Clelia van Vlieten war ein Mädchen von einigem Verstand und einiger Ueberlegungskraft, aber nur für die gewöhnlichen Fälle ihrer sehr beschränkten Lebensweise. Wenn Junker Cornelius ihr darüber etwas Schmeichelhaftes sagte, so lag der Grund dazu theils in seiner eigenen, einem liebenden Herzen entsprossenen Ueberzeugung, theils in dem allgemeinen Glauben der Rotterdammer, des reichen van Vlietens Clötje müsse, so wie ein Wunder an Schönheit, auch eins an Verstand seyn. Clelia hatte selbst, da man sie sehr oft in dieser Beziehung ins Gesicht gelobt und niemand in ihrem Hause und in dem Kreise ihrer Bekanntinnen ihr entgegenstand, den sie übersehen hätte, eine nicht geringe Meinung von ihren geistigen Fähigkeiten in sich aufgenommen. Diese reichten auch völlig für die häuslichen Geschäfte, für den Umgang mit dem Vater und den Freundinnen aus; trug sich aber etwas Außerordentliches zu, wurde sie von einem unerwarteten Ereignisse beängstigender oder erschreckender Art überrascht, so war es in einem Augenblicke vorbei mit ihrer Gedankenfähigkeit, sie war dann willenlos, Alles wurde ihr zu einem Gegenstande unklarer Besorgniß und sie folgte dann, ohne nachsinnen, ohne überlegen zu können, jedem Rathe, der ihr eben gegeben wurde und den sie vielleicht in einer andern ruhigen Stunde unbedingt verworfen haben würde. Die Ursache dieses Mangels an Selbstständigkeit war ohne Zweifel ihre beschränkte Erziehung und der einförmige Gang ihres Lebens, in dem ein Tag wie der andere, ohne die mindeste Abweichung von der einmal eingeführten Ordnung, verstrich. Der lebhafte Cornelius zeichnete sich durch seine körperlichen Vorzüge und durch die Gewandtheit seines Betragens zu sehr von den wenigen übrigen jungen Männern ihrer Bekanntschaft aus, um nicht, da er ihr auch sonst in Hinsicht auf die Glücksumstände seines Vaters am Nächsten stand, von ihr mit günstigen Blicken betrachtet zu werden. Die kecke Art und Weise, mit der er sich ihr näherte, seine heitere Laune und die leichte, aber doch zarte Anknüpfung eines innigeren Verhältnisses von seiner Seite, hatten ihr ganz und gar nicht mißfallen. Nur als er nach und nach anfing sich zu vergessen, als er länger bei ihr auf der Straße und in der Kirchthüre verweilte, als früher, und sein trauliches Flüstern zu van Vlietens Clötje’n die Aufmerksamkeit der Leute erregte, da begann das Mädchen nachzudenken und zu überlegen, und kam zu jenem Resultate, das den leichtgestimmten und auch ziemlich leichtsinnigen Cornelius in die chinesische Stube ihres Vaterhauses, in den Leib des Schiwa führte und sie selbst in eine Bestürzung brachte, die von dem eben beschriebenen Zustande der Gedankenunfähigkeit begleitet war.

Sie saß wie auf Kohlen ihrem Vater gegenüber im kleinen Gemache, das fern von dem Zimmer war, in dem sie den Geliebten zurückgelassen hatte. Ihre Hand zitterte, als sie dem alten Herrn den Thee kredenzte. Sie hatte den Zucker vergessen und er trank in seiner Aufgeregtheit den Thee hinunter, ohne das zu bemerken. Clelia sah bei aller Betretenheit wohl ein, daß ihr Vater einen gewaltigen Groll gegen die van Daalen im Herzen berge, aber sie wußte die Ursache nicht und vermochte jetzt auch nicht darüber nachzusinnen. Einzelne Ausrufungen, die er unter dem Theetrinken ausstieß, gaben ebensowenig einen weitern Aufschluß. Dieser Ausrufungen waren ohnehin nur drei, und so kräftig sie sich vernehmen ließen, so wenig klärten sie die Sache selbst auf. Als Herr Tobias die erste Tasse getrunken hatte, stieß er die chinesische Porzellanschale klirrend auf den Tisch und sagte im Tone heftiger Erbitterung: »Der Windmacher!« Bei der zweiten rief er ingrimmig: »Der Schwindelkrämer!« Die dritte ließ er unberührt stehn, indem er wild schrie: »Der Lump!« und dann hastig, ohne Clelia die gewöhnliche gute Nacht zu wünschen, in sein Schlafzimmer eilte, das er hinter sich verschloß.

In dumpfer, unklarer Erstarrung sah die Tochter ihm nach. Das hatte sie noch nie erlebt. Um zweier Tassen Thee willen, hatte es ihr Vater noch nie der Mühe werth gefunden, sich niederzusetzen; nur wenn er sein volles Dutzend genossen, bedurfte es einiger Ueberredung, ihn noch zu etlichen Schalen zu bewegen. Selten aber widerstand er einer solchen Ueberredung, oft wartete er sie kaum ab. Heute war das nun ganz anders gewesen, heute hatte Herr van Vlieten, zum erstenmale seit der Tochter Gedenken, das Prinzencollegium versäumt, nur wenigen Thee getrunken und seiner Clötje keine gute Nacht gegeben! Schreckliche Dinge mußten vorgegangen seyn, die den pünktlichen Mann aus seinem gewöhnlichen Lebensgleise rissen! Schreckliches erwartete gewiß die Tochter, wenn Tobias erst zur Besonnenheit, zu einem Entschlusse gekommen war!

