Ich hasse weisse Asen
Und Askur's Söhne,
Sich beugend vor den Göttern,
Die ich verachte.
und seine Klage „Die Asenzeit“ ist mit Schiller's „Die Götter Griechenlands“ so verwandt, dass der Dichter unzweifelhaft das Motiv aus diesem Gedichte entnommen haben muss:
Du hohe Zeit, noch stehst im Gedächtniss du
Als leerer Harnisch; wer füllt ihn noch heut zu Tage?
Die schlaffe Zeit tritt scheu und mit Angst hinzu,
Das Heldenleben im Norden ist nur noch Sage.
Schlaf ruhig, Vorzeit! Umsonst Iduna bringt
Dich noch an's Licht, wie aus Gräbern die rostige Wehre;
Ein ander Geschlecht zu anderen Göttern singt,
Des Sanges Sehne zerbrach mit der Thaten Speere.
Auch hier ist nordisches und griechisches Heidenthum in seiner Erinnerung zusammengeschmolzen.
In Wirklichkeit bekam das Heidnische in Tegnér's Wesen erst eine höhere Weihe, als er die althellenische Litteratur kennen lernte. Hier traf er eine vorchristliche Cultur, die nicht in trotzigem, persönlichem Kampfe, sondern in versöhnter Schönheit gipfelte. Er sah hier das Humane auf einmal dichterisch und religiös sich in sich selbst abrunden. Vom Gesichtspunkt dieser Schönheitswelt gesehen, gab jenes Uebernatürliche, gegen welches das vorige Jahrhundert so leidenschaftlich Krieg geführt hatte, nicht mehr dem Gemüthe Aergerniss, sondern fiel als überflüssig fort. Tegnér's Deismus sonderte sein polemisches Element aus und nahm eine hellenische Vernunfts- und Schönheitsanbetung in sich auf. Das rein Humane, das in der griechischen Poesie die Quelle der Schönheit gewesen, wurde ihm bald das wesentlich poetische Element überhaupt, und hierin liegt es, dass er sein Leben hindurch sich weigerte, die Erbauungspoesie als wahre Dichtung anzuerkennen. Dies zeigte sich bei zahlreichen Gelegenheiten, z. B. den Dichtungen des alten Franzén gegenüber. Ueber Franzén schreibt er 1823 an Brinkman: „Das Schöne ruht doch zuletzt auf dem Vernünftigen, wie das Gewölbe, wie hoch es sich auch erhebt, seine unsichtbaren Stützpunkte in den Tempelwänden hat. Aber die Tempelwände unseres lieben Franzén sind etwas zu sehr mit Crucifixen geschmückt, welche — den Eindruck verfinstern“. Ueber den „Columbus“ desselben Dichters schreibt er neun Jahre später, also als Bischof: „Wie nahe lag nicht eine frischere und kräftigere Romantik ohne Legenden und Bekehrungsversuche und Missionäre. Ich hasse, Gott verzeihe mir, den gottesfürchtigen Ton sowohl im Leben wie in der Poesie“, und mit einer verwandten Wendung, drückt er in seinen letzten Jahren (1840) denselben Gedanken bei Anlass eines Bändchens Gedichte aus: „die viele Gottesfurcht kommt mir armen Heiden immer ein bisschen krankhaft und trübe vor“. Desshalb protestirte er auch, ganz gegen die Gewohnheit geistlicher Männer, Adlersparre gegenüber leidenschaftlich dagegen, die unchristlichen Züge in den grossen modernen Geisteshelden, wie Goethe oder Byron, verwischen zu lassen. Die offene, grundehrliche Natur war gleich auf seiner Hut gegen den frommen Betrug.
Die Poesie an und für sich kam ihm als eine Macht religiöser Natur vor, oder genauer: er nennt die Poesie den höchsten, reinsten, menschlichsten Ausdruck der Menschheit und bezeichnet alles, was wir sonst als hoch und edel verehren, nur als Modifikationen der Poesie. Die Religion selbst ist ihm „eine praktische Poesie, ein auf den Baum des Lebens geimpfter Zweig des grossen Dichtungsstammes“. Mit anderen Worten lässt sich dies so ausdrücken, dass die Religion eine Poesie ist, woran geglaubt wird, dass also ihr dogmatischer Theil ein grosses metaphysisches Gedicht bildet, dessen Werth auf dem Werth der praktischen Lehren beruht, die man aus demselben herleiten kann — eine Folgerung, die Tegnér zwar nie ganz ohne Vorbehalt zieht, die man aber immer zwischen den Zeilen bei ihm herausliest.
