„O Weiber, Weiber“, nun Frithiof sagte,
„Das Erste, welches bei Loke tagte,
War eine Lüg', und in Weibsgestalt
Trat hin die Falsche zum Mann alsbald.
Mit blauen Augen, die stets berücken,
Mit falschen Thränen, die stets entzücken,
Die Wangen rosig, der Busen weiss,
Mit Treue schwindend wie Frühlingseis.
Es flüstern Falschheit und Trug im Herzen,
Meineide stets auf den Lippen scherzen,
Und theuer war mir die Falsche doch!
Wie theuer war sie! wie ist sie's noch!


In Menschenbrust ist die Falschheit nur —
Seit Ingborg's Stimme den Meineid schwur,


Ich treff' auch wohl in der Streiter Schwarm
Ein Bürschchen an mit verliebtem Harm;
Auf Treu' und Ehr' will der Narr noch bauen?
Aus Mitleid will ich ihn niederhauen;
Ich will ihm sparen, dereinst zu stehn
Beschimpft, verrathen, wie mir geschehn.“

Wir gewahren hier in Frithiof's Innerem denselben geistigen Process, welchen wir eben im Gemüthe Tegnér's beobachteten. Er verurtheilt nicht das einzelne Weib allein für ihre Untreue gegen ihn, sondern dehnt sein Verdammungsurtheil auf das ganze Geschlecht aus. „Das Weib ist eine Lüge,“ sagt er wie der Dichter in der „Melancholie“. Ein Narr ist der, welcher auf „Treu' und Ehre“ baut, das sind seine Worte hier wie dort. Die einzelne bittere Erfahrung dehnt sich bei Frithiof wie bei seinem Dichter aus zur Menschenverachtung und zum Lebensüberdruss. Kein Wunder, da sie noch näher als Vater und Sohn mit einander verwandt waren.

Von jetzt ab ist das Capitel von der Treulosigkeit des Weibes als Weib das stehende Capitel bei Tegnér. Seine Briefe variiren dieses Thema. Es ist ihm z. B. unmöglich eine gute oder schlechte Uebersetzung zu nennen ohne entweder zu bemerken, dass schöne Uebersetzungen wie schöne Frauen nicht immer die treuesten, oder dass Treue und Schönheit selten gute Freunde seien. Er kann nicht von dem Geschenk einer Frau sprechen ohne ihr Herz die schlimmste, die gefährlichste Gabe zu nennen, die sie geben könne. Die Frauen im allgemeinen betrachtet er jetzt wie eine Art „Geselligkeitsmaschinen oder Spieldosen, die recht artig klingen, wenn sie gehörig aufgezogen werden“. Was die Liebe betrifft, so sei sie eine solche Selbstmörderin, dass sie, sobald sie nicht vergeblich seufze, durch sich selber sterbe. Ueber Ingeborg schreibt er: „Ihre Treulosigkeit gegen ihren Liebhaber ist zwar schon durch die Natur des weiblichen Herzens motivirt, musste aber doch von einem Poeten, der sich gegen das schöne Geschlecht gern artig benimmt, auf irgend eine Weise vergoldet werden“. Ja so hartnäckig wurde nach und nach bei Tegnér diese Gewohnheit, das Weib als unzuverlässig und unstet zu schildern, dass er noch viele Jahre später, wenn er als Bischof seine Schulreden hielt, ausser Stande war, die Schuljungen mit seiner Theorie zu verschonen. In einer Rede von 1839 preist er die Knaben glücklich wegen des Reichthums an Hoffnungen, der ihrer Jugend gehört. Dann heisst es: „Die Hoffnung ist in allen mir bekannten Sprachen weiblichen Geschlechts und verleugnet auch nicht ihr Geschlecht. Es ist wahr, dass sie betrügt .... aber glaubt gern, glaubt lange an die schöne Betrügerin und drückt sie an Euer Herz“. Tegnér muss unleugbar von seiner Bitterkeit gegen die Frauen sehr erfüllt gewesen sein, um ihr bei einer so wenig schicklichen Gelegenheit, einem so wenig passenden Publikum gegenüber, Luft zu machen. Aber nicht diese einzelne leidenschaftliche Verstimmung allein kann von der Krise im Leben des Dichters datirt werden; von diesem Zeitpunkt ab beginnt überhaupt ein heftigerer, leidenschaftlicherer Ton in seinen Briefen und Poesien hervorzutreten. Es findet sich eine Shakespeareartig tragische Leidenschaft darin. Die Welt ist aus den Fugen, und wie soll sie durch Hamlet's Arm wieder in's Geleise gebracht werden können! Auf Ophelia verlässt er sich nicht mehr, sie gehe in ein Nonnenkloster, wenn sie sich rein bewahren will. Denn Schwachheit, dein Name ist Weib! Was ist das Leben? „Galgenfrist“. Und was ist die Weltgeschichte? „Hundetanz“. Ein widerliches Komödienspiel ist alles, was Hamlet rings um sich sieht und die Welt „eine gemalte Theaterdecoration mit papiernen Rosen und Opersonnenschein“. Er könnte wahnsinnig darüber werden, und er wird möglicherweise zuletzt darüber wahnsinnig; aber erst soll die Lüge und Jämmerlichkeit des Lebens ohne Gnade und ohne Schonung entlarvt werden.

Es liegt eine wilde Rücksichtslosigkeit über Tegnér's Briefen von 1825, die nie früher bei ihm gespürt wurde. Man frage ihn z. B. nach seinen Berufsgenossen, den Theologen? Sie sind „Hesekiel's Cherube mit Ochsenköpfen, doch ohne Flügel“. Und die Bischöfe? „Geborene oder gewordene Hinfällige“. Und der Apostel Paulus selbst? „Griechische Sophistik auf jüdische Rohheit geimpft“. Was sagt er über das Königthum? „Die Macht ist ebenso lächerlich wie abscheulich, wenn sie in die Hände der Trivialität, der Hilfslosigkeit, der Dummheit fällt — siehe den Staatskalender über Europa“. Und über die Vorsehung? „Die Vorsehung ist ein Begriff ohne jeglichen Halt. Ich weiss recht wohl, was Lessing und die anderen Deutschen behauptet haben, dass die Weltgeschichte das Staatsrathsprotokoll der Vorsehung sei; das ist ein hübsches Gedicht und ich könnte es wohl auch in Versen ausführen; aber nicht glaub' ich in Ernst daran“.

Mir ist es, als ob ich unter allen diesen verzweifelten Reden über Menschenwerth und Weibertreue, über Könige und Bischöfe, Christenthum und Geschichte einen Unterstrom rieseln hörte von dem ergreifenden Klagegesang der „Melancholie“:

Du, Wächter, sprich: Wie spät ist denn die Stunde?
Wird diese Nacht denn nie zu Ende gehn?
Es weicht und kehrt der Mond mit blut'ger Wunde,
Thränenden Aug's die Sterne niedersehn.