„Ich rede nicht von seinem Glauben, sondern nur von diesem einen Zug, von diesen zwei Einsiedlern, nur von diesem einen kleinen Zug: Das ist doch russisch, aber echt russisch!“
„Ja, dieser Zug ist allerdings ganz russisch,“ meinte Aljoscha lächelnd.
„Hör, Bileams Esel, dein Wort ist ’nen Rubel wert, werde ihn dir noch heute geben, doch im übrigen lügst du trotzdem, das sage ich dir, lügst wie gedruckt! Laß es dir jetzt gesagt sein, Dummkopf, daß wir alle hier im Leben bloß aus Leichtsinn nicht glauben, wir haben keine Zeit dazu: erstens wächst uns die Arbeit schon über den Kopf, und zweitens hat uns Gott nur wenig Zeit gegeben, hat im ganzen für den Tag nur vierundzwanzig Stunden bestimmt, so daß man ja nicht einmal Zeit zum Ausschlafen hat, von Bereuen schon gar keine Rede. Du aber hast dort vor den Quälgeistern deinen Glauben in einem Augenblick verleugnet, da du an nichts anderes mehr als nur an deinen Glauben zu denken hattest, als es gerade hieß, deinen Glauben zeigen! Das ist doch so, mein Lieber, denke ich?“
„So ist es schon, aber urteilen Sie selbst, Grigorij Wassiljewitsch, daß es doch um so mehr erleichtert, je mehr es so ist. Denn wenn ich im selbigen Moment so wahrhaftig glaube, wie es geboten ist zu glauben, dann wäre es wirklich Sünde, wenn ich für meinen Glauben keine Qualen auf mich nehmen wollte, und zu den verfluchten Mohammedanern übertreten würde. Aber dann würde es doch überhaupt nicht bis zum Foltern kommen, denn dann brauchte ich doch nur im selbigen Moment zu dem Berge zu sagen: erdrücke den Henker, und der Berg würde ihn sofort wie eine Wanze plattdrücken, und ich würde fortspazieren, als ob nichts gewesen wäre, lobsingend und den Namen Gottes preisend. Wenn ich es aber in diesem selbigen Moment versuchte und absichtlich dem Berg zuschrie: ‚erdrücke meine Henker‘, der Berg sie aber nicht erdrückt, wie soll ich dann, sagen Sie doch selbst, wie soll ich dann nicht zweifeln, und dazu noch in einer so furchtbaren Stunde der gewaltigen Todesangst? Und überdies weiß ich dann noch, daß ich des Himmelreichs sowieso nicht in der Vollkommenheit teilhaftig werde – sintemal sich doch der Berg auf mein Wort hin nicht gerührt hat, alsomit heißt es, daß man meinem Glauben droben doch nicht gerade sonderlich glaubt, und mich alsomit nicht gar so große Belohnungen daselbst erwarten – warum soll ich mir dann überdies, und schon ohne jeden Vorteil für mich, noch meine Haut abziehen lassen? Denn selbst wenn sie mir meine Haut schon bis zur Hälfte abgerissen haben, so wird doch der Berg auf mein Wort oder Geschrei nicht von der Stelle rücken. Aber in solch einem Moment können einen doch nicht nur Zweifel befallen, sondern kann man sogar vor Angst selbst den Verstand verlieren, so daß ein Überlegen und jegliches Denken ganz und gar unmöglich wird. Wodurch bin ich dann so besonders sündig, wenn ich, dieweil ich weder hier noch dort dafür Belohnung sehe, wenigstens mir meine Haut bewahre? Darum aber nähre ich im Vertrauen auf die Gnade und Barmherzigkeit Gottes die Hoffnung, daß mir alsomit ganz verziehen werden wird ...“
VIII.
Beim Gläschen
Der Streit war beendet, doch sonderbar: der so gut aufgelegte Fedor Pawlowitsch wurde plötzlich verdrießlich. Er ärgerte sich und goß sich wieder einen Kognak hinter die Binde – es war schon ein ganz überflüssiges Gläschen.
„Ach, packt euch, ihr Jesuiten allesamt, hinaus!“ schrie er mit einem Male die Dienstboten an. „Scher dich, Ssmerdjäkoff. Werde dir heute den versprochenen Rubel geben, jetzt aber marsch. Sei nicht traurig, Grigorij, schieb ab zu Marfa, sie wird dich trösten, schlafen legen ... Die Kanaillen lassen einen wirklich nicht in Ruhe ein Stündchen nach dem Essen sitzen,“ schimpfte er verstimmt, als sich die Dienstboten auf seinen Befehl sofort zurückgezogen hatten. „Ssmerdjäkoff kriecht jetzt jeden Tag nach dem Essen her. Du bist es, der ihn so interessiert. Womit hast du es ihm denn angetan?“ fragte er Iwan Fedorowitsch.
„Eigentlich mit nichts,“ entgegnete der, „es ist ihm eingefallen, mich zu verehren; er ist eine Lakaienseele, ein echter Ham. Übrigens fortschrittlicher Humus, wenn die Zeit kommt.“
„Fortschrittlicher?“
„Es wird andere und bessere geben, aber auch solche wird es geben. Zuerst werden es solche sein, nach ihnen aber bessere.“