Und in der Hand
Das Branntweinglas, das Haupt dort an den Pol geschlossen,
Die Füsse an den Kaukasus, o Vaterland!
So schläfst du, heiliges Russland, fest und unverdrossen!
Und doch erblickt man in diesem letzten grossen Werke in unbestimmten, fernen Umrissen eine Zukunft. Sie wird vorbereitet von jungen Mädchen wie Marianne und Maschurin, von jungen Männern wie Markelow, Ssolomin und Neshdanow selbst.
Die letzten zwanzig Jahre seines Lebens verbrachte Turgenjew abwechselnd in den beiden Ländern, die an seiner Bildung den grössten Antheil haben, in Deutschland und Frankreich. Er wohnte in Baden-Baden und Paris. Sein Verhältniss zu Deutschland und Frankreich war jedoch sehr verschiedener Art. Vermuthlich schon kraft alter russischer Tradition, überdies auch durch die Nationalität Frau Viardots stand er Frankreich weit näher als Deutschland. Er hatte in Berlin studirt und sein Geist war durch die Kritik des Junghegelianismus verfeinert und geschärft worden. Er verehrte Goethe über Alles, ging eine Zeitlang in seinen Jugendtagen ganz in Heine auf, unterhielt immer ein freundschaftliches Verhältniss zu deutschen Dichtern und Schriftstellern (wie Paul Heyse, Ernst Dohm und Ludwig Pietsch), sprach Deutsch wie ein Deutscher, war ein aufrichtiger Bewunderer der wissenschaftlichen Grösse Deutschlands; doch so innige Bande ihn auch mit Deutschland verknüpften, in seinen Erzählungen stehen nichtsdestoweniger wie in fast allen russischen Romanen und Novellen die Deutschen in einem höchst satirischen, hie und da sogar in einem gehässigen Lichte. Es scheint mir eine Schwäche der deutschen Kritik, dass sie diese in die Augen fallende Thatsache nicht einfach gesteht. Gewiss schildert in der Regel jede Nation die andere ohne Enthusiasmus. Eine Russin bei Victor Cherbuliez oder Paul Heyse („Ladislaus Bolski“, „Im Paradiese“, „Das Glück zu Rothenburg“) spielt nicht leicht eine schöne Rolle. In Turgenjews Seele aber scheint ein Rest von unbewusstem Nationalhass übrig geblieben zu sein.
Obgleich ihm nun auf der andern Seite gewiss nicht der Blick für die Fehler des französischen Naturells und die Mängel der französischen Kultur fehlte, kam er doch leichter mit denselben zurecht. Er fühlte sich in dem sonst gegen Fremde so vorurtheilsvollen Paris als Künstler voll verstanden und gewürdigt: er hatte ebenso warme Bewunderer unter den älteren Schriftstellern (Mérimée), wie in dem etwas jüngeren Geschlechte (Augier, Taine, Flaubert, Goncourt) und in der später auftretenden Generation (Zola, Daudet, Maupassant). Mit dem Schriftstellerkreise, der sich um Flaubert vereinte, verkehrte er auf einem vertrauten und kameradschaftlichen Fusse, wie mit keinen Schriftstellern anderer Länder.
Wechselnder Art war das Verhältniss zu seinem eigenen Vaterlande. In seiner Jugend war er populär, späterhin förmlich dem Hasse preisgegeben. Erst bei seinem letzten Besuch in Russland offenbarte es sich, dass allmälig das Missverständniss, er wäre seinen Jugendidealen untreu geworden, einer bessern Erkenntniss gewichen war, und seine Reise gestaltete sich durch die ihm von der Jugend dargebrachten Ovationen, zu einem wahren Triumphzuge. Allerdings flössten diese letztern der Regierung eine Unruhe ein, die ihm den Aufenthalt in Petersburg bald verleidete. In Moskau, wo Katkóf in heftigen Ausfällen ihn vaterlandsfeindlicher, aufrührerischer Gesinnung geziehen hatte, wurde ihm zu Ehren ein Festmahl veranstaltet, zu dem man auch Dostojewski einlud, dem man um seiner Jugendüberzeugung und seines Martyriums willen, sein späteres gehässiges Auftreten gegen Turgenjew verzieh.
