Er fühlte nicht das mindeste Bedürfnis nach einer neuen Erkennungsszene – aber im Grunde war es ja vollkommen gleichgültig, und er konnte auch ein paar freundliche Worte mit ihr wechseln, wenn es einmal nicht zu umgehen war.

Die Frau näherte sich seinem Lager und sagte ein wenig verlegen: »Das tut mir nun leid – für Sie habe ich nichts mehr.«

»Der Herr liebt sowieso keine süßen Speisen!« bemerkte bissig eine junge Pflegerin, die vorüberlief.

Rolfers legte die Zeitung beiseite. »Die Schwester hat recht – machen Sie sich also keine Sorge,« sagte er höflich und hielt die Frau, die an seinem Bette stand, im Banne seiner ernsten, etwas strengen Augen. »Wollen Sie mir sagen, was unsrer Lazarettmutter fehlt?«

»Es ist nichts Ernstes – nur eine Erkältung,« antwortete die Frau. Ein Erröten stieg ihr vom Hals hinauf, lief über Wangen und Stirn. Ihre Augen bekamen, während sie Rolfers anschauten, einen hilflosen Blick, der zur Seite irrte, sich wieder auf ihn heftete und aufs neue zu flüchten versuchte. Tränen quollen empor, verhüllten die hoffnungslose Verwirrung gleichsam wie mit einem barmherzigen Schleier, bis sie langsam über die Wangen niedertropften.

»– Ja, Martha,« sagte der Mann sanft, »so steht es nun mit mir.«

Sie nahm hastig ihr Tuch und verhüllte ihr Gesicht.

»Komm, setze dich, es ist nicht gerade nötig, daß die Menschen auf uns merken. Ich bin ja nur einer von den vielen. Komm – Es ist lieb, daß das Wiedersehen dich so mitnimmt. Bei euch Frauen ist es wohl nicht anders ...«

Martha steckte ihr Tuch ein und setzte sich vorsichtig auf den Stuhl, den sie ein wenig von seinem Bette fortrückte. Sie blickte ihn mit ihren Augen, die etwas von klarem Wasser hatten und deren Ränder nun leicht gerötet waren, aufmerksam an. »Hast du viel Schmerzen gehabt?« fragte sie leise, und in ihrem Gesicht zuckte noch die Bewegung, die sie bei diesem unvermuteten Wiedersehen befallen hatte.

‘... Sie ist alt geworden,’ dachte er. ‘Merkwürdig, wie schnell das bei blonden Frauen geht. Wie die Züge sich verändern, alle festen Formen verlieren.’ – – »Ja, Schmerzen habe ich ordentlich gehabt,« sagte er laut. »Aber das ist ja gleichgültig. Das Schlimmste ist überstanden. – – Wie lebst du, Martha?«