Wäre das Wahre nur neu, wäre das Neue nur wahr!

was in dieser Form citiert wird:

Das Neue daran ist nicht gut, und das Gute daran ist nicht neu.

Die Stelle, nach welcher das Distichon gemacht ist, steht in Lessings "Briefen, die neueste Litteratur betreffend" (111. Brief, 1760, 12. Juni) und heisst: "wenn es erlaubt ist, allen Worten einen andern Verstand zu geben, als sie in der üblichen Sprache der Weltweisen haben, so kann man leicht etwas Neues vorbringen. Nur muss man mir auch erlauben, dieses Neue nicht immer für wahr zu halten".—

A. G. Eberhard ("Blicke in Tiedges und Elisas Leben", S. 19) erzählt von Christoph Aug. Tiedge (1752-1841):

" Einmal vorzüglich musste ich seine andauernde Geduld bei meinen wiederholten Kritteleien ganz vorzüglich bewundern. Als ich nämlich im Manuskript der Urania auf eine Stelle stiess, die einen sehr ansprechenden Gedanken enthielt, äusserte ich gegen ihn, dass er daraus ein wahres Kleinod für die Stammbuchsentenzen-Schreiberinnen bereiten könnte, wenn er sich die Mühe gäbe, sie möglichst gedrängt und glatt in der äusseren Form und hierdurch recht mund- und gedächtnisgerecht zu machen. Er machte sich sogleich an diese Arbeit, aber immer hatte ich noch bald diese, bald jene Ausstellung zu machen, bis der Hauptgedanke möglichst zusammengedrängt war, die darin befindlichen Gegenstände symmetrisch gegenübergestellt und die Verse, zwei und drei, gleich lang waren. Durch den eingeworfenen Scherz, dass es schon einiger Mühe wert sei, eine klassische Stammbuchsentenz für Mit- und Nachwelt zurecht zu machen, entstand endlich die Stelle:

Sei hochbeseligt oder leide:

Das Herz bedarf ein zweites Herz.

Geteilte Freud' ist doppelt Freude,

Geteilter Schmerz ist halber Schmerz.