Sie schlich schwankend aus dem Zimmer, wo die unterbrochene Theepartie statt gefunden hatte. In den Gängen des Hauses war es still und einsam. Das Gesinde befand sich in den Gemächern des Erdgeschosses. Wenn Herr Tobias sich einmal in seine Zimmer zurückgezogen hatte, so durften in der Regel die Diener keine Störung von seiner Seite mehr erwarten. Clelia war in einer Sinnenbetäubung, in der sie nur mit Mühe einen Gedanken, den an den versteckten Cornelius, festhalten konnte. Das Licht, das sie in der Hand trug, erschien ihr wie ein ferner, dämmernder Schein. Die Schläge ihres Herzens waren so stark, daß sie ihre Brust beengten und das geängstigte Mädchen einigemale stehen bleiben mußte, um Odem zu schöpfen. Endlich hatte sie die Thüre des großen Gemaches, das mit dem Schiwa und den chinesischen Wackelköpfen auch den gewesenen Kriegshauptmann Cornelius mit seinem unbesonnenen Feuerkopfe beherrbergte, erreicht. Ihre Hand fiel mechanisch auf den Griff der Thüre und diese öffnete sich.

Da zeigte sich ihrem ersten Blicke, der besorgt in das kerzenerhellte Zimmer fiel, der stillgeliebte Freund ihrer Seele. Er saß in einer sehr tiefsinnigen Haltung auf dem Postamente des Götzenbildes, mit untergeschlagenen Armen, mit niedergesenktem Haupte. Bei dem Eintritte Clelia’s machte er eine geringe Bewegung, die aber nur andeutete, daß er sie bemerkt habe. Er ließ die Zitternde auf sich losschreiten, er sagte kein Wort und verließ seinen Platz nicht. Als sie endlich mit dem blaßen, zerstörten Antlitze vor ihm stand, sah er die schweigende Jungfrau ebenfalls schweigend einige Augenblicke lang an, schüttelte dann mit dem Haupte und ließ aus tiefster Brust einen laut durch das Gemach klagenden Seufzer vernehmen. Sein Angesicht war dabei in ernste Falten verzogen, eine Wolke des Unmuths schwebte auf seiner Stirne, seine Augen, seine ganze Gebehrde, strebten Kummer und Wehmuth auszusprechen; allein ein anderer, der nicht so befangen und fassungslos, wie Clelia, gewesen wäre, hätte dieses ganze Aeußere als eine Larve und den Schalk hinter ihr erkannt.

»Um Gott, was fehlt Euch, Junker Cornelius?« fragte zitternd und zagend das Mädchen. »Wenn unsereins seufzt, so geschieht es gar vielemale nur zum Zeitvertreibe, wenn Ihr aber anfangt, so jämmerlich zu thun und zu stöhnen, so muß der Welt Untergang nahe seyn!«

»Er ist nahe;« versetzte dumpf und eintönig der junge Mann. »Ist unsere Liebe nicht unsere Welt? Bei dem Marschallsstabe des Prinzen Eugenius! so ist es und man hat unserer Liebe den Untergang geschworen. Ohne Liebe kann die Welt nicht bestehen. Sie geht unter: die Sonne erlischt, die Sterne sind ausgebrannt, die Erde fällt in Stücken.«

Er hatte diese letzten Worte mit einem mächtigen Pathos ausgesprochen und beobachtete nun die Wirkung, welche sie auf Clelia hervorbrachten. Sie war noch bleicher geworden, sie zitterte noch mehr. Cornelius sah ein, daß sie sich jetzt in jenem Zustand befand, wo sie keiner Ueberlegung fähig sey und den er zur Ausführung eines unbesonnen und leichtsinnig von ihm entworfenen Planes gerade geeignet fand.

»Ja, theuere Clelia,« fuhr er in einem Tone der Rührung und Weichheit fort, der ihm sehr schwer fiel, »man will uns trennen. Nicht für Tage, für Monden, für Jahre, nein! für das ganze Leben. Und um welcher nichtswürdigen Ursachen willen? Um welches elenden Dinges willen, das nicht einmal wagt, sich am Lichte des Tages zu zeigen, das mit Gewalt erst aus seiner dunkeln Verborgenheit hervorgerissen, gewaschen und geschlagen, zur Ehrlichkeit geprägt und gestempelt werden muß, damit es in der honetten Welt erscheinen kann? O, Gold, Gold, wie kann doch deine Macht die edelsten Herzen tirannisch und hart machen, die trefflichsten Gemüther, wahre Lammesnaturen, in grausame Tigerseelen verwandeln! Ja, Clelia, wir sollen getrennt werden. Als ich verborgen stand im Leibe des Schiwa, als ich durch seine großen Glasaugen, wie durch Fenster hinabsah in dieses Gemach, als ich unsere Väter hier erblickte, als der alte würdige Jeremias Hoontschoten zu ihnen getreten war, um ihnen eine Hiobspost zu verkündigen, als da im Ueberdrange der Leidenschaften ihre Seelen auf ihre Lippen traten — da, Clelia, liebwertheste Jungfrau — da habe ich schauderhafte Dinge gehört!«

Hier machte Cornelius wiederum eine Effectpause, die ganz seiner Absicht entsprach. Clelia sank wie erschöpft in einen Sessel. Dumpf lag es in ihrem Kopfe, ihre Erkenntniß war unklar, sie glaubte jetzt Alles, womit Cornelius drohen konnte, sie empfand nur die Furcht vor den schrecklichen Eröffnungen, die sie von ihrem Freunde zu erwarten hatte.