„‚Was – viertausend! Das fehlte noch! Ich habe doch nur gescherzt! Sie sind wirklich gar zu leichtgläubig, meine Gnädigste; zweihundert Rubelchen würde ich, nun, meinetwegen, noch mit Vergnügen und sehr gerne geben, aber viertausend, Fräuleinchen, sind doch kein Geld, das man für so leichtsinnige Sachen zum Fenster hinauswirft. Haben sich unnütz zu bemühen geruht.‘
„Sieh, ich hätte dann natürlich alles verloren; sie wäre fortgelaufen, doch dafür wäre es teuflische Rache gewesen und hätte für alles andere entschädigt. Ich hätte freilich mein ganzes Leben lang vor Reue geweint. Aber nur jetzt ihr dieses Stückchen spielen! Glaubst du mir, kein einziges Mal war es mit mir geschehen, noch mit keinem einzigen Weibe, daß ich sie in solch einer Minute gehaßt hätte – doch glaube mir, sieh, ich bekreuze mich: auf diese aber blickte ich drei oder fünf Sekunden lang so haßerfüllt, mit solch einem Haß – mit demselben wütenden Haß, von dem es bis zur Liebe, zur sinnlosesten, wahnsinnigsten Liebe – nur ein Haarbreit ist! Ich trat ans Fenster, preßte die Stirn an das befrorene Glas, und ich weiß noch, das Eis brannte wie Feuer auf meiner Stirn. Ich hielt sie nicht lange auf, hab keine Angst, Bruder. Ich wandte mich wieder um, ging zum Tisch, schloß das Schubfach auf und nahm die fünftausendrublige Banknote au porteur (sie lag in meinem französischen Lexikon). Ich zeigte sie ihr schweigend, schob sie in ein Kuvert, überreichte es ihr, öffnete ihr selbst die Tür zum Vorzimmer, trat darauf einen Schritt zurück und verneigte mich tief vor ihr in der ehrerbietigsten, aufrichtigsten Weise, glaub es mir! Sie fuhr zusammen, blickte mich starr eine Sekunde lang an, wurde dann furchtbar bleich, wie ein Handtuch, und plötzlich – gleichfalls ohne ein Wort zu sagen, doch nicht mit einem Ruck, sondern so weich kniete sie gerade vor mir nieder, verbeugte sich leise tief, tief – und – berührte mit der Stirn den Boden! Nicht etwa schulmädchenhaft, nein – russisch! Sie erhob sich und lief hinaus. Als sie hinausgelaufen war – weißt du, ich hatte den Säbel schon umgeschnallt –, riß ich meinen Säbel aus der Scheide und wollte mich erstechen. Warum? – Das weiß ich nicht, und es wäre natürlich eine furchtbare Dummheit gewesen, aber wahrscheinlich vor Begeisterung. Begreifst du auch, daß man sich vor Begeisterung, einer gewissen Art von Begeisterung, töten kann? Doch ich erstach mich nicht, ich küßte nur die Klinge und schob sie wieder in die Scheide – was ich übrigens jetzt auch nicht zu erwähnen brauchte. Ich glaube sogar, daß ich soeben in der Erzählung aller dieser Kämpfe etwas weitschweifig gewesen bin, um mich herauszustreichen. Aber ... nun schön, meinetwegen, mag’s auch so gewesen sein, der Teufel hole alle Spione des Menschenherzens! Das ist also meine ganze ‚Geschichte‘ mit Katerina Iwanowna. Jetzt wissen davon Iwan und du – und sonst niemand.“
Dmitrij Fedorowitsch erhob sich, tat erregt ein paar Schritte hin und her, zog sein Taschentuch heraus, trocknete sich die Stirn, setzte sich darauf wieder hin, doch nicht auf den früheren Platz, sondern an der anderen Tischseite, so daß Aljoscha sich seitlich zu ihm wenden mußte.
V.
Die Beichte des heißen Herzens.
„Kopfüber hinab“
„Jetzt kenne ich die erste Hälfte dieser Geschichte,“ sagte Aljoscha.
„Die erste Hälfte verstehst du: Das ist ein Drama und spielte sich dort ab. Die zweite Hälfte jedoch ist eine Tragödie und wird sich hier abspielen.“
„Von der zweiten Hälfte verstehe ich vorläufig noch nichts,“ sagte Aljoscha.
„Und ich etwa? Glaubst du, daß ich etwas davon verstehe?“
„Wart, Dmitrij, hier ist vor allem eines von Wichtigkeit: Sag mir, du bist doch verlobt, auch jetzt noch verlobt mit ihr?“
„Ich verlobte mich mit ihr nicht gleich darauf, sondern ungefähr erst nach drei Monaten. Am nächsten Tage, nachdem sie bei mir gewesen war, sagte ich mir, daß die Geschichte erledigt und abgetan sei, daß es eine Fortsetzung nicht mehr geben werde. Jetzt noch mit einem Heiratsantrag zu kommen, schien mir taktlos, niedrig. Ihrerseits ließ sie in den ganzen sechs Wochen, die sie noch in der Stadt verlebte, kein Wort von sich hören. Das heißt, abgesehen von dem einen Mal: am nächsten Tage kam nämlich ihre Stubenmagd heimlich zu mir und übergab mir, ohne ein Wort zu sagen, einen kleinen Packen. Draufgeschrieben war nur die Adresse: Dem und dem. Ich machte es auf: der Rest von den Fünftausend. Sie hatte ja im ganzen nur viertausendfünfhundert nötig gehabt, und beim Verkauf der Banknote war es ungefähr auf einen Verlust von zweihundert und einiges herausgekommen. Sie schickte mir im ganzen, ich glaube, zweihundertsechzig Rubel zurück, ich weiß es nicht mehr genau, und sonst nichts, nur das Geld – keinen Brief, kein Wörtchen, keine Erklärung. Ich durchsuchte das ganze Papier nach irgendeinem Bleistiftzeichen – n–nichts! Nun, ich lebte inzwischen für mein übriges Geld flott drauflos, so daß auch der neue Major gezwungen war, mir einen Verweis zu geben. Der Oberstleutnant aber übergab glücklich die Kasse zur nicht geringen Verwunderung seiner Kameraden, denn niemand hatte von ihm den Besitz der ganzen Summe erwartet. Er übergab sie, erkrankte aber gleich darauf, lag drei Wochen, dann kam plötzlich Gehirnerweichung hinzu, und nach fünf Tagen war er tot. Man beerdigte ihn mit allen militärischen Ehren, denn er hatte noch nicht den Abschied bekommen. Katerina Iwanowna, ihre Schwester und Tante fuhren nach Moskau, schon am zehnten Tage nach der Beerdigung. Und da erst, vor der Abfahrt, am selben Tage, an dem sie fortfuhren (ich hatte sie nicht gesehen und nicht begleitet), erhalte ich einen kleinen Brief, blau, teures Papier, und auf dem ganzen Bogen steht nur eine einzige Zeile, mit der Bleifeder geschrieben: ‚Ich werde Ihnen schreiben, warten Sie. K.‘ Und das war alles.