„Mama, bekreuze ihn, segne ihn, küsse ihn!“ rief ihr Ninotschka weinend zu. Die Mama aber zuckte nur immer mit ihrem Kopf, sprachlos wie ein Automat, während ihr Gesicht von heißem Kummer verzerrt wurde, und plötzlich fing sie an, sich mit der Faust vor die Brust zu schlagen. Man trug den Sarg weiter. Ninotschka drückte zum letztenmal ihre Lippen auf die Lippen ihres verstorbenen Bruders, als man ihn an ihr vorübertrug. Aljoscha wandte sich, als er aus dem Hause trat, an die Hauswirtin mit der Bitte, nach den Zurückgebliebenen zu sehen – die aber ließ ihn kaum aussprechen: „Wir wissen schon, werden bei ihnen bleiben, sind doch auch Christen!“ sagte die Alte und weinte dazu.

Bis zur Kirche war es nicht weit, im ganzen vielleicht dreihundert Schritt, nicht mehr. Der Tag war klar und still, es fror nur wenig. Die Meßglocke wurde noch geläutet. Zerstreut und geschäftig lief Ssnegireff in seinem alten, kurzen Sommermäntelchen hinter dem Sarge her, mit entblößtem Kopf, den alten Schlapphut in der Hand. Er war von einer gedankenlosen Geschäftigkeit: Plötzlich streckte er die Hand aus, um den Sarg am Kopfende zu stützen, und störte dadurch nur die Tragenden, dann lief er wieder an die Seite und versuchte dort behilflich zu sein; fiel eine Blume auf den Schnee, so stürzte er sich auf sie, um sie aufzuheben, ganz als ob von dem Verlust dieser Blume weiß Gott was abhing.

„Aber die Brotrinde, die Brotrinde haben wir vergessen!“ rief er plötzlich außer sich vor Schreck. Die Knaben erinnerten ihn daran, daß er die Brotrinde in seine Tasche gesteckt hatte. Er riß sie sofort aus der Tasche hervor, und nachdem er sich davon überzeugt hatte, daß sie da war, beruhigte er sich.

„Iljuschetschka hat befohlen, Iljuschetschka,“ erklärte er sofort Aljoscha, „er lag wach in der Nacht, ich saß bei ihm, und plötzlich sagte er zu mir: ‚Papachen, wenn man mein Grab zugeschüttet hat, so wirf Brotkrümchen darauf, damit die kleinen Sperlinge herbeifliegen, ich werde dann hören, wie sie herbeigeflogen kommen, und werde froh sein, daß ich nicht ganz allein liege.‘“

„Das ist gut,“ sagte Aljoscha, „man muß des öfteren Brotkrümel hinstreuen.“

„Jeden Tag, jeden Tag!“ stotterte der Hauptmann wie neu belebt.

