Cornelius erstickte beinahe vor unterdrücktem Lachen in seiner dunkeln Verborgenheit. Er konnte nicht so sehr Herr seiner einmal erregten Lachlust werden, daß nicht wiederum sein Kichern vernommen worden wäre. Herr Tobias glaubte in diesen Tönen die Vorboten von dem ausbrechenden Zorne des Heidengötzen zu erkennen. Er achtete nicht auf Herrn van Daalen, der mit beruhigender Gebehrde ihm nachschritt, er sah nicht das Lächeln, das sich wider dessen Willen, auf seinem runden Angesichte zeigte. »Fort, fort!« war der einzige Gedanke, dessen er fähig war. Er riß die Thüre auf, er wollte hinausstürzen; da stürmte ihm von außen herein eine fremde Gestalt entgegen, von neuem Entsetzen ergriffen prallte er zurück, in die Arme des hinter ihm stehenden Handelsherrn.

»Der Satan hat Genossen!« stammelte er. »Der Rückzug ist uns abgeschnitten.«

Aber Herr Jan wurde in diesem Augenblicke bleicher, als Tobias. Seine Augen starrten mit Blicken des Schreckens und der ängstlichsten Erwartung den Hereintretenden an. Jeder Zug des heimlichen Spottes, jedes Lächeln war aus seinem Antlitze verschwunden. Angst, Verzweiflung und Entsetzen sprachen aus seinem ganzen Aeußeren. Er hatte den sogenannten Genossen des Satans erkannt: es war sein alter Buchhalter, Jeremias Hoontschoten, der mit dem kläglichsten Jammergesichte von der Welt vor ihm stand.

»Ich bin da, gestrenger Patron!« wimmerte Jeremias. »Aber meine werthe Person und die wenigen Fetzen, welche ich auf dem Leibe trage, sind auch Alles, was ich mitbringe aus Mexiko. Die reichste Silberflotte, die je über den Ocean gekommen, ist gekapert worden im Haven von Vigos und zweimalhunderttausend Stück Dukaten, die meinem hochedeln Heern angehört, sind in die schmutzigen Hände der Matrosen gefallen. Sie fanden ebenso guten Cours bei den Engländern, wie bei unsern eigenen Leuten und wenn ich diesen versicherte, sie seyen das Eigenthum meines wohlmögenden Prinzipals, des Herrn Jan van Daalen in Rotterdam, so behaupteten sie dagegen mit einem wahrhaft teuflischen Gelächter: das sey erlogen, die Dukaten gehörten ihnen und wenn der Herr van Daalen sie haben wolle, so solle er sie nur von ihnen abfordern. O, mein hochedler Patron, ich habe mich ihnen zu Füßen geworfen, ich habe geheult, wie ein altes Weib, für die Dukaten! Aber die Tigerherzen waren nicht zu rühren. Sie spotteten meiner und schimpften mich einen spanischen Holländer, den man von Rechtswegen aufknüpfen müsse.«

Herr Jan blieb stumm. Er konnte die Größe der Schreckenspost, die ihm gebracht wurde, nicht fassen. Tobias war dagegen ganz Ohr geworden. Bei dem Blicke, den er mit einemmale in das Handelsgeheimniß des Herrn van Daalen warf, hatte er den Domine, den Götzen sammt dem Gottseybeiuns vergessen. So war denn endlich entschleiert, was der geheimnißvolle Patron im Stillen getrieben, so wußte man denn nun, nach so vielem vergeblichen Sinnen und Rathen, wodurch er Geld und Gut gewonnen! Er war, wie viele andere niederländische Kaufleute, bei den spanischen Gold- und Silberflotten interessirt gewesen, indessen war der Krieg zwischen Spanien und Holland ausgebrochen, die vereinigten Holländer und Engländer nahmen die spanischen Schiffe, wo sie sie fanden, und durch einen besonders glücklichen Zufall gerieth ihnen auch die im Haven von Vigos liegende reich beladene Flotte in die Hände.

»Also von dort her erwartetet Ihr die zweimalhunderttausend Dukaten, welche die Differenz in der Mitgift ausgleichen sollten?« sagte jetzt mit finsterem Angesichte und in einem sehr gedehnten Tone Herr van Vlieten. »Und sie sind nun hin und fort und werden eingehen am Nimmerstage, wo alle insolvente Gläubiger ihre Wechsel bezahlen? Lasset zu Euch reden, Myn Heer van Daalen, wie es mir ums Herz ist in dieser Sache! Euere ganze Handelschaft ist eitel Schwindelwesen und Ihr habt mehr Glück als Verstand gehabt, daß Ihr nicht schon längst zu Grunde gegangen seyd. Zucker und Kaffee, das ist solid, aber Schmuggelei mit dem spanischen Erbfeinde kann nicht Segen haben auf die Dauer! Freilich ist es Euch noch gut genug gegangen, daß Ihr durch die Kriegsjahre und Kriegstroublen glücklich hindurch gesegelt seyd mit Euern Silberschiffen; allein der Krug geht so lange zu Wasser bis er bricht, und Ihr gemahnt mich jetzt gerade, wie so ein zerbrochener Krug, der keinen Henkel mehr hat, an dem ihn unsereins anfassen mag, und dem der Boden ausgefallen ist, auf dem der Inhalt geruhet.«

Der Handelsherr, an welchen diese Worte gerichtet waren, hatte indessen einigermaßen die verlorene Fassung wiedergewonnen. Er sah ein, daß er noch ohne die zweimalhunderttausend Stück Dukaten ein reicher Mann blieb, er ahnete aber auch zugleich, daß diese unausgefüllte Lücke in seiner Casse eine Kluft bilden könnte, welche sich störend zwischen die Verbindung der Häuser van Vlieten und van Daalen drängen dürfte. In dieser schlimmen Ahnung wurde er durch die Reden des Herrn Tobias noch bestärkt. Er warf einen zornigen Blick auf den Buchhalter:

»Hoontschoten, Er ist ein Esel!« sagte er ingrimmig. »Wäre Er nicht so alt, daß Ihm die Natur bald den Abschied aus dem Leben geben dürfte, so gäb ich Ihm den Abschied aus dem Dienste.«

»Mein Gott und Heer!« versetzte bebend Jeremias: »worin habe ich denn gefehlt? Gebot es nicht Pflicht und Gewissen, meinen wohlmögenden Patron sogleich in Kenntniß zu setzen von einem solchen Unglücksfalle? Und darin habe ich nicht gesäumt, nach den schwachen Kräften, welche mir mein Alter vergönnt. Ich habe Euch gesucht wie eine Stecknadel, im Hause und am Haven, im Prinzencollegium und am Boompjes, bis mich endlich ein scharmanter Herr, ein Professor aus Leyden, dem ich Euere und Herrn van Vlietens Personen weitläuftig beschreiben mußte, hierher verwieß.«

»Verdammter Hazenbrook!« schalt Herr Tobias für sich hin, und die große Ader auf seiner Stirn schwoll in zorniger Erinnerung höher an: »Das Gespenst des verruchten Professors verfolgt mich allenthalben und wenn ich mir ihn einmal aus dem Sinne geschlagen habe, so bringt ihn mir ein verwünschter Zufall wieder in den Wurf.«