Der Hunger wühlte und riß in den Eingeweiden, quälte die erschöpfte Phantasie mit sonderbaren Bildern. Die Not des Vaterlandes versank in trüben Nebeln. Hartnäckig stiegen alberne Vorstellungen auf. Rolfers’ Sehnsucht kreiste um ein lindes Leinenlaken, er beschäftigte sich mit einer Daunendecke von violetter Seide, kühl und zart anzufühlen, in die er einst nach anstrengender Bergbesteigung in dem Landhaus einer Freundin

die Glieder hatte hüllen dürfen. Er sah das Monogramm, das er einmal gezeichnet, in dem Überschlag, die Freiherrenkrone über den Buchstaben ... Schwerer roter Burgunder glühte in großen Kristallkelchen – immer hatte er eine Vorliebe gehabt für edles Kristall und alte Spitzen auf den Tischzeugen – er spürte den Geschmack des Weines auf der Zunge – Fasanenpastete reichte der Diener ... Er roch den feinen Duft der Trüffeln – widerlich, daß man von den dummen Erinnerungen nicht loskam ...

»Verflucht feine Klöße konnte meine Olle kochen,« hörte er eine brummige Stimme hinter sich ... »ick sage schon, wenn ick davon ’ne Schüssel hier hätte – mit Speckstippe ... Dunnerschlag ja ...!«

– – Franz Rolfers mußte lachen – laut und erlösend. Hatte er das Menschliche je so stark in seiner Macht erkannt?


Es kam keine große Schlacht für sie, keine der gewaltigen Taten mit Niederwerfung, Umklammerung, Vernichtung des Feindes – mit schmetternden Siegesfanfaren und brausenden Hurras auf den leichenübersäten Feldern.

Das war andern Kameraden beschieden, nicht gerade seinem Regiment. Lange bekamen sie keinen Feind zu Gesicht. Doch auch über ihren Köpfen vernahmen sie die kleinen Vögel, die so seltsam fein und scharf sangen, wenn man sie am Ohr vorüberfliegen hörte ... Hier – dort streckte einer den Arm in die Luft, taumelte ein paar Schritte vorwärts – sank in sich zusammen.


Die erste Zeit im Schützengraben ... Strenges Verbot zu feuern, nachdem einige der in den Gräben vor dem ihren liegenden Kameraden getroffen worden waren. Untätiges

Liegen. – Warten. – Tage und Nächte hindurch. Die Granaten krachten, platzten, rissen lebendige Menschen zu einem Klumpen von Blut, Fleischfetzen, zuckenden Gliedmaßen zusammen. Knattern, Sausen, Brüllen, Dröhnen, Donnern – die Luft auf Meilen ringsum von Getöse erfüllt. Ein Heulen in letzter Todesqual – Angstgekreisch aus rasenden Schmerzen – obszöne Scherze – krampfiges Gelächter – betende Hilferufe, abgelöst von starrem Schweigen hinter zusammengebissenen Zähnen, während die Granaten in ihren Reihen wüteten in der stockrabenschwarzen Finsternis. Rolfers lag, wie die Nachbarn, das Gesicht in den nassen Lehm gedrückt, den Tornister zum Schutz auf den Nacken gerückt. Plötzlich fühlte er sich erwachen, nachdem er wie in einem tiefen Schlund untergesunken – erkannte, daß er geschlafen hatte, mitten im Tosen und Krachen der explodierenden Geschosse.