Mein Herz blutet für ihn.

In kürzeren Darstellungen des Lebens unsres Erfinders, in Lesebuchstücken und Lexikonartikeln finden wir Dr. Roebuck fast ausnahmslos mit schnödem Undank behandelt. Es heißt da, Watt habe sich mit einem Industriellen namens Roebuck verbunden, der Mann habe aber bald Bankrott gemacht und Watt hätte Mühe gehabt, aus dem Schiffbruch des Kapitalisten auch nur sein nacktes Patent zu retten. Roebuck gehört aber nicht nur selber unter die Erfinder, sondern auch unter die großen Männer der Tat. Das gleiche Nachschlagewerk, das ihm nicht einmal ein besonderes Artikelchen widmet, muß Roebuck in der Liste der Erfinder und Entdecker bringen. Mitten unter den stolzesten Namen des 18. Jahrhunderts befindet sich auch der seine als des Erfinders der Schwefelsäurefabrikation in Bleikammern. Der Schilderer des Lebens so vieler berühmter englischer Ingenieure und Erfinder, Samuel Smiles, verzeichnet in einem Buche spöttisch das gleiche, was wir hier tadelten. In der zu Glasgow erschienenen »Cyclopedia of Biography«, einem biographischen Nachschlagewerke, heißt es nämlich von Roebuck: »Roebuck, John, ein Arzt und Experimentalchemiker, geboren 1718 zu Sheffield; starb, nachdem er sich durch seine Projekte selber ruiniert hatte, 1794.« Das ist alles! Als Sohn eines Messerfabrikanten in der Stadt Sheffield, fühlte sich der junge Roebuck unwiderstehlich zu wissenschaftlichen Studien hingezogen. Er studierte Medizin und Chemie, war in Edinburg mit keinem Geringeren als Hume befreundet, erwarb in Leiden den Doktortitel und ließ sich in Birmingham als Arzt nieder. Hier wurde er auf die Dürftigkeit der Materialien und Methoden in der Birminghamer Metallfabrikation aufmerksam und machte sich daran, ein neues Eisenschmelzverfahren zu erfinden. Dies gelang ihm unter Verwendung der Steinkohle statt der Holzkohle. Ferner ersann er andre Verfahren zur Reindarstellung von Gold und Silber. Auch verdanken wir ihm vorteilhaftere Verfahren zur Gewinnung verschiedener Chemikalien, insbesondere die schon erwähnte Herstellung von Schwefelsäure in Bleikammern in großen Mengen, während sie bis dahin nur in kleinen Mengen in Glasgefäßen hatte gewonnen werden können. In Schottland errichtete er 1749 eine glänzend rentierende Schwefelsäurefabrik. Und dort schuf er auch bei Prestonpans eine Porzellan- und Tonwarenfabrik. Von seinen Erfolgen verleitet, wohl auch von dem edlen Ehrgeiz befangen, dem Lande nützliche Industrien zuzuführen, errichtete Roebuck mit Heranziehung des Geldes von Verwandten und Freunden am Carronflusse ein großes Eisenwerk, das erste in Schottland. Geschickte Werkleute, Gießer und Schmiede wurden aus England herübergeholt, und 1760 der erste Hochofen angeblasen. Roebuck leistete gleichzeitig als Erfinder, der immer neue Patente entnahm, und als Geschäftsmann in vielseitigster Tätigkeit Hervorragendes. Die Carronwerke erlangten Berühmtheit. Die Beförderung der neuen Industrieerzeugnisse erzwang geradezu neue Verkehrswege. Daher begann in den nächsten Jahrzehnten der Bau oder die Vermessung verschiedener Kanäle. Das waren Arbeiten, bei denen auch Watt einige Jahre sein Brod fand, so daß schon hier Roebuck im Grunde vorteilhaft in Watts Leben eingriff. Roebuck machte sich aber auch daran, die reichen Kohlenlager in Schottland auszubeuten. Immer neue Kapitalien wurden in aussichtsreiche Unternehmungen gesteckt, bis auf einmal, ehe noch die Unternehmungen Früchte trugen, das Geld knapp wurde und Roebuck Konkurs machte. Doch eilen wir dem Verlauf der Dinge nicht vor. Roebuck brauchte für seine Kohlenschächte zur Herausschaffung der Grubenwasser leistungsfähigere Maschinen, als es die Newcomenschen waren. Black, der Chemiker, machte ihn auf seinen jungen Freund Watt aufmerksam, der da eben eine neue, vielversprechende Erfindung gemacht habe. Das Prinzip dieser neuen Schöpfung mußte einem erfinderischen Kopfe wie Roebuck schnell einleuchten. Er übernahm daher die Deckung der Schulden, die Watt bisher für seine Versuche gemacht hatte. Daß sie sich auf 20000 Mark beliefen, möchte ich nicht glauben, obwohl alle einschlägigen Schriftsteller das nachbeten. Wahrscheinlich ist in dieser Summe gleichzeitig eine Vergütung für Watt einbegriffen gewesen. Roebuck machte sich ferner anheischig, die Kapitalien für fernere Versuche aufzubringen. Dafür sollte er ⅔ des Gewinns von dem Bau der Maschine erhalten. Um seinen Kohlenbergwerken nahe zu sein, hatte Roebuck den Edelsitz Kinneil House am Firth of Forth, der früher dem Herzog von Hamilton gehörte, bezogen. In dessen Nähe baute Watt in ziemlicher Heimlichkeit eine kleinere Maschine, an der aber bald dies, bald jenes mißriet. Während das den Mut Watts stets sinken ließ, regte es Roebucks Tatkraft nur zur Weiterarbeit an. Wohl nicht ohne Berechtigung mag Roebucks Gattin die Äußerung getan haben, ohne Roebuck würde Watt selber seine Erfindung aufgegeben haben. Nicht am Prinzip, sondern an der noch mangelhaften Technik der Zylinderherstellung und der feineren Mechanikerarbeiten sowie am Fehlen geschulter Arbeiter lag die Schuld. Watt konnte nicht immer zugegen sein; war er aber abwesend, dann ging alles verkehrt, und man mußte hernach die Arbeit von neuem anfangen. Daß die Maschine Geld brachte, daran war für die nächste Zeit nicht zu denken. So mußte sich denn Watt entschließen, von seiner Kenntnis der Meßinstrumente und der Mathematik Gebrauch zu machen: er wurde Zivilingenieur und Geometer, der teils Vermessungsarbeiten für die Kanalgesellschaften, teils Ingenieurarbeiten für Glasgow und die Nachbarorte übernahm. Nach seinen Entwürfen wurde z. B. die Clydebrücke bei Hamilton gebaut. Auch Hafenanlagen, Krane und was ihm sonst der Zufall an ähnlichen Aufträgen brachte, führte er aus. Dazwischen wurde langsam an der Maschine weitergearbeitet.

