nur sehnte ich mich nach dir, warum nur erwartete ich dich in all diesen Tagen? – Ich habe mich hier doch schon seit fünf Tagen verankert. – Alle diese Tage? Weil ich nur dir allein alles sagen kann, dir allein, das ist es ja, denn ich brauche dich, denn morgen werde ich aus den Wolken herabfliegen, denn morgen wird das Leben enden und neu beginnen ... Hast du es jemals gefühlt, oder weißt du, wie das ist, wenn man im Traum von einem Berge in ein tiefes, dunkles Loch fällt? Nun, auch ich fliege jetzt hinab, doch nicht im Traum. Fürchte mich aber nicht, und auch du sollst dich nicht fürchten. Das heißt, ich fürchte mich wohl, aber es ist – so süß. Das heißt, nicht süß, sondern ein Rausch des Entzückens ... Ach, nun hol’s der Teufel, einerlei, was das ist. Stark oder schwach oder weibisch – einerlei! Besingen wir lieber die Natur! Sieh, wieviel Sonne hier ist, der Himmel so rein, so hell und hoch, die Blätter sind noch alle grün, ganz wie im Sommer. Vier Uhr nachmittags, diese Stille! ... Wohin wolltest du gehen?“

„Zum Vater, und zuerst wollte ich noch zu Katerina Iwanowna gehen.“

„Zu ihr und zum Vater! Herrgott! Das ist mir mal ein Zusammentreffen! Ja, warum rief ich dich denn, warum ersehnte ich dich, warum dürstete und lechzte ich denn mit allen Ecken und Kanten meiner Seele gerade nach dir? Um dich von mir gerade zum Vater und dann zu ihr, zu Katerina Iwanowna, zu schicken und damit die ganze Geschichte zu beenden, mit ihr wie mit ihm! Ich hätte ja einen jeden schicken können, aber ich wollte nur einen Engel schicken. Und siehe, du wolltest von selbst zu ihr und zum Vater gehen!“

„Wolltest du mich wirklich schicken?“ fragte hastig mit einem krankhaften Gesichtsausdruck Aljoscha, fast gegen seinen Willen.

„Wart, – du wußtest es doch. Ich sehe schon, daß du bereits alles begriffen hast. Aber sage noch nichts, schweige. Bedaure nicht und weine nicht!“

Dmitrij Fedorowitsch erhob sich nachdenklich und legte den Finger an die Stirn:

„Sie muß dich selbst gerufen haben, sie hat dir einen Brief geschrieben oder vielleicht sonst etwas, darum wolltest du zu ihr gehen, denn sonst wäre es dir doch nicht eingefallen?“

„Ja, sie hat mir geschrieben, hier,“ sagte Aljoscha und zog den Brief aus der Tasche. Mitjä durchflog ihn schnell.