Jetzt sieht er die spielenden Blondköpfe und streichelt sie. Jetzt sieht er auch die Häuser mit den altertümlichen Giebeln, mit den blanken Fenstern und den Rebenvorhängen. Jetzt freut er sich auch der Stadt, weil er gewiss ist, dass sie ihn nicht halten wird in seiner letzten Stunde.
Im Armenhause wieder angelangt, holt er sich ein weiches Brettlein und versucht ein Kreuz zu schnitzen. Seine Hände sind schwach und vermögen das Messer nicht gut zu führen. Er wird wohl viele Tage lang sitzen müssen, ehe es glatt und glänzend ist. Aber er hat ja Zeit und ist geduldig. Sein Antlitz wird immer welker, aber sein stilles Lächeln auch immer lichter. Sein Herz wird weit, wenn er daran denkt, wie seine Finger das Kreuz umschliessen werden, wenn er seinen letzten Gang geht.
Er sieht die Stunde schon kommen in einem weissen, schimmernden Glanz. In leuchtenden Wolken wird der Vollmond stehn und unzählige Sterne. Die Luft wird duftig sein und wie halbverblühte Veilchen in den Farben. Um die Stätte des Friedens aber wird ein Falter fliegen, ein grosser, mit sammetdunklen Flügeln. Der wird sich auf seine Wimpern setzen und ihm die Augen schliessen, tausendmal weicher als jede Menschenhand – – – –
Amtsrichter Johnsons Höhepunkte.
Jeder Mensch hat in seinem Leben einige Höhepunkte, die ihm bis sein seliges oder unseliges Ende unvergesslich bleiben.
Auch Ernst Alexander Johnson hatte die seinigen.
Den ersten hatte er damals erreicht, als er, der eben Amtsrichter in dem kleinen polnischen Städtchen geworden war, seine alte Studentenliebe heimführte.
Am ersten Abend, als sie beisammen sassen, schmiegten sie sich fest aneinander und blickten wortlos in ihre neue Heimat.
Ernst Alexander, in dem ein gefesselter Dichter lag, seufzte tief auf. Auf den Goldgrund des gegenwärtigen Glückes malten seine Träume Blüten und Kränze einer späteren Zukunft, und das Grün der Hoffnung war überall.