»Höre Jansen!« versetzte, von einem kühnen Gedanken ergriffen, Cornelius. »Jetzt lass’ mich ein Stückchen nach meiner Art versuchen. Gib mir die Jölle, die am Steuerbord anhängt, vier kühne Bursche und dein Brandwerk. Es ist dunkel genug zu einem Handstreiche. Während der Don anlegt und alle seine Leute auf einem Punkte zum Entern herbeidrängen, fahre ich unbemerkt auf seine andere Seite und heize ihm ein, daß er seine Schebecke bald für einen Backofen ansehen soll.«

»Respect!« erwiederte Jansen, indem er mit großen Augen auf ihn herabblickte. »Du verdientest ein Seemann zu seyn! Wenn dir der Streich gelingt, Cornelius, so ziehe ich meine Mütze vor dir und will nie mehr spotten über die Landkrebse.«

Er rief, während die angeordnete Haltung der Syrene mit der größten Pünktlichkeit bewerkstelligt wurde und sie der herannahenden Schebecke immer das Vordertheil zukehrte, Herrmanneke, den verwegenen Bootsmann, herbei und noch drei andere Matrosen, die er als die tollkühnsten der Mannschaft kannte. Piken und scharfgeladene Hakenbüchsen wurden von den übrigen in wilder Eil herbeigeschleppt. Nur wenige Worte flüsterte Jansen dem Bootsmanne und seinen Cameraden zu. Dann eilten diese, die gebräunten Gesichter zu einem grimmigen Lächeln verziehend, mit Cornelius an der Spitze nach dem Steuerborde. Niemand, als der Mann am Ruder bemerkte, wie sie leise an den Borden des Schiffes in die Jölle hinabglitten, wie der letzte von ihnen einen großen Kasten, mit einem Deckel von Eisenblech verwahrt, hinabschaffte und dann mit einer raschen Bewegung nachfolgte. Die Jölle stieß ab und näherte sich, indem die flachgehaltenen Ruder kaum hörbar über die Wellen hinschlugen, und ihr eigenes Schiff sie den Augen der Feinde verbarg, der Schebecke, die nun in wenigen Augenblicken die Enterhaken nach der Syrene auswerfen konnte. Das schwarze Gewölk am Himmel senkte sich drohender herab, es ward in diesem Augenblicke düsterer, als bisher, die gespannteste Erwartung verkündete sich in der allgemeinen Stille auf beiden Schiffen.

Jansens scharfes Auge bewachte jede Bewegung der Gegner. Er sah, wie ihre Absicht einzig und allein darauf gerichtet war, an Bord seines Fahrzeuges zu gelangen, um hier durch ihre Uebergewalt den Sieg zu erringen. Er erkannte, daß der entscheidende Augenblick gekommen sey.

»Feuer!« gebot seine Donnerstimme und die wohlbedienten Hakenbüchsen trafen in dieser Nähe so sicher, daß in der vordern Reihe der Spanier mehrere todt oder verwundet niederstürzten. Aber dieses Mißgeschick vermehrte nur die Wuth der andern. Mit fürchterlichem Gebrüll warfen sie die Enterhaken in den Vordertheil der Syrene; die Schiffe hingen aneinander, ein Haufe grimmiger Gestalten drang mit gehobenen Aexten und Säbeln von der Schebecke an Bord des holländischen Fahrzeugs. Der kräftige Jansen und seine kühnen Leute setzten ihnen den entschlossensten Widerstand entgegen.

»Hinab mit den Schurken! In die Wellen mit den Don’s!« schrie er und sein Arm schleuderte jeden, der sich ihm näherte, unwiderstehlich in die Flut. Aber immer stürmten neue Haufen heran und er sah nun ein, daß er die Anzahl der Gegner zu gering geschätzt hatte. Schon mußten die Holländer vor der drängenden Menge weichen, schon waren einige von ihnen gefallen und Jansen erkannte, daß er mit seinen Leuten unmöglich das Schiff halten könne — da stieg plötzlich ein weißlicher Dampf von dem Mittelborde der Schebecke auf und wurde im Fluge weniger Secunden zum dicken schwarzen Rauche, dem sogleich die ausbrechende Flamme folgte. Die Anzahl der angreifenden Feinde verminderte sich. Viele von ihnen eilten hin, um das Feuer zu dämpfen. Jansen und die seinigen drangen wieder vor.

»Sieg! Sieg! Oranien hoch! Die Geusen hoch!« jubelte Beckje, von der Höhe des Cajüten-Verdecks, die sie, um das Ganze überblicken zu können, eingenommen hatte. Die Mannschaft der Syrene stimmte ein. Vor ihrem neubelebten Muthe flohen die Gegner auf ihr brennendes Schiff zurück. Jansen packte mit Riesenkraft den letzten Spanier, der fliehend die Syrene verlassen wollte, und schleuderte ihn hinter sich auf das Verdeck.

»Den behalten wir zum Andenken an diesen Tag!« rief er. »Jetzt die Enterhaken weg, die Schiffe von einander! Der Spagnol mag allein zur Hölle fahren!«

Im Fluge des Augenblicks wurden seine Befehle ausgeführt. Alles griff zu den Rudern. Mit einer Schnelligkeit, als hätte sie Flügel, entfernte sich die Syrene aus der gefahrdrohenden Nähe der aufflammenden Schebecke. Aller Blicke hingen an dem Schiffe, dessen entsetzliche Lage das Angstgeschrei der Mannschaft verkündigte. In diesem Momente brachen sich die Wolken, die Sonne strahlte vom Himmel herab. Jansen sah, wie die Schaluppe der Schebecke ausgesetzt wurde, um wahrscheinlich die Bemannung aufzunehmen. Das Feuer griff weiter um sich, es wüthete schon in dem Tauwerk und den Masten. »Möchten sie sich retten!« wünschte Jansen, dessen Mitleidsgefühl größer war, als der Haß, den er auf die Spanier geworfen hatte. Aber er mußte sehen, wie die Schaluppe, als sie die Oberfläche des Wassers berührte, umschlug und von den Wellen fortgerissen wurde. Ein herzzerreißender Schrei der Verzweiflung klang von dem spanischen Schiffe herüber. Zu gleicher Zeit wurde aber Jansens Aufmerksamkeit von einem andern Gegenstande gefesselt. Hinter der nächsten Insel bewegte sich mit schwellenden Segeln und die Flagge der vereinigten General-Staaten entfaltend, ein stattlicher Kutter hervor.

»Zu spät!« sagte Jansen unwillig für sich. »Eine Viertelstunde früher und Alles wäre anders gekommen!«