Der Kanalbauten wegen mußte Watt 1767 nach London reisen, um dort vom Parlament gewisse Genehmigungen zu erlangen. Aber er wußte weder die Arbeiter, die seinem Befehle unterstanden, noch die hartgesottenen Politiker des Parlamentes richtig zu behandeln. Er konnte wohl die Natur bemeistern, indem er ihre schwache Seite herausfand. Aber Menschen zu meistern, war ihm, dem feinen Kopf und Verächter des Gemeinen, nicht gegeben. Er haßte Geschäftsverhandlungen und wollte lieber — wie er schrieb — vor eine geladene Kanone treten als eine Rechnung aufsetzen oder einen Handel abschließen, für den er verantwortlich war. Wohl erreichte er sein Ziel in der britischen Hauptstadt; aber bezeichnend ist, was er über die Parlamentarier äußerte: er habe nie eine größere Menge fauler Köpfe (wrongheaded men) beisammen gesehen. Das stimmt überein mit dem, was ein andrer Schotte, der berühmte »Schmieder der Volkswirtschaftslehre« Adam Smith, sagt: der Politiker sei ein »insidious animal«, ein hinterhaltiges Tier. Aber mit dem verwünschten Parlament mußte Watt bereits im nächsten Jahre wieder in Verbindung treten; es galt, ein Patent auf seine Maschine zu erwirken. Es wäre ein Wunder, wenn wir nicht aus dieser Zeit Klagen über Zeitverlust durch bequemes Beamtentum hätten. Kopfschmerzen und schlaflose Nächte brachten Watt in eine verzweifelte Stimmung, aber Roebuck drängte zur Weiterarbeit. Eine leistungsfähigere Maschine war ja der Bergwerkindustrie nötig wie das liebe Brot. Auf der Heimkehr von London hatte Watt die erste Begegnung mit dem Metallwarenfabrikanten Boulton in Soho, dessen Fabrik er schon im vorhergehenden Jahre als einen großen, gut geleiteten, siebenhundert Arbeiter zählenden Betrieb kennen gelernt hatte. Schon seit einiger Zeit bearbeitete nämlich Watt seinen Freund Dr. Small, daß dieser den ihm eng befreundeten, weitschauenden und sehr begabten Boulton für seine Maschine gewinnen möge. Boulton wurde durch Watts Wesen von vornherein eingenommen, aber es dauerte doch noch ein halbes Dutzend Jahre, ehe er der Wattschen Erfindung auch mit Kapital näher trat. Mittlerweile tröstete Small, ein ausgezeichneter Mann, den Erfinder brieflich: er hoffte immer noch mit einem Feuerwagen Wattscher Herkunft fahren zu können. Daß Watt sich nach einem andern Kapitalisten umsah, hing mit Roebucks plötzlich sehr mißlich gewordenen Vermögensverhältnissen zusammen. Es war überhaupt eine Zeit schlechten Geschäftsganges. Daher bei Boulton keine Lust zu neuen Unternehmungen, bei Roebuck aber Geldschwierigkeiten, die so groß wurden, daß er nicht einmal mehr die Kosten für die Patententnahme 1769 aufbringen konnte. Wenn Black nicht die Summe vorgeschossen hätte, wäre Watt übel daran gewesen. Und dann fielen wieder neue Versuche mit der Maschine in Kinneil House nicht befriedigend aus, wiederum ein Grund für Boulton zurückzuhalten. Watt geriet in eine verzweifelte Stimmung. Doch ein Trost war es, daß wenigstens im vorhergehenden Jahre, 1769, das Patent gesichert war, im gleichen Jahre mit Arkwrights Patent auf die durch Wasserkraft getriebene Garnspinnmaschine.

