Um Pjilnikoff aufzusuchen, war es noch zu früh und nach Hause wollte er nicht. Peredonoff ging durch die dunklen Straßen und überlegte, wo er noch etwa eine Stunde zubringen könne. Es gab so viele Häuser, in manchen brannte Licht, und aus den geöffneten Fenstern hörte man hie und da Stimmen. Die heimkehrenden Kirchgänger gingen durch die Straßen und man hörte, wie Pforten und Türen aufgetan und wieder zugeschlagen wurden. Ueberall lebten fremde, feindlich gesinnte Leute, und manche von ihnen brüteten vielleicht gerade über einem Anschlag gegen ihn — den Lehrer Peredonoff.
Vielleicht wunderte sich dieser oder jener bereits darüber, daß Peredonoff zu so später Stunde allein durch die Straßen ging und wohin er ging. Es schien Peredonoff, als würde er von jemand, der hinter ihm herschliche, beobachtet. Ihm wurde unheimlich. Er beschleunigte seine Schritte und ging ziellos weiter.
Er dachte daran, daß wohl in jedem Hause so mancher gestorben war. Und alle, die in diesen alten Häusern an die fünfzig Jahre gelebt hatten, sie alle waren gestorben. An einige von den Verstorbenen konnte er sich noch erinnern.
Wenn ein Mensch stirbt, so sollte man sein Haus gleich verbrennen, dachte Peredonoff traurig, sonst ist es zu unheimlich.
Olga Wassiljewna Kokowkina, bei der der Gymnasiast Sascha Pjilnikoff in Pension lebte, war die verwitwete Frau eines Rentmeisters. Ihr Mann hatte ihr eine Pension und ein kleines Haus hinterlassen; das Haus war ihr zu groß, und so vermietete sie zwei bis drei Zimmer. Sie liebte es, besonders Gymnasiasten als Pensionäre zu haben, und es hatte sich so gefügt, daß immer nette und bescheidene Jungen, die fleißig arbeiteten und den Gymnasialkursus auch absolvierten, bei ihr gewohnt hatten. In den andern Schülerpensionen war es meist anders; da lebten oft junge Leute, die von einem Gymnasium ins andere geschickt wurden und daher über eine nur mittelmäßige Bildung verfügten.
Olga Wassiljewna war eine ältere Dame; sie hielt sich sehr gerade, war groß von Wuchs und mager, hatte ein freundliches Gesicht, bemühte sich aber, es in strenge Falten zu legen. Sascha Pjilnikoff war ein netter, wohlerzogener Junge. Die beiden saßen am Teetisch. Heute war die Reihe an Sascha den Saft zu liefern, den er von zu Hause mitgebracht hatte und den man zum Tee zu essen pflegte. Daher fühlte er sich gewissermaßen als Gastgeber, bewirtete eifrig Olga Wassiljewna, und seine schwarzen Augen blitzten dabei vor Freude.
Es läutete, — und gleich darauf erschien Peredonoff im Speisezimmer. Die Kokowkina war erstaunt über den späten Besuch.
„Ja, ich wollte mir mal unsern Jungen ansehn,“ sagte er, „wie er hier lebt, was er treibt.“
Die Kokowkina bot Peredonoff ein Glas Tee an; er lehnte ab, denn es war ihm darum zu tun, den Jungen unter vier Augen zu sprechen und darum wünschte er im stillen, daß man mit dem Teetrinken bald zu Ende käme. Endlich war es so weit; man ging in Saschas Zimmer, aber die Kokowkina blieb und redete ohne Ende. Peredonoff fixierte Sascha, und der schwieg trotzig.
Nichts wird herauskommen bei diesem Besuch, dachte Peredonoff ärgerlich.