Den Vater haben wir schon als ungemein rührigen, vom Vertrauen seiner Mitbürger getragenen Mann kennen gelernt. Die Mutter des Erfinders wird als unübertreffliche Frau von großem Liebreiz, mit trefflichen Gaben des Geistes und des Gemütes geschildert. Sie entstammte einer Familie Muirhead, die zu Professorenkreisen gehörte; ein Professor Muirhead, Verwandter von Watts Mutter, war durch eine Homerausgabe berühmt. Von fünf Kindern starben drei in frühester Jugend, ein Bruder Watts, der auf einem Schiffe seines Vaters nach Amerika fuhr, fand bei Sturm auf hoher See den Untergang. Für das Verhältnis des einzig überlebenden Sohnes James zu seiner Mutter ist es bezeichnend, daß sie in ihm alles fand, was sie von einer Tochter Liebes hätte erwarten dürfen. Denn Watt war ein außerordentlich schwächliches Kind und gedieh nur dank sorgsamster Pflege. So wurde er eben ein Muttersöhnchen. Und weil er infolge häufiger Kränklichkeit und oft wochenlangen Kopfschmerzes nicht mit den übrigen Knaben mittun, nicht mit ihnen an den Ufern des Clyde herumspielen oder Entdeckungs- und Räuberfahrten in die Umgebung machen konnte, im Gegenteil wegen seiner Schwächlichkeit dem Spott und der Roheit der stärkeren Jungen ausgesetzt war, so mußte sich das ganze Wesen dieses Kindes nach innen entfalten und Anschluß bei der Mutter suchen. Erinnern wir uns hier, daß die alten Völker, die schwächliche Kinder einfach beseitigten, sich gerade dadurch oft der besten, nämlich der geistigsten, Kräfte beraubten! Ein Kepler, ein Newton, ein Watt wären im alten Sparta Kinder des Todes gewesen.

Ein hübscher Zufall wollte es, daß der wohl größte Techniker seiner Zeit fast in der gleichen Woche wie der wohl größte Mathematiker der gleichen Epoche zur Welt kam. Lagrange wurde am 25. Januar 1736 zu Turin geboren, Watt am 19. oder 31. Januar dieses Jahres zu Greenock am Clydeflusse. In allen Biographien Watts findet man als Geburtsdatum den 19. Januar angegeben. Das muß aber auf einem mit rührender Treue immer wieder nachgeschriebenen Irrtum beruhen, vielleicht dadurch veranlaßt, daß Watt am 19. August des Jahres 1819 starb. Er selbst schreibt am 31. Januar 1770 an seinen Freund Dr. Small in Birmingham: »Ich trat heute (to-day) in das 35. Jahr meines Lebens und ich glaube, ich habe noch nicht für 35 Pfennig Gutes auf der Welt getan, aber ich kann's nicht ändern.« Hier bezeichnet also Watt den 31. Januar als seinen Geburtstag. Aber ob so oder so, es sind nur wenige Tage Unterschied vom Geburtstage des großen französischen Mathematikers. Im Mannesstamm sind die Familien Watt und Lagrange heute ausgestorben.