Abb. 14. Faksimile von Watts Handschrift: Vorschlag des Schraubenpropellers. (Nach Muirhead.)

Im Jahre 1770 schickte Watt Zeichnungen der in Kinneil House errichteten Maschine nach Soho. Boulton wollte dort, wo bessere Werkleute und besseres Material zur Verfügung standen, einen Versuch mit dem Bau einer Wattschen Maschine machen. Damals trug sich Boulton mit dem Gedanken, auf einem bei Birmingham vorbeiführenden Kanal die Boote durch Dampfmaschinen befördern zu lassen. Small schrieb Watt von diesem Plane. Watt schlug in seinem Antwortschreiben vor, Spiralruder anzuwenden. So haben wir eigentlich schon bei Watt den Schraubenpropeller ([Abb. 14]), als dessen Erfinder Ressel gilt, obwohl die Idee sogar schon vor Watt vertreten war. Man würde irren, wenn man glaubte, der Erfinder habe sich damals nur mit der Dampfmaschine beschäftigt. Seine Vermessungsarbeiten führten ihn auf mancherlei Verbesserungen der Nivellierinstrumente und auf neue Erfindungen auch auf diesem Gebiete. Dazwischen gab es gelegentlich chemische Versuche. Black und Roebuck, mit denen Watt damals verkehrte, waren ja beide Chemiker. Freilich kamen dann auch ganze Monate, in denen Watt froh war, sein Tagewerk bei Schnee und Regen, in Schmutz und Sturm, voll Ärger über Arbeiter und Unternehmer hinter sich zu haben. Aber gesundheitlich bekam ihm der Aufenthalt im Freien nicht schlecht. Dafür war er wieder wochenlang von seinen Lieben getrennt, und nachts zehrte die Sorge: er wurde grau, ohne für Weib und Kind Ersparnisse gemacht zu haben. Infolge der großen Geldschwierigkeiten, in die Roebuck geraten war, stockte auch die Weiterentwicklung der Maschine. Watt verdiente damals bei den Vermessungsarbeiten am Monklandkanal, wo er hundert Mann unter sich hatte, 4000 Mark im Jahre. Auch war er bei einer Töpferei beteiligt, die nach seiner eignen Äußerung scheußlich schlechte Ware erzeugte, aber doch blühte. — Freilich dauerte die Herrlichkeit nicht lange, denn schon das nächste Jahr (1772) brachte wieder eine Geschäftskrise. Die Kanalarbeiten stockten, und Watt wurde entlassen. Aber er fand bald wieder Arbeit am Kaledonischen Kanal, der freilich erst ein Menschenalter später fertig wurde. Die späteren Ingenieure benutzten dabei noch Watts als vorzüglich anerkannte Geländeaufnahmen. In diesem Jahre traf ein harter Schlag unsern Erfinder. Durch die Krankheit seiner Frau wurde er plötzlich von seinen Arbeiten abgerufen. Daheim fand er eine Tote. In einem Briefe schildert er, wie er damals beim Betreten seines Hauses allen Mut zusammennehmen mußte, wenn ihm nicht mehr, wie früher, die treue, bewährte Lebensgefährtin entgegenkam, die nur seine Sorgen und Mühen, nicht seinen Sieg miterlebte....

Der finanzielle Zusammenbruch Roebucks war die Ursache, daß Boulton sich entschloß, der Wattschen Erfindung auch als Teilhaber näher zu treten. Roebuck hatte das Vermögen seiner Frau und seiner Verwandten herangezogen, um seine weitangelegten, riesigen Unternehmungen über Wasser zu halten. Der Zusammenbruch verschlang alles. Von der Höhe einer glänzenden und für das Gemeinwohl hoch verdienstlichen Laufbahn stürzte der gewaltige Mann in die Tiefe. Unbeachtet und zurückgezogen lebte er noch bis 1794. Wie schmerzlich muß es wohl für ihn gewesen sein zu sehen, daß er eine Erfindung in der Hand gehabt hatte, die später so glänzende Einnahmen erzielte! Watt gibt Roebuck das Zeugnis, daß er ohne ihn unter seiner Last zusammengebrochen wäre. »Mein Herz blutet für ihn,« schrieb er einem Freunde, »aber ich kann nichts für ihn tun; ich habe lange bei ihm ausgehalten, die Pflicht für meine Familie zwingt mich, nach einem andern Unternehmer mich umzutun.«


Boulton.