Je mehr indess das junge Geschlecht sich mit dem Verfasser von „Väter und Söhne“ aussöhnte, je begeistertere Huldigungen ihm dargebracht wurden, um so höher wuchs die Missstimmung der Regierung gegen ihn, die sich dann auch bei seinem Tode mit Wucht geltend machte. Ein feierliches Begräbniss, mit schwarz drapirten Häusern, mit grossem Gefolge, mit Reden am Grabe, wurde verboten. In aller Stille, beinahe wie ein Verbrecher, wurde der Mann zur Erde bestattet, der in der neueren Zeit den Namen Russlands in die weitesten Kreise getragen. Denn in seinen späteren Lebensjahren erfreute er sich in allen civilisirten Ländern einer gleich ehrfurchtsvollen Bewunderung.
Erfreute er sich ihrer wirklich? Ich glaube es kaum. Die Bewunderung hat ihn angenehm berührt, aber er hat sie nicht genossen; sie war nicht im Stande, seine Melancholie zu zerstreuen. Edmond de Goncourt erzählt, dass Turgenjew, den er im März 1872 in einer Mittagsgesellschaft bei Flaubert traf, in der missmuthigen Stimmung, die sich leicht in einem Kreise von Freunden verbreitet, die sich alle dem vorgeschrittenen Alter nähern, in die Worte ausbrach: „Ihr wisst, dass man manchmal in einem Zimmer einen Moschusgeruch findet, den man nicht wieder vertreiben kann. So kommt es mir vor, als sei meine Persönlichkeit immer von einem Duft der Auflösung, der Vernichtung, des Todes umgeben“. Seine letzten Werke, die anmuthige und originelle Novelle „Clara Militsch“, die Turgenjew's Lieblingsthema, verfehlte Liebe behandelt, und die bewunderungswürdige Sammlung Prosagedichte „Senilia“, enthalten eine fast noch tiefere Melancholie als seine Jugendarbeiten, nur ist sie höchst poetisch von einem lyrisch-phantastischen Elemente durchblitzt. Er blickt hier zum letzten Male von Angesicht zu Angesicht dem Geheimnisse des Lebens in die Augen und versucht mit tiefer Wehmuth es in Symbolen mit Schwärmerei zu deuten. Die Natur ist hart und kalt, möchten die Menschen umsomehr nicht versäumen, einander zu lieben! Da ist eine Scene, wo Turgenjew auf einer einsamen Dampfschifffahrt von Hamburg nach London stundenlang die Hand eines armen kleinen traurigen und gefesselten Affenweibchens in der seinen hält — das Genie, dessen Geist das Universum geahnt hatte, Hand in Hand mit dem kleinen menschenähnlichen Thiere, wie zwei gute Verwandte, zwei Kinder derselben Mutter — darin liegt mehr wahre Erbauung als in irgend einem Erbauungsbuche.
Die menschliche Undankbarkeit scheint bis zu allerletzt einen tiefen Eindruck auf Turgenjew gemacht zu haben. Niemand, der „Senilia“ gelesen, wird jemals „Das Fest bei dem lieben Herrgott“ vergessen. Alle Tugenden waren eingeladen, nur Tugenden; keine Herren waren eingeladen, nur Damen. Da kamen viele Tugenden, grosse und kleine; die kleinen Tugenden waren angenehmer und bescheidener als die grossen; alle schienen sich gut zu gefallen und sprachen freundlich mit einander, wie es sich für Verwandte geziemt. Da bemerkte der liebe Herrgott zwei hübsche Damen, die einander nicht zu kennen schienen. Der Herr des Hauses bot der einen den Arm, führte sie zu der andern hin und stellte sie einander vor: die Wohlthätigkeit — die Dankbarkeit.
Es war das erstemal seit der Erschaffung der Welt, dass die Beiden sieh begegneten.