Allerhand Anekdoten werden von der Frühreife des späteren Erfinders überliefert. Dabei ist zu beachten, daß selbst Personen, wie der französische Naturforscher Arago, sie ohne Zweifelsbekundung wiedergeben und von Watts Sohne selber Berichte empfingen oder empfangen konnten. Von der Mutter im Lesen, vom Vater im Schreiben und, den Familientraditionen entsprechend, früh in Mathematik unterrichtet, soll er bereits als Sechsjähriger über geometrischen Aufgaben gesessen haben. Mit einem Stück Kreide in der Hand stand er am Herde, als ein Bekannter seines Vaters zu diesem äußerte, er solle doch den Knaben in die Schule schicken, statt ihn zu Hause seine Zeit vertrödeln zu lassen. »Sehen Sie erst, was der Junge macht,« versetzte der Vater, »bevor Sie ihn verurteilen.« Klein-Jamie befaßte sich gerade mit einer geometrischen Aufgabe. Ein andermal tadelte ihn seine Tante mütterlicherseits, weil er seit einer Stunde, ohne ein Wort zu sprechen und ohne ein nützliches Buch zur Hand zu nehmen, am Teekessel spielte, indem er über die Mündung bald einen Löffel, bald eine Tasse hielt und die Tropfen zählte, die sich bildeten. Während Arago in seiner Wattbiographie dies jugendliche Experiment als eine Vorbereitung zu späteren Dampfbändigungstaten darstellt, hat Watt selber jedenfalls in seinen Auslassungen über die ersten Anregungen zum Studium der Dampfmaschine nichts von solchen Kindheitserinnerungen erwähnt, und dies Schweigen scheint mir gegen die Anekdote zu sprechen. Auch Smiles mißt in seiner großen Biographie »Boulton und Watt« der Anekdote keine Bedeutung bei. Von außerordentlicher Tragweite war dagegen der Umstand, daß Watt neben und in einer Werkstatt aufwuchs, wo er die Handhabung aller möglichen Geräte kennen lernte, die Zimmerleute und Mechaniker bei ihrer Arbeit sah und selber von klein auf bosselte und drechselte. Die Werkleute seines Vaters sagten von ihm, er habe ein Vermögen in seinen Fingern. Schon in frühester Kindheit also beginnt bei ihm die Vorbereitung für den späteren Beruf eines Mechanikers, und wir können uns hier erinnern, daß einem Heinrich Hertz, einem Philipp Reis und Grafen Zeppelin die früh erworbene Geschicklichkeit der Hand und Fertigkeit im Drechseln und Bosseln für ihre Erfindungen von großem Nutzen gewesen ist. Regelmäßigen Schulunterricht empfing Watt vor dem vierzehnten Jahre nicht. Teils war seine Kränklichkeit die Ursache, teils wohl auch der Wille des Vaters, der sich sagen mochte, daß der schwächliche Junge von mechanischen Arbeiten gleichen Nutzen für den Körper wie für den Geist haben würde. Soweit aber James die Schule besuchte, erwies er sich als unter dem Durchschnitt, als dumm und hinter seinen Jahren zurückgeblieben. Das änderte sich erst, als er in die Mathematikklasse kam, wo er sich bald auszeichnete. Wir haben hier also ein neues Beispiel zu der langen Reihe berühmter Forscher und Erfinder, die auf der Schule sehr geringe Erwartungen weckten und später durch ihr Leben und Wirken glänzend enttäuschten: Robert Mayer, Darwin, Gustav Jäger, Liebig, Berzelius, Linné, Bessel, Alexander v. Humboldt, Werner Siemens, Riggenbach, List, Thaer u. a. Der gleiche Knabe, der seinen Lehrern so schwerfällig und zurückgeblieben erschien, konnte Erwachsene durch seine frei erfundenen Erzählungen stundenlang in höchste Spannung versetzen. Man kann als sicher annehmen, daß Watt, als Sohn eines Geistlichen und infolgedessen zuerst vorwiegend mit Literatur und Sprachen genährt, wohl einer der fruchtbarsten Dichter Schottlands geworden wäre. Ehe er vierzehn Jahre zählte, brachte ihn seine Mutter Luftwechsels wegen zu Verwandten nach Glasgow. Damals war es ein kleines Universitätsstädtchen, das noch keinen einzigen großen Fabrikschornstein kannte. Jeden Abend vor dem Schlafengehen begann Jung-Jamie seine Tante in ein Gespräch zu verwickeln, in dessen Verlaufe er eine Geschichte nach der andern, fröhlichen oder gruseligen Inhalts, erzählte, während die ganze Familie auf den jedesmaligen Ausgang gespannt war. So verstrichen die Stunden, und die gute Tante kam nicht mehr zu genügendem Schlafe, so daß sie den Jungen nach Greenock zurückbrachte, um die Ordnung ihres Lebens wieder ins Geleise zu bringen. An der Glaubhaftigkeit dieser Anekdote dürfte um deswillen nicht zu rütteln sein, weil auch Walter Scott aus eigner Beobachtung und von Hörensagen wußte, daß noch der hoch betagte Erfinder ein Meister in selbsterfundenen Geschichten war. Als er in hohem Alter in Gesellschaft eines Tages den Faden seiner frei erfundenen Erzählung nicht schnell genug weiterspinnen konnte, vielmehr durch reichliche Griffe in die Schnupftabaksdose Kunstpausen erzielte und dadurch die Frage veranlaßte, ob er heute etwa eine von ihm selbst erfundene Geschichte berichte, soll er geantwortet haben: »Diese Frage setzt mich in Erstaunen. Seit vielen Jahren verbringe ich meine Abende in ihrer Gesellschaft und tue nichts anderes.« Wir haben also sowohl aus der Jugend wie aus dem Alter die gut bezeugte Überlieferung, daß Watt einen unerschöpflichen Phantasiereichtum, eine seltene Gabe für packende, anschauliche Erzählungen besaß. Der große Mechaniker war auch ein hochbegabter Poet, und seine Briefe, fast die einzigen von ihm erhaltenen Schriftstücke literarischen Charakters, bestätigen diese Behauptung, denn Watts Sprache verrät einen wahren Bilderreichtum.

