Auch Italien kennt solche Brüderschaften, die zusammen mit der Geistlichkeit, wenn irgendein heiliges Fest gefeiert wird, die Umzüge begleiten und die Standbilder der Heiligen in der Stadt umhertragen. Auch sie pflegen in ähnlicher Weise vom Kopf bis zu Fuß mit einem schwarzen Domino nebst Kappe bekleidet zu sein. Nebenbei betätigen sie sich meistens auch noch auf dem Gebiete der öffentlichen Wohltätigkeit, begleiten unter anderem die Begräbnisse oder nehmen sich, wie die Brüder der „Misericordia“ in Florenz, der auf der Straße Verunglückten an ([Abb. 386]).

Himmelfahrtstag und Fronleichnam (Korpus-Christi-Tag) werden in allen spanischen Städten gleichfalls aufs festlichste begangen. Der 1. und 2. November sind die Tage, an denen jeder Spanier dem Friedhof — bienenwabenähnlich angeordnete Nischen in hohen Mauern, die die Särge aufnehmen und dann zugemauert werden — seinen Jahresbesuch abstattet und Blumenschmuck sowie Totenkränze an den an der Außenwand dicht nebeneinander angebrachten Tafeln aufhängt. Heiligabend und Weihnachten bilden die letzten Festtage des an solchen überaus reichen spanischen Jahres. Den ersteren feiert man auf den Straßen, den Weihnachtstag selbst dagegen zu Hause. Am 24. Dezember begibt sich ganz Spanien auf den Markt; die Erwachsenen holen ihren Vorrat an Puten, Backwerk und Obst ein, der am anderen Tage zu Hause verzehrt wird, während die Kinder von Reichen und Armen sich einen Nacimiento kaufen, das ist eine Darstellung der Geburt Christi aus Pappe oder Terrakotta, die dann beleuchtet wird. Tannenbäume, Weihnachtskrippen und Geschenke sind dem spanischen Volke fremd. — Italien dagegen kennt Weihnachtskrippen. In Neapel kommen zur Weihnachtszeit ländliche Musikanten aus den benachbarten Bergen zusammen und spielen vor den Krippen ([Abb. 372] und [389]).

Abb. 377. Palmsonntag in den Sabiner Bergen.

Nach einem Gemälde von Cesare Tiratelli.

Phot. Braun & Co., Dornach.

Abb. 378. Osterkirchgang in der Bretagne.

Der Franzose kennt Weihnachtsbräuche im allgemeinen nicht; nur in den wohlhabenderen Familien von Paris bürgert sich die Sitte des deutschen Weihnachtsbaumes mit seinem Lichterglanz mehr und mehr ein. Das einzige, was von der Heiligkeit des Weihnachtsfestes Zeugnis ablegt, ist die Mitternachtsmesse, die man um zwölf Uhr nachts in der Kirche abhält. Familienfestlichkeiten gibt es gar nicht. Früher speiste man wohl gemeinsam zu Hause, ehe man sich zur Messe begab; jetzt aber wird dieser „Reveillon“ mehr in die Wirtshäuser verlegt und hat dadurch das in den Familien ihm etwa noch anhaftende Stimmungsvolle gänzlich verloren. — Auch in Frankreich kennt man bestimmte Gerichte für das Weihnachtsmahl: getrüffelte Pute auf der Tafel der Reichen, geröstete schwarze Blutwurst auf dem Tische der ärmeren Klassen. Man beschenkt nur die Kinder, aber diese Freude wird ihnen nicht am Heiligen Abend, wie es bei uns zumeist üblich ist, zuteil, sondern erst am anderen Morgen. Vor dem Schlafengehen stellen sie ihre Pantöffelchen in den Kamin und finden sie beim Erwachen mit allerlei Spielsachen und Süßigkeiten vom Weihnachtsengel (le petit Noël), der hier die Stelle unseres Weihnachtsmannes oder Knechts Ruprecht vertritt, angefüllt. Im übrigen verläuft Weihnachten für die Kleinen sang- und klanglos; dazu kommt, daß es für sie keine Weihnachtsferien gibt: am 24. nachmittags wird die Schule geschlossen, und am 26. haben sich die Kinder schon wieder zum Unterricht einzufinden, da die Franzosen einen zweiten Weihnachtsfeiertag nicht kennen.

Eine charakteristische Erscheinung in Frankreich ist der Weihnachts- beziehungsweise Neujahrsmarkt, der vom 20. Dezember bis zum 5. Januar abgehalten wird (les baraques genannt), eine Art Jahrmarktsrummel, auf dem wie bei uns aus ähnlichem Anlaß in marktschreierischer Weise alle möglichen Sachen, vor allem Kinderspielzeug, das in scherzhafter Weise auf die in- und ausländische Politik anspielt, ausgeboten wird und alle möglichen Dinge gegen Geld öffentlich zu sehen sind. Neujahr ist dann der Tag, an dem sich die Erwachsenen in Frankreich beschenken. Diese Etrennes bereiten den Franzosen sehr bedeutende Ausgaben, denn die Zahl derer, die auf sie Anspruch machen, ist eine recht beträchtliche. Nicht nur die Mitglieder der Familie, Verwandte und Freunde werden mit einem Geschenk bedacht, sondern auch das ganze Heer von Untergebenen und sonstigen Leuten, die im Hause zu tun haben, die man aber sonst überhaupt nicht zu sehen bekommt, also die Dienstboten, der Pförtner, der im Pariser Hause eine sehr wichtige Rolle spielt, Briefträger, Zeitungsjunge, Laufburschen, Wäscherinnen, Friseur und noch manche andere. Es leuchtet ein, daß diese Trinkgelder eine ganz stattliche Höhe erreichen müssen, denn ausschließen kann man sich von ihnen nicht gut, weil die Sitte sie einmal vorschreibt. — Während die Pariser Weihnacht unseren deutschen Silvesterabend an Straßenlärm wohl noch bedeutend übertrifft, insofern hier die wildeste Ausgelassenheit bis zum hellen Morgen herrscht, unterscheidet sich die Pariser Silvesternacht keineswegs von den übrigen Nächten des Jahres. Man kommt nicht zusammen, trinkt keinen Punsch, ißt keine Pfannkuchen, gießt kein Blei, bringt kein Hoch auf das neue Jahr aus und lärmt nicht auf der Straße; die Nacht verläuft vollständig ruhig, alles bereitet sich anscheinend auf den folgenden Tag vor, der große Anforderungen an den Geldbeutel stellt.