„Ihr habt wohl alle davon gehört, dass Henrik Wergeland eine Zeit lang in seinem Leben mit den Taschen voll Baumsamen ging, ab und zu auf seinen Spaziergängen eine Handvoll auswarf und seine Kameraden überreden wollte, dasselbe zu thun, da Niemand wissen könne, was daraus aufgehen werde. Dies ist ein so treuherziger und rührend poetischer Zug von Vaterlandsliebe, dass es auf der Höhe des besten steht, was er geschrieben hat“.

Was hier von Wergeland in buchstäblichem Sinne erzählt wird, das kann in höherem Sinne von Björnson gesagt werden. Er ist der grosse Säemann Norwegens. Das Land ist ein Felsenland; steinig, wild und kahl. Die Saat fällt auf felsigen Boden und manch' ein Samenkorn wird von dem Winde verweht; wo aber Erdreich ist, da ist es empfänglich; die Aussaat ist reich, und Björnson fährt unermüdlich in seinem Wirken fort. Sehr vieles von seiner Saat ist schon aufgegangen, und er denkt bei seiner Arbeit nicht an das jetzt lebende Geschlecht allein.

Das Capitel, womit Björnson „Arne“ und damit die Gesammtausgabe seiner Novellen eröffnet, enthält bekanntlich das Märchen von den Bäumen und dem Haidekraut, die den vor ihnen liegenden nackten Felsen zu bekleiden beschliessen. Nicht umsonst hat Björnson der chronologischen Ordnung seiner Erzählungen Abbruch gethan, um dies Capitel an die Spitze stellen zu können. Es drückt den Grundgedanken seines Lebens aus, den, sein Land zu bebauen, zu civilisiren. Darauf beruht es, dass er, der eine so feine und zarte Poesie zu dichten vermag, sich nicht für die gröbste Arbeit, diejenige des Journalisten und Volksredners zu gut hält, wenn es gilt, durch Bekämpfung eines Vorurtheils oder Irrthums, durch Verbreitung einer einfachen, aber noch unerkannten Wahrheit — oder dessen, was ihm als solche erscheint — die sittliche und politische Erziehung des norwegischen Volkes zu fördern. Er hat sich nie als blosen Dichter betrachtet. Er hat seine Sendung frühe im weitesten Sinne aufgefasst.

I.

Man braucht nur einen Blick auf Björnson zu richten, um sich zu überzeugen, wie vorzüglich er von der Natur für den heissen Kampf gerüstet wurde, den das litterarische Leben in der Regel mit sich führt. Man sieht nicht oft eine so kraftvolle Gestalt, wie geschaffen in Granit gehauen zu werden. Es gibt vielleicht keine Arbeit, die so wie die schriftstellerische Thätigkeit alle Lebensgeister erregt, die Sinne angreift, das Nervensystem verfeinert und schwächt. Es war aber keine Gefahr vorhanden, dass die Anstrengungen der dichterischen Erzeugung sich bei ihm wie bei Schiller auf die Lungen, oder wie bei Heine auf den Rücken schlagen könnten; es war nicht zu fürchten, dass feindselige Artikel jemals ihm, wie der Hauptperson Halfdan in seinem Drama „Der Redacteur“ den Tod gäben. Dem Mark dieses Rückens gebrach nichts; in diesen Lungen fand sich kein Staub und sie kannten keinen Husten; diese Schultern waren geschaffen, die Stösse, welche die Welt gibt, unerschüttert zu ertragen und sie zurückzugeben. Und die Nerven! Wenn Björnson durch eigene Erfahrung begriffen hat, was man unter Nerven versteht — und es ist wahrscheinlich, denn man ist nicht ungestraft Kind seines Jahrhunderts — so ist er wenigstens als Dichter nie nervös, nicht wenn er fein, nicht einmal wenn er empfindsam ist.

Er hat nichts von jener Ueberverfeinerung, die ein leichter Grad von Krankhaftigkeit und Müdigkeit mittheilt.

Stark wie das Raubthier, dessen Name zweimal in seinem Namen vorkommt[42], steigt er vor der Erinnerung auf mit dem mächtigen Kopf, dem festgeschlossenen Mund und dem scharfen Blick hinter der Brille. Sein Aeusseres verräth den Pfarrerssohn, Stimme, Mienenspiel und Handbewegungen deuten auf eine schauspielerische Begabung, wie sie oft bei Dichtern vorkommt, wenn auch selten in so ausgesprochener Weise. Litterarische Feindschaften würden unmöglich diesen Mann zu Boden werfen können und für ihn existirte nie die grösste Gefahr für den Schriftsteller (eine Gefahr, die mehrere Jahre lang sogar seinem grossen Nebenbuhler Henrik Ibsen drohte), dass sein Name todt geschwiegen werde. Er trat schon als ganz junger Schriftsteller (als Theaterrecensent und Politiker) so kampfeslustig in die Litteratur hinein, dass dröhnender Lärm um ihn entstand, wo er sich zeigte. Er hatte wie sein Thorbjörn in „Synnöve Solbakken“ die Rauflust des Starken, aber er stritt wie sein Sigurd in „Sigurd's Flucht“ nicht allein um seine Kräfte zu üben, sondern aus naiver, lebendiger, freilich oft irrender Gerechtigkeitsliebe. Er verstand es jedenfalls von Grund aus die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Damit soll nur gesagt sein, dass er bei seinem sanguinischen, sonnigheiteren Wesen, sich im vollen Tageslicht des Lebens wohl fühlte. Von der Lichtscheu, die ein so häufiger Temperaments- oder Charakterzug bei zurückhaltenderen Naturen, welche stets etwas zu überwinden haben, wenn sie körperlich oder geistig ihre Persönlichkeiten zur Schau stellen müssen, hatte er nichts. Ibsen hat in seinem Gedichte „Lichtscheu“ dieses Gefühl geschildert:

Nun schlagen des Tages Fratzen,
Des Lebens lärmende Lust,
Die mitleidslosen Tatzen
In meine verwundete Brust.

Doch birgt mich mit nächt'ger Hülle
Der Finsterniss Schreckensflor.
So rüstet sich all' mein Wille
So adlerkühn wie zuvor.