Doch verfolgen wir den Gang seiner weiteren Schulbildung. Von der Handelsschule, die er bis zu seinem vierzehnten Jahre mit reichlichen Unterbrechungen besuchte, kam er in die Latein- oder Grammarschule. Dort machte er gute Fortschritte in Latein und Griechisch, noch bessere aber in Mathematik. In diesem Fache war er der Beste. Zu Hause wurde Zeichnen, Schnitzen, Konstruieren geübt; Jamie besserte Kompasse, Quadranten und sonstige Schiffsinstrumente aus. Watts ganze Denkrichtung hatte sich durch den Mangel an körperlicher Betätigung früh von den Trieben der gleichaltrigen Jugend abzweigen müssen. Vater, Mutter und gute Bücher bildeten den hauptsächlichen Umgang. Und da der Umgang mit Büchern immer auch ein Umgang mit den Menschen ist, die diese Bücher schrieben, so wuchs eben Jamie in der besten Gesellschaft auf, die damals in Greenock zu haben war. Unterhaltungslektüre, Balladen und Geschichten las er so oft, bis er die besten Sachen auswendig wußte.

In die Jugendzeit Watts fiel das letzte Aufflackern der schottischen Rebellion gegen die britische Herrschaft. Bis in die unmittelbare Nähe von Greenock kam eine Streifschar wilder Bewohner der Hochlande. So lernte der Knabe denn die Aufregungen des Krieges, die ihm aus vielen Erzählungen bekannt waren, auch aus dem unmittelbaren Erleben in der engeren Heimat kennen. Aber mehr fesselten ihn doch Instrumente und Maschinen, deren Geheimnis zu enträtseln er keine Ruhe hatte. Wir erfahren, daß er vor Vollendung des fünfzehnten Jahres mit größter Aufmerksamkeit bereits zweimal die Elemente der Naturphilosophie, wir würden sagen der Naturwissenschaft, von 's Gravesande durchgegangen hatte. Das Buch gehörte seinem Vater und ist vermutlich das große zweibändige Werk 's Gravesandes, betitelt »Physices Elementa Mathematica experimentis confirmata«, das 1720 erschien, und von dem mir eine vierte Auflage aus dem Jahre 1748 vorliegt, also aus einem Jahre, da Watt 12 Winter zählte. Dies Werk ist lateinisch geschrieben, mit schönen großen lateinischen Typen gedruckt und so reich mit Kupferstichen ausgestattet, wie man es heute kaum bei einem wissenschaftlichen Werke findet. Selbst wenn Watt aus der englischen Ausgabe in englischer Übersetzung gelernt haben sollte, so dürfte doch anzunehmen sein, daß auch diese die Gesetze der Mechanik, des Luft- und Dampfdruckes, des Lichtes, der Elektrizität usw. mit reichlichen Illustrationen erläutert hat. Vergegenwärtigen wir uns überhaupt einmal, welcherlei naturwissenschaftlich wichtige Tatsachen als Neufunde in den Gesichtskreis des jungen Watt getreten sein mögen, um uns ein Bild der damaligen Zeit in wissenschaftlicher Hinsicht zu machen! Das Werk 's Gravesandes selbst veranschaulicht uns auf das lebhafteste, mit welchem Anteil man der Zusammensetzung des weißen Lichtes aus den bunten Farben nachging, mit welchem Eifer man elektrische Versuche anstellte, wie man sich freute, einen luftleeren Raum herstellen zu können, nachdem das Mittelalter mit seinem Glauben an den Abscheu der Natur vor dem Leeren abgewirtschaftet hatte. Man lebte unter dem Eindruck eines glänzenden Aufschwungs der auf Versuche sich stützenden Forschung und der Mathematik. Die Zeit unmittelbar vor Watt war an naturwissenschaftlichen Entdeckungen vielleicht noch reicher als unsre eigene. Galilei hatte mit dem Fernrohr neue Welten am Firmament entdeckt, hatte den leichten Hauch, das Nichts, die Luft gewogen. Sein Schüler Torricelli maß den Luftdruck. Das Barometer wurde erfunden. Otto von Guericke hatte die Luftpumpe und die erste Elektrisiermaschine erdacht. Huygens konstruierte eine