Schädelverbildung kommt gleichfalls bei einigen südamerikanischen Stämmen (Pampa, Araukaner, Patagonier) vor; sie beruht auch hier auf der eigentümlichen Form der Wiege (Lagerung des Kindes auf einem flachen Brett und Festbinden des Kopfes mit einem um das Brett geschlungenen Lederstreifen), die die Mütter, wie es die nordamerikanischen Indianerinnen tun, bei Reisen auf dem Rücken mit sich schleppen oder in der Ruhe senkrecht entweder an einen Baumast hängen oder mit den beiden Spitzen, in die das Wiegenbrett ausläuft, in die Erde stecken. — Das Stillgeschäft zieht sich sehr lange, bis auf drei und vier Jahre, hin. Koch-Grünberg erlebte es bei den Uaupé, daß ein etwa dreijähriger Junge seiner Mutter plötzlich die Zigarette aus dem Munde nahm, ein paar Züge daraus tat und sich ihr dann auf den Schoß setzte, um sich die Brust geben zu lassen.

Sobald das Reifealter eintritt, werden Knaben und Mädchen gewissen Förmlichkeiten unterworfen, um ihren Mut und ihren Gehorsam zu erproben. Diese fallen im allgemeinen ziemlich streng aus und tragen bei einigen Stämmen das Gepräge einer regelrechten Folter. Die Stämme von Nordwestbrasilien und Guyana lassen dem Mädchen das Kopfhaar ganz kurz abscheren. Am oberen Negro geschieht dies auch mit den jungen Männern; sie pflegen das abgeschnittene Haar sorgfältig aufzubewahren und legen es bei besonders festlichen Gelegenheiten wieder an. An die Haarschur schließt sich eine lange Fastenzeit von vier Wochen, während deren es dem Mädchen untersagt ist, das Fleisch größerer Fische und warmblütiger Tiere zu essen; auf das Fasten folgt sodann ein feierliches Bad. Der Vater singt am folgenden Morgen vor Sonnenaufgang einen langgezogenen, sich gleichbleibenden Ton und gibt eine Liste all der Pflanzen und Tiere bekannt, die das Mädchen fortan essen darf. — Bei den Baniwa von Guyana sitzt das Mädchen während der ersten vier Tage seines ersten Unwohlseins auf einer Matte mitten im Hause; es darf nur kleine Stückchen Maniokbrot verzehren, die ihm die Mutter oder eine weibliche Verwandte von Zeit zu Zeit darreicht, wobei diese aber eine unmittelbare Berührung mit dem Mädchen vermeiden müssen. Am Abend des vierten Tages versammelt sich die ganze Sippe im Kreise um den Medizinmann, der die ganze Nacht hindurch eintönig singt; die Anwesenden begleiten ihn dabei im Chor. Von Zeit zu Zeit bläst er auf eine aus Maniok gebraute Bowle, die dadurch entzaubert werden soll. In der Frühe des anderen Morgens bekommt das Mädchen davon zu trinken, und mit diesem Augenblick rückt es auf die Stufe der heiratsfähigen Frauen des Stammes auf. Es setzt sich sodann auf einen Schemel und erhält von dem ältesten oder angesehensten Mitgliede der Sippe zwei Schläge ausgeteilt. Hierzu wird eine Geißel aus geflochtener Palmfaser benutzt, an deren Ende der scharfe Zahn eines Fisches befestigt ist, so daß jeder Schlag eine blutende Wunde verursacht. Bevor der Alte zum Schlage ausholt, hält er eine feierliche Ansprache an das Mädchen und erinnert es an seine Pflichten der Sippe gegenüber. Das Ende der ganzen Feier bildet eine allgemeine Prügelei von Männern und Frauen, bei der es sehr derb zuzugehen pflegt. Schließlich kommen am folgenden Abend alle männlichen Teilnehmer zu einer Festlichkeit zusammen, um zu tanzen und vor allem auch, um sich tüchtig in Yaraki, einem leicht berauschenden einheimischen Getränk, das aus Maniokwurzel gebraut wird, zu betrinken. Dabei sind alle wieder gut Freund und vergnügt. Das Fest beginnt mit einem Maskentanz. Alle Beteiligten tragen Masken von verschiedenen Tieren und ahmen auch deren Stimmen und Gangart nach; dabei wird ein ohrenbetäubender Lärm mit Trommeln, Trompeten und Flöten gemacht. Man will dadurch den obersten aller bösen Geister, namens Mauari, und seine teuflischen Anhänger versöhnen. Frauen dürfen bei diesem Maskentanz nicht zugegen