Mit um so grösserer Rückhaltslosigkeit hat er seinen vorurtheilsfreien Humanismus in Aeusserungen der Sympathie für die rein menschliche Grösse und für jene heidnischen Tugenden, die von den Kirchenvätern als Laster verurtheilt wurden, zu Worte kommen lassen. An Geijer, der zwar nicht strikte orthodox, aber doch unbedingt offenbarungsgläubig war, schreibt er im Jahre 1821: „Was deine Ansicht betrifft, dass eine besondere Offenbarung, z. B. das Christenthum, für das menschliche Gemüth theoretisch nothwendig sein solle, so lässt sich darüber wohl ein Zweifel hegen ... Es wird schwer zu erklären sein, wesshalb die höchste menschliche Entwickelung, die eigentlichen Jubeljahre des Geschlechts sowohl im Süden wie im Norden eintreffen, bevor der Name des Christenthums genannt ist. Lasst uns Gott für unsern reineren Glauben danken, aber vergessen wir nicht, dass das Adelsverzeichniss der Menschheit voll heidnischer Namen ist“. Wenn Tegnér einen Charakter recht verherrlichen wollte, so rastete er nicht, bis er ihm eine Seite abgewonnen hatte, von welcher derselbe griechisch oder römisch schien. Um dies unbewusste, rein instinktive Streben in's schärfste Licht zu stellen, wähle ich zwei Beispiele, wo er christliche Glaubenshelden als antike Grössen geschildert hat — um später zu dem Resultate zu kommen, dass er wegen vorausgefasster Symphatien sich in seinem Humanisiren geirrt habe. Er hatte, in seiner Reformationsrede, in Luther's Person alles verkörpert, was die damaligen Ritter der classischen Bildung, ein Ulrich von Hutten, ein Franz von Sickingen gewirkt und erkämpft hatten. Sieben Jahre später, als er durch seine amtliche Stellung zu nachdrücklicheren historisch-theologischen Studien gezwungen war, schreibt er tief niedergeschlagen: „Die hohen Vorstellungen, die ich mir vormals von Luther und den Reformatoren gemacht hatte, sind mir herabgestimmt worden. Wie manchen Luther brauchten wir noch!“ In seiner Festrede von 1832 hatte er von Gustav Adolf gesagt, er sei „eine Heldennatur von dem grossen und rein menschlichen Schlage, von welchem Griechenland und Rom so viele Vorbilder gezeigt haben“, und diese Worte waren, wie eine ganze Reihe Briefstellen beweist, in polemischer Absicht gewählt, weil er wusste, dass die anderen Redner den König wesentlich als geharnischten Theologen und „Märtyrer des Concordienbuches“ darstellen wollten. Fünf Jahre später schreibt er aber selbst über Gustav Adolf: „Zu den jetzt geltenden kosmopolitischen Ideen hat er sich wohl schwerlich emporgehoben; als Vorläufer eines neuen Zeitalters betrachtete er sich kaum. Die Denkfreiheit, für die er kämpfte, war nichts anderes als Gewissensfreiheit, und es ist sehr zweifelhaft, ob sich ihm jemals der Protestantismus von anderer Seite als der rein theologischen gezeigt hat“. Tiefere Forschung hat hier wieder den ehrlichen Dichter dazu gebracht, die eingenommene Position aufzugeben. Aber dieses wiederholte Zurückweichen von einem gewagten und doch mit Leidenschaft behaupteten Versuche, das Reinmenschliche, Heidnischgrosse, aus einem Gusse Geformte in allen Helden zu finden, selbst bei denen, um deren Stirn die Orthodoxie ihren Ring so fest geschlagen hatte, dass kein Platz für Tegnér's freien griechischen Lorbeerkranz übrig blieb, verräth hinlänglich, wie kräftig ein freier classischer Humanismus durch alle Poren in die Seele des Dichters gedrungen war.
Er hatte damit angefangen für das Ritterlich-Abenteuerliche, das Trotzige zu schwärmen, für die Ehre nur als solche, selbst mit ihrem Flitter. In dieser Schwärmerei, welche sich nie bei ihm verlor, fühlte er als Naturkind und als Kind seines Volkes. „Denn“, heisst es im Gedichte Tegnér's an Karl Johann, „allem voran steht im schwedischen Gemüthe die Ehre, wahr oder falsch, gleichviel, sie lebt doch in der Erinnerung“. Er war aber nicht nur Kind der Natur, sondern auch der Geschichte, und die Geschichte stellte ihn zwischen die Aufklärung des achtzehnten und die religiöse Reaction des beginnenden neunzehnten Jahrhunderts. Er folgt keiner von beiden. Mit kräftiger Eigenthümlichkeit wählt er unter den Bildungselementen, die sich ihm darbieten, bis eine selbständige Anschauung des Menschenlebens, besonders des Verhältnisses zwischen Religion und Poesie, sich in seinem Gemüthe formt; und wir sehen ihn mit seinem warmen Dichtergefühl unwillkürliche und bisweilen vergebliche Anstrengungen machen, um die Wirklichkeit mit dem grossen humanistischen Ideale, das aus jener Anschauung entsteht, in Uebereinstimmung zu bringen. Wie viel Unrecht that Runeberg Tegnér, als er im Jahre 1832 über ihn schrieb: „Bei ihm sieht man kaum den Schimmer von einem Ideale, ja nicht einmal einen inneren Kampf, der seine Ahnung spüren liesse, dass es ein solches gebe“. Der grosse finnische Rival Tegnér's hat, vierundvierzig Jahre später, in einer Note angedeutet, dass diese Behauptung ihm jetzt zu gewagt vorkomme; aber er hätte mehr thun sollen; es wäre eine That der Gerechtigkeit gewesen, wenn er sie selbst widerlegt hätte.