Pulverexplosionsmaschine, in der die Pulvergase einen luftverdünnten Raum erzeugten und der äußere Luftdruck verwendet wurde, durch die Maschine Wasser in die Höhe zu heben. Von da aus nahm die Geschichte der Dampfmaschine ihren Anfang. Newton hatte Versuche über die Zusammensetzung des Lichtes angestellt, das Gravitationsgesetz gefunden, die Infinitesimalrechnung geschaffen. Huygens bewies, daß das Licht eine Art Wellenbewegung sein müsse. Der Schotte und Landsmann Watts, Lord Napier von Merchiston, hatte die Logarithmen eingeführt und damit eine neue Art Hexerei gelehrt. Gerade auf den Gebieten der exakten Wissenschaften ist also das Jahrhundert vor Watts Geburt ein klassisches zu nennen. Aber man würde sich gewaltig irren, wenn man meinte, alle die hochinteressanten Dinge, die uns heute über das Leben der Tiere und Pflanzen, insbesondere über die Kleinlebewelt, über die Insekten und Polypen in ungezählten volkstümlichen Schriften dargeboten werden, seien jenem Zeitalter fremd geblieben. Hales hatte in England physiologische Versuche über das Leben der Pflanze veröffentlicht. Linné war fast zwei Jahrzehnte vor Watt geboren. Der ehemalige Angestellte eines Tuchgeschäftes Anton Leeuwenhoek hatte mit einem selbstgefertigten Kleinseher (Mikroskop nennt man es auf deutsch) die Welt der kleinen Ungeheuer im Wassertropfen entdeckt. Swammerdam lehrte den kunstvollen Bau eines Bienenleibes kennen. Als Watt acht Jahre alt war, gab der Genfer Trembley seinen Zeitgenossen die merkwürdige Entdeckung bekannt, daß der zentimetergroße Süßwasserpolyp sich Umstülpung und zehnfache Zerschneidung gefallen läßt, ohne daß sein Leben endet. Jedes Schnittstück wird sogar wieder ein ganzer Polyp. In die Kindheit Watts fällt die Herausgabe eines sechsbändigen Werkes über das Leben der Insekten, in dem der französische Physiker Réaumur, der gleiche, dem wir die bekannte Thermometerskala verdanken, die erstaunlichen Leistungen der Insekten im Weben und Spinnen, im Bauen und Zusammenarbeiten schildert. Und als Watt aus seinem 's Gravesande die damals noch mit dem ganzen Reiz der Neuheit verklärten elektrischen Versuche und Tatsachen kennen lernte, da dauerte es keine drei Jahre mehr, bis aus Amerika die Nachricht kam, dort habe einer den Beweis erbracht, der Blitz sei nur eine große elektrische Entladung — worüber sich die Londoner Königliche Gesellschaft der Wissenschaften pflichtschuldig erst lustig machte. Ja, so groß war im Anfang des 18. Jahrhunderts die Anteilnahme an den Naturwissenschaften, daß der Hamburger Dichter Brockes in seinen poetischen Werken, die er »Irdisches Vergnügen in Gott« betitelte, gar nicht so üble Verse auf allerhand physikalische, zoologische und sonstige Erscheinungen brachte, Verse, die man auch heute noch lesen kann. Ich wünschte, ich könnte dem Leser hier einen Begriff geben, mit wie zahlreichen belehrenden Abbildungen Werke damaliger Zeit ausgestattet waren, um glaubhaft zu machen, daß James, ein unersättlicher Leser in seiner Jugend, voll Interesse für Physik und Mechanik, für Botanik und Geologie, der lebhaftesten Anregungen selbst in dem weltentlegenen Greenock mit seinen Strohdächern nicht entbehrte. Und wenn der Fünfunddreißigjährige später einmal klagt, er habe noch nichts auf der Welt genützt, so wollen wir angesichts dieser Bekundung von Ehrgeiz nicht unerwähnt lassen, daß auch das Gerücht von andren als wissenschaftlichen Heldentaten an sein jugendliches Ohr drang: die Taten Friedrichs des Großen, des Philosophen auf dem Throne, der einen Voltaire, einen Lagrange in seine Umgebung berief und ein Kriegsheld ersten Ranges war.

