„Wollen wir ruhig miteinander reden. Es wäre möglich, daß Sie sich über Ihren eigenen Gesundheitszustand täuschen: Sie sind in jeder Hinsicht ein strebsamer und tüchtiger Schüler, und ich kann es vollkommen begreifen, daß Sie nicht um Dispens vom Turnunterricht bitten wollen. Uebrigens, ich habe den Herrn Doktor gebeten heute herzukommen, weil ich mich gar nicht wohl fühle. Er kann dann gleich auch Sie gründlich untersuchen, wenn Sie nichts dagegen haben.“

Chripatsch sah nach der Uhr, und ohne auf eine Antwort zu warten, redete er mit Sascha über die jüngst verflossenen Sommerferien.

Bald darauf kam der Schularzt Ewgenij Iwanowitsch Surowzeff, ein kleiner, behender, schwarzhaariger Mann, der es vor allem liebte über Politik und städtische Klatschgeschichten zu reden. Er verfügte nicht gerade über hervorragende Kenntnisse, verhielt sich aber gewissenhaft zu seinen Patienten, zog Diät und geregelte Hygiene allen Medikamenten vor und so kam es, daß er einigen Erfolg hatte.

Sascha mußte sich entkleiden, Surowzeff untersuchte ihn von Kopf bis zu Fuß, konnte aber keine Anzeichen irgend einer Krankheit finden, während Chripatsch sich davon überzeugte, daß Sascha jedenfalls kein Mädchen sei. Wiewohl er das von vornherein geglaubt hatte, so hielt er diese ärztliche Untersuchung für angebracht, denn im Falle einer Anfrage der Schulbehörde hätte der Arzt ohne weitere Umstände ein entsprechendes Zeugnis ausstellen können.

Chripatsch entließ Sascha mit einigen freundlichen Worten:

„Nun wissen wir, daß Sie ganz gesund sind, und ich werde Alexei Alexejewitsch bitten, Sie in keiner Weise zu schonen.“

Peredonoff zweifelte nicht daran, daß seine Entdeckung des verkleideten Mädchens die Aufmerksamkeit der Schulbehörde auf ihn lenken und ihm außer der Rangerhöhung auch einen Orden einbringen würde. Diese Hoffnung spornte ihn dazu an, doppelt scharf auf das Betragen der Schüler zu achten. Schon seit einigen Tagen war das Wetter trübe und regnerisch, nur spärlich wurde das Billard besucht, — und so blieb ihm nichts anderes übrig, als sämtliche Schülerpensionen der Stadt zu inspizieren, ja, er suchte sogar Gymnasiasten auf, die bei ihren Eltern lebten. Peredonoff traf insofern eine Auswahl, als er nur schlichtere Familien besuchte: er ging hin, klagte über den mißratenen Sohn, der bekommt Prügel, — und Peredonoff ist zufrieden. So hatte er den Joseph Kramarenko bei dessen Vater, einem Bierbrauer, verklagt, — er hatte erzählt, daß Joseph während des Gottesdienstes in der Kirche Unfug treibe. Der Vater glaubte ihm aufs Wort und bestrafte den Sohn. Dasselbe Schicksal traf dann noch einige andere. Diejenigen Eltern, von denen er glaubte, daß sie ihre Kinder in Schutz nehmen würden, suchte er überhaupt nicht auf; auch fürchtete er, sie könnten sich bei der Schulbehörde beschweren. So besuchte er jeden Tag je einen Schüler in dessen Wohnung. Er trat als Vorgesetzter auf: räsonierte, traf Anordnungen, drohte. Aber es kam vor, daß die Pensionäre unter den Schülern, die sich als selbständige, junge Leute fühlten, ihm einfach grob begegneten. Einen Erfolg hatte Peredonoff zu verzeichnen: Frau Flawitzkaja, eine energische, schlanke Dame mit heller Stimme, prügelte auf seinen Wunsch ihren Pensionär, den kleinen Wladimir Bultjakoff, gehörig durch.

In den Unterrichtsstunden der nächstfolgenden Tage pflegte Peredonoff dann von seinen Taten zu berichten; er nannte keine Namen, aber die unglücklichen Opfer verrieten sich selber durch ihr gedrücktes, scheues Wesen.