Endlich kam man in der Kirche an, und der Sarg wurde inmitten der Vierung hingestellt. Die Knaben blieben um ihn herum stehen, und so standen sie, tief ernst, während des ganzen Gottesdienstes. Es war eine alte ärmliche Kirche. Die Heiligenbilder waren ohne Silberschmuck. Aber ich glaube, in solchen Kirchen kann man besser beten. Nach der Messe schien Ssnegireff sich etwas zu beruhigen, obgleich ihn auch jetzt noch von Zeit zu Zeit wieder eine unbewußte, gedankenlose Geschäftigkeit erfaßte: Bald trat er an den Sarg, um das Leichentuch oder das Stirnband in Ordnung zu bringen, bald wieder, wenn ein Licht herunterfiel, lief er hin, um es aufzustellen, und machte sich schrecklich lange damit zu schaffen. Plötzlich beruhigte er sich wieder und stand unbeweglich mit stumpfsinnig-besorgtem und verständnislosem Gesichtsausdruck da. Als die Apostelgeschichte verlesen wurde, flüsterte er plötzlich Aljoscha ins Ohr, daß sie „nicht so“ verlesen werden müßte, sprach indessen seine Gedanken darüber nicht aus. Nach dem Cherubliede schickte er sich an, mitzusingen, brach aber sogleich wieder ab und warf sich auf die Knie, beugte seine Stirn auf den steinernen Fußboden der Kirche und verharrte eine geraume Zeit in dieser Stellung. Endlich schritt man zum Totenamt, und die Lichter wurden verteilt. Wieder schien der unsinnige Alte geschäftig werden zu wollen, doch der erschütternde Grabgesang machte einen unheimlichen Eindruck auf seine Seele. Er schien plötzlich in sich zusammenzusinken: Er schluchzte auf, zuerst nur stoßweise mit unterdrückter Stimme, schließlich aber weinte er laut. Als man sich von dem Toten zu verabschieden begann und sich anschickte, den Sarg zu schließen, umfing er ihn mit beiden Armen, als wolle er Iljuschetschka vor etwas beschützen, und immer wieder küßte er seinen toten Knaben auf den Mund. Man beredete ihn, und es gelang ihnen fast schon, den Vater vom Sarge loszureißen, als er plötzlich seinen Arm ausstreckte und von dem Sarge noch einige Blumen raffte. Darauf stierte er sie an, und eine neue Idee schien ihn zu ergreifen, so daß er auf einen Augenblick alles andere vergaß. Er verfiel immer mehr in Nachdenken und hatte dann auch nichts weiter dagegen einzuwenden, als der Sarg aufgehoben wurde, um zum Grabe getragen zu werden. Es war ein teures Grab, ganz nahe bei der Kirche gelegen: Katerina Iwanowna hatte es bezahlt. Nach der üblichen Zeremonie senkten die Totengräber den Sarg in die Gruft hinab. Ssnegireff beugte sich mit seinen Blumen in den Händen über dem offenen Grabe so weit vor, daß sich die Knaben erschrocken an seinen Mantel hängten und ihn zurückzogen. Er aber schien nicht mehr zu verstehen, was vor sich ging. Als man das Grab zuschüttete, wies er geschäftig auf die hinabstürzende Erde, und begann sogar zu reden, doch war unmöglich zu verstehen, was er sagte, und er verstummte dann auch bald von selbst. Man erinnerte ihn daran, nunmehr die Brotkrumen auszustreuen, und er begann denn auch sofort und in großer Aufregung ganze Stücke auf das Grab zu werfen. „Vögelchen, fliegt herbei, hier, Sperlinge fliegt herbei!“ murmelte er geschäftig. Einer der Knaben machte die Bemerkung, daß die Blumen, die er in den Händen hielt, ihm nur hinderlich seien, und daß er sie ihm zu halten geben solle. Er aber gab sie nicht, erschrak nur heftig, denn er glaubte und fürchtete, jemand wolle sie ihm fortnehmen. Nachdem er sich das Grab angesehen und man ihm noch gesagt hatte, daß er jetzt alles getan, kehrte er sich ganz unerwartet und beruhigt um und beeilte sich, nach Haus zu kommen. Seine Schritte wurden bald so eilig, daß er fast schon lief. Die Knaben und Aljoscha folgten ihm. „Für Mamachen die Blumen, für Mamachen die Blumen! Man hat Mamachen gekränkt,“ murmelte er vor sich hin. Einer der Knaben rief ihm zu, er möge doch seinen Hut aufsetzen, es sei doch kalt. Sowie er das aber hörte, warf er den Hut zornig auf den Schnee und sagte immer wieder vor sich hin: „Ich will keinen Hut, ich will keinen Hut!“ Der kleine Ssmuroff hob ihn auf und trug ihn hinter ihm her. Alle Knaben weinten, am heftigsten von allen Koljä und der Knabe, der Troja entdeckt hatte, und wenn auch Ssmuroff mit dem Hut des Hauptmanns in der Hand herzbrechend schluchzte, so fand er doch Zeit, ein Ziegelstückchen, das sich rot vom Schnee abhob, aufzuheben und nach einem schnell vorüberziehenden Flug Spatzen zu werfen ... Natürlich traf er nicht, und so lief er weinend weiter. Ssnegireff jedoch blieb plötzlich mitten auf dem Wege stehen, stand einen Augenblick, als wäre er über etwas sehr betroffen, kehrte dann um und lief zur Kirche zurück, zum Grabe. Die Knaben holten ihn aber bald ein und klammerten sich von allen Seiten an ihn. Kraftlos und wie verwundet fiel er in den Schnee, schlug um sich, schluchzte und schrie: „Väterchen, Iljuschetschka, liebes Väterchen!“ Aljoscha und Koljä hoben ihn auf und sprachen auf ihn ein, indem sie ihn zu beruhigen suchten.

„Herr Hauptmann, genug der Verzweiflung, ein tapferer Mensch ist verpflichtet, alles männlich zu ertragen,“ meinte Koljä etwas unwirsch.

„Sie werden die Blumen zerdrücken,“ sagte Aljoscha, „und Mamachen wartet auf sie, sie sitzt dort und weint, weil Sie ihr Iljuschetschkas Blumen nicht gegeben haben. Dort steht auch noch sein Bett ...“

„Ja, ja, zu Mamachen!“ Ssnegireff besann sich sofort, „man wird das Bettchen fortbringen, fortbringen!“ fügte er ganz erschrocken hinzu, als ob man wirklich schon das Bettchen fortgebracht haben könnte. Und er sprang auf und lief wieder weiter, nach Hause.