Ein Genie ohne die Fähigkeit zum Alleinsein, ohne Hang zur Einsamkeit und Zwiesprache mit sich selbst, dürfte ein Widerspruch in sich sein. Daher wird uns auch von Watt berichtet, daß er gerne bei Nacht einsame Spaziergänge machte, Mond und Sterne beobachtete, ohne Begleitung ausgedehnte Streifzüge in die Umgebung unternahm, in einsame Täler und zu endlos sich streckenden Wasserflächen. Ein Sohn der Schmerzen, insonderheit des Kopfwehs von Jugend auf, las er auch gerne medizinische Bücher, wo er ihrer habhaft werden konnte, und zu seinem Sohne soll er später gesagt haben, er wäre Arzt geworden, hätte er sich fähig gefühlt, das Leiden der Kranken mitanzusehen. Bekanntlich kamen auch Darwin und Herder, beide Väter der Entwicklungslehre, dadurch vom medizinischen Studium ab, daß sie den Anblick der zu ihrer Zeit freilich noch entsetzlich blutig verlaufenden Operationen nicht ertragen konnten. Gerade weil aber für feinere Naturen das ärztliche Studium schwere Hindernisse bietet, will es mir um so unglaubhafter erscheinen, was durch Smiles und Arago, die beide aus bester Quelle schöpfen konnten, berichtet wird: Watt sei eines Tages dabei betroffen worden, wie er den Kopf eines an einer ungewöhnlichen Krankheit gestorbenen Kindes in sein Zimmer trug, um ihn zu sezieren. Dazu gehörten doch wohl nicht nur starke, sondern auch rohe Nerven. Das Fehlen näherer Einzelheiten, nach denen doch die Überlieferer dieser Nachricht hätten forschen müssen, macht die Sache höchst unglaubhaft. Zur Ehre Watts wollen wir annehmen, daß es eine auf Mißverständnis beruhende Anekdote ist. Wir wissen ja aus unsrer eignen Zeit, wie selbst berühmte lebende Forscher in wissenschaftlichen Nachschlagewerken tot oder als im Irrenhaus befindlich verzeichnet wurden; wir wissen, wie Unwahrheiten sich jahrzehntelang in wissenschaftlichen Werken trotz längst erfolgter Widerlegungen erhalten: da mag leicht auch über einen berühmten Mann des 18. Jahrhunderts eine unwahrscheinliche Anekdote vermeintlich zu seiner Ehre, in Wahrheit zu seinem Schaden in Umlauf gebracht worden sein. Es entspricht ein solcher Zug durchaus nicht dem Charakter des großen Erfinders. Watt war es ein unerträglicher Gedanke, daß andre Leute durch seine technischen Projekte sollten zu Schaden kommen; wie hätte er sich da auch nur im Geiste an einer Kindesleiche, an den Gefühlen der nichtsahnenden Eltern versündigen können, abgesehen davon, daß es früher selbst große Gelehrte Kämpfe gekostet hat, in den Besitz von Leichen zu gelangen. Auf diese Art sich Wissen zu verschaffen, stimmt auch nicht zum Wesen eines Mannes, der in seinen Kindertagen täglich im Hause auf die Bilder zweier solcher Geistesriesen zu schauen gewohnt war, wie Newtons und des Logarithmenschöpfers Lord Napiers.

