Phot. J. Brocherel.
Abb. 425. Bulgarischer Volkstanz.
Er ähnelt der Hora der Serben, aber mit dem Unterschied, daß der Kreis nicht geschlossen wird und daß jeder Teilnehmer die Hände kreuzweise seinem übernächsten Nachbar reicht.
Die Toten- und Begräbnisgebräuche bei den Slawen bieten wenig Eigentümlichkeiten. Bei den Balkanslawen trifft man die Vorbereitungen für das Begräbnis öfters lange vorher selbst; so besorgt man sich schon bei Lebzeiten seinen Sarg, schafft die Totenkleider an, die Taschentücher, die bei der Beisetzung an die Teilnehmer verteilt, sowie die Wachskerzen, die dabei angezündet werden sollen; auch stellt man ein Fäßchen des Nationalgetränkes bereit, das von dem Trauergefolge für das „Seelenheil“ getrunken werden soll. — Naht die letzte Stunde, so versammelt der Sterbende alle Verwandten und Freunde um sich und bittet jeden von ihnen um Verzeihung; man antwortet ihm darauf mit der stehenden Redensart: „Möge dir alles in dieser und in jener Welt vergeben sein.“ Hat der Betreffende dann seinen letzten Atemzug getan, dann öffnet man sofort die Fenster, damit die Seele davonfliegen könne. Der nächste Angehörige, meistens das Lieblingskind, drückt dem Verstorbenen die Augen zu. Die Frauen lösen darauf ihr Haar auf und lassen es weit über den Nacken hinunterfallen; ferner beginnen sie um den Toten ein Jammergeschrei zu erheben, das sie auch während des Begräbnisses und bei jedem späteren Besuch des Grabes wiederholen. Ihre Wehklage weist einen bestimmten Rhythmus auf und nimmt vielfach die Form von Fragen an den Verstorbenen an. So rufen sie ihm zu: „Was sollen wir jetzt tun, nachdem du uns verlassen hast? Was denkst du, daß aus unserer Familie jetzt wird? Werde ich nie mehr deine Stimme hören?“ und so fort. Solange die Leiche im Hause liegt, dürfen bei den Balkanslawen die Angehörigen keine Speisen zu sich nehmen. Man stellt in dem Sterbezimmer Salz, Brot und ein Glas Wein auf, weil man glaubt, daß der Tote noch eine Zeitlang im Hause weile und der Nahrung benötige.
Der Leichenzug ([Abb. 426]) wird durch Knaben eröffnet, die das heilige Kreuz und kirchliche Banner tragen; darauf folgen andere mit großen Mulden, die Eßwaren, und zwar vor allem Kolliva, enthalten. Ihnen schließt sich die Geistlichkeit in vollem Ornat unmittelbar vor dem Sarge an, der nicht zugedeckt, sondern offen getragen wird, so daß man den Toten in halbsitzender Stellung sehen kann. Hinter dem Sarge folgen darin endlich die Angehörigen, Freunde und Bekannten. Die Weiber singen, während der Zug in Bewegung ist, Klagelieder. Bei den Serben pflegt man sich auf dem Wege nach dem Kirchhof nicht umzusehen, wie man auch auf dem Heimwege nicht rückwärts blicken darf; man fürchtet, daß sonst leicht ein zweiter Todesfall eintreten könne. Auf dem Friedhof spricht der Priester den Segen und gießt bei den Balkanslawen über den Toten eine Mischung von Rotwein und Olivenöl in Form eines Kreuzes aus, worauf der Sarg versenkt wird. Auf dem Heimwege sucht man, wenn möglich, einen anderen Weg zu gehen. Zu Hause angelangt, waschen sich alle Teilnehmer an dem Begräbnis die Hände. Außerdem nehmen sie von einer Schippe, die ihnen ein junger Mensch hinhält, ein Stückchen glühender Kohle, lassen es von einer Hand in die andere gehen und werfen es schließlich über die linke Schulter hinter sich. Auf dem Lande schließt sich hieran noch ein wirkliches Festmahl ([Abbildung 423]), bei dem jeder ein paar Tropfen Wein „für die Seele des Toten“ ausgießt. In den Städten verteilt man an die Armen und Bettler Speisen, Kuchen und Geld, sowohl auf dem Friedhof wie auch zu Hause. Nach dem Begräbnis wird das Haus ausgekehrt. Den dazu benutzten Besen wirft man weg; er darf nie wieder ins Haus kommen, da sonst Unglück zu befürchten wäre.
Phot. W. Szuchie.
Abb. 426. Ruthenisches Begräbnis.
Der Sarg wird von sechs Ochsen zum Friedhof gefahren.