sein; sollte eine Frau etwa den Mauari zu sehen bekommen, dann würde der Tod ihr Los sein: ihr Vater, Gatte, Sohn oder Bruder oder, wenn keiner von diesen mehr am Leben sein sollte, ihr nächster sonstiger Verwandter ist gehalten, sie zu töten. — Bei den Taulipang artet die Mannbarkeitserklärung der jungen Mädchen in eine wirkliche Peinigung aus. Man setzt ihnen große schwarze Ameisen, die sich in einem Netz verfangen haben, mit diesem auf die Handflächen, Arme, Lenden und Fußsohlen; der Schmerz, den der Biß der zornigen Tiere hervorruft, ist äußerst heftig und hält stundenlang an. Die Großmutter des Mädchens, in selteneren Fällen die Mutter, tatauiert ihm die Mundwinkel mit dem Stammesabzeichen, wobei sie eine Kohle aus dem verbrannten Körper einer Honigbiene als Farbe benutzt; dies tun sie, „damit aller Kaschiri“, den sie aus der geriebenen Maniokwurzel herstellen, „süß wie Honig sei“. Außerdem wird dem Mädchen das Haar im Nacken abgeschnitten. Es muß ein paar Tage in der Hängematte verbleiben, die von dem übrigen Wohnraum der Familie durch einen Verschlag getrennt ist. Es darf währenddessen nur seine nächsten weiblichen Verwandten sehen, damit es nicht „das Gefühl der Sittsamkeit verliere“. Die Großmutter stellt ihm Sandalen aus Palmenstielen her und bestreicht ihm den ganzen Körper mit roter Farbe. Darauf schlägt ein alter Mann, für gewöhnlich der Großvater, das Mädchen mit einer Palmfaserpeitsche, deren Spitzen mit rotem Pfeffer eingerieben sind, damit die entstehenden Wunden auch tüchtig schmerzen. Für eine Reihe Monate muß das Mädchen außerdem noch eine streng geregelte Lebensweise befolgen: es darf nur ganz kleine Fische und solche Gerichte essen, die aus Maniok zubereitet sind; es darf sich das Haar nicht mit der Hand glätten, sondern muß einen Palmstiel dazu verwenden; auch darf es nicht an der Feldarbeit teilnehmen, keinen Korb tragen, kein Messer oder Beil anfassen, weil es sonst Schmerzen am Kopf und an den Armen bekäme; selbst lautes Sprechen ist ihm untersagt; ebenso, das Feuer mit dem Atem anzufachen, weil ihm sonst schwindlig werden könnte (es darf nur den Fächer benutzen). Sind fünf oder sechs Monate unter solcher Lebensweise verstrichen, dann bläst die Großmutter über alle Gegenstände hin, die dem Mädchen gehören, indem sie streng vorgeschriebene geheimnisvolle Formeln hersagt, um zu verhüten, daß aus der Benutzung dieser Dinge irgend ein Unglück entstehe. Ähnlichen Martern, wie soeben geschildert, begegnen wir bei den Karaiben von Britisch-Guyana sowie bei verschiedenen Amazonasstämmen, wie den Mundurukú, Tekúna, auch bei den Stämmen am Uaupéflusse. Im Gran Chaco sind solche Gebräuche unbekannt; hier wird der erste Eintritt der Regeln nur durch Tänze gefeiert. Bei den Ashluslay zum Beispiel steht das Mädchen mit verhülltem Gesicht da und die älteren Frauen tanzen um dasselbe herum mit Stöcken in den Händen, an die Klappern aus Tierklauen gebunden sind, während die Männer mit Kalebassen, in die man Getreidekörner getan hat, den Takt dazu schlagen. — Bei den Chané und Chiriguano wird das der Reifezeit sich nähernde Mädchen in einem Verschlag der elterlichen Hütte, einer Art Schrank, eingepfercht und ihm das Kopfhaar kurz geschnitten. Erst wenn dieses wieder halblang gewachsen ist, erlangt es seine Freiheit zurück. Es darf während jener Zeit sein „Gefängnis“ nur in Begleitung der Mutter verlassen, um die notwendigsten Dinge zu verrichten, zum Beispiel zu baden; zur Nahrung erhält es während der Einschließung ausschließlich gekochten Mais. Sobald seine Zurückgezogenheit abgelaufen ist, gilt das Mädchen als heiratsfähig.

Phot. Th. Koch-Grünberg.

Abb. 237. Tanzmaske der Yahunaindianer.

Sie stellt den bösen Geist Nokolidyaua vor.

Phot. Th. Koch-Grünberg.

Abb. 238. Totentanz der Káuaindianer vom Rio Aiary, Nordwestbrasilien.

Alle diese Masken stellen Dämonen vor.