Schon aus den bisher vorgetragenen Bemerkungen über wissenschaftliche und literarische Neigungen des jungen Watt dürfte hervorgehen, daß hier eine außerordentlich vielseitige geistige Beanlagung, ein höchst seltenes Beieinander verschiedenster Talente vorhanden war, die Hand geschickt zu feinsten Zeichnungen, zum Schnitzen, Bosseln und Drechseln, — der Verstand den mathematischen Naturwissenschaften zugewandt und gewachsen, — die Phantasie üppig sprudelnd wie die des fruchtbarsten Romanschriftstellers, — und ein Charakter, dem es vielleicht zur Empfehlung gereicht, daß er sich mit der übrigen Jugend nicht gemein machen konnte, sondern lieber für sich blieb. Wir haben Schilderungen, die den jungen Mann und den ehrwürdigen Greis im gleichen Sinne darstellen. Hier sei zunächst nur das Zeugnis Walter Scotts angeführt, von welcher reichen Vielseitigkeit Watt in seinen alten Tagen noch glänzende Proben ablegte. In der Vorrede zum »Kloster« äußert sich der schottische Romanschriftsteller folgendermaßen:

»Watt war nicht nur der tiefste Gelehrte und derjenige, der mit dem glücklichsten Erfolge aus gewissen Kombinationen von Zahlen und Kräften brauchbare Anwendungen gezogen hatte, er nahm nicht nur unter denen, die durch die Allgemeinheit ihrer Bildung sich auszeichnen, einen der ersten Plätze ein: er war auch der beste, der liebenswürdigste Mensch. Das einzige Mal, wo ich mit ihm zusammengetroffen bin, war er von einer kleinen Gesellschaft Gelehrter aus dem Norden umgeben.... Da sah und hörte ich, was ich niemals wieder sehen und hören werde. Der muntere, liebenswürdige, wohlwollende Greis von 81 Jahren nahm an allen Fragen einen lebhaften Anteil; seine Kenntnisse standen jedem zur Verfügung, der sie in Anspruch nahm. Er verbreitete über jeden Gegenstand die Schätze seiner Talente und seiner Einbildungskraft. Unter den Gentlemen befand sich ein gelehrter Philologe; Watt unterredete sich mit ihm über den Ursprung des Alphabets, als wenn er der Zeitgenosse des Kadmos gewesen wäre. Als ein berühmter Kunstrichter sich zu ihnen gesellte, hätte man behaupten mögen, daß der Greis sein ganzes Leben dem Studium der schönen Wissenschaften oder der Nationalökonomie gewidmet habe. Es würde überflüssig sein, die exakten Wissenschaften zu erwähnen: sie bildeten seine glänzende und spezielle Lebensaufgabe; wenn er indessen mit unserem Landsmann Jedediah Cleishbotham sprach, so hätte man darauf geschworen, daß er der Zeitgenosse Claverhouses und Burleys, der Verfolger und der Verfolgten, gewesen wäre; daß er wirklich genau die Flintenschüsse gezählt hätte, die die Dragoner auf die flüchtigen Covenanter abfeuerten. Wir entdeckten endlich, daß kein Roman von nur einigem Ruf ihm entgangen war, und daß die Leidenschaft des berühmten Gelehrten für diese Art von Schriften derjenigen an Lebhaftigkeit gleichkam, die sie einer jungen Putzmacherin von 18 Jahren einflößen.«

Indessen sollte sich doch diesem so reich beanlagten und verschwenderisch ausgestatteten Jüngling, dem Sohn eines der angesehensten und wohlhabendsten Bürger von Greenock, nicht die gelehrte Laufbahn öffnen. Watts Vater war durch kaufmännische Unternehmungen, durch den Verlust von Seeschiffen in seinen Vermögensverhältnissen zurückgekommen. Er mußte deshalb darauf Bedacht nehmen, den Sohn und dessen jüngeren Bruder bald etwas Praktisches lernen zu lassen. Die Aussicht, Professor der Mathematik oder Naturwissenschaft zu werden, war durch düstere finanzielle Wolken verhängt. Daher galt es, eine Wahl zu treffen, die der Forderung der angeborenen Neigungen und des praktischen Nutzens gleicherweise entsprach: Watt entschied sich für den Beruf eines mathematischen Instrumentenmachers, um als Feinmechaniker immer noch den Überlieferungen der Vorfahren, dem Geiste Newtons und Napiers, den Mahnungen ihrer Wandbilder, treu bleiben zu können. Wir kommen damit zu